Ich hatte zu meiner Überraschung erfahren, daß die Ubar der Kassars, der Kataii und der Paravaci eben jene drei Männer waren, die ich zusammen mit Kamchak bei meinem ersten Kontakt mit den Wagenvölkern getroffen hatte — Conrad, Hakimba und Tolnus. Was ich für eine Gruppe von Vorhut-Reitern gehalten hatte, war in Wirklichkeit eine Versammlung von Ubar gewesen; aber auch bei den anderen Völkern spielte ein anderer Mann den Stammesfürsten, während sich der wahre Ubar im Hintergrund hielt.
Ich wurde fast das Opfer der Bogenschützen, als ich mit meinem Tarn im Lager der Kataii landete, doch mein schwarzes Lederwams mit dem Emblem der vier Boskhörner ebnete mir schließlich den Weg, und ich wurde zur Plattform des Ubar der Kataii geführt und durfte unmittelbar mit Hakimba sprechen.
Wie erwartet, zeigte Hakimba wenig Interesse an meiner Schilderung der Probleme und Sorgen, die die Tuchuks hatten.
Offensichtlich bedeutete es ihm nichts, daß die Paravaci die Herden und Wagen der Tuchuks überfielen, während die meisten Krieger dieses Volkes in Turia gebunden waren. Andererseits mißbilligte er die Tatsache, daß dieser Überfall ausgerechnet während des Omenjahres stattfand, welches im allgemeinen eine Zeit des Friedens zwischen den Wagenvölkern ist. Ich spürte auch seine Wut, als ich von der möglichen Verbindung zwischen den Paravaci und den Turianern sprach und die Vermutung äußerte, daß die Aktion der Paravaci nur dazu dienen könnte, die Tuchuks wieder aus der Stadt zu locken. Aber obwohl Hakimba einiges gegen das Verhalten der Paravaci einzuwenden hatte, hielt er ein Eingreifen seiner eigenen Leute nicht für ratsam.
»Wir haben unsere eigenen Wagen«, sagte er. »Es sind nicht die Wagen der Tuchuks. Wenn die Paravaci unsere Wagen angreifen, kämpfen wir. Vorher nicht.«
Hakimba ließ sich nicht rühren, und ich stieg schließlich schweren Herzens wieder in den Sattel meines Tarn.
Ich blickte auf den Ubar der Kataii hinab und sagte: »Ich habe gehört, daß die Paravaci unsere Bosks töten.«
Hakimba sah mich an. »Sie töten Bosks?« fragte er skeptisch.
»Ja«, sagte ich, »und schneiden ihnen die Nasenringe heraus, um sie in Turia zu verkaufen, wenn sich die Tuchuks von dort zurückgezogen haben.«
»Das ist schlimm«, sagte Hakimba.
»Wirst du uns helfen?«
»Wir haben unsere eigenen Wagen — wir werden sie bewachen.«
»Was wirst du machen, wenn sich im nächsten Jahr die Paravaci und die Turianer gegen die Kataii wenden — und eure Bosks töten?«
»Die Paravaci«, sagte Hakimba langsam, »würden gern die Führung der Wagenvölker übernehmen — und alle Bosks. Wenn die Paravaci angreifen, kämpfen wir.«
Ich zog am ersten Zügel, ließ meinen Tarn aufsteigen und flog über die Prärie meiner Tausendschaft entgegen, die auf dem Weg zum Tuchuklager war.
Bei meinem Flug vermochte ich das Omental einzusehen, wo die Haruspexe noch immer am Werk waren. Ich lachte bitter.
Nach wenigen Ehn hatte ich meine Tausendschaft eingeholt und meinen Tarn fünf Männern übergeben, die das Tier bewachen würden, bis der Wagen nachkam.
Nach einer Ahn kehrte auch Harold von seiner Mission zurück und stieg auf den Rücken seiner Kaiila um. Ich bemerkte mit Freude, daß er mit dem Tarn schon recht gut umzugehen verstand. Offensichtlich hatte er sich in den Tagen seit unserer Flucht aus Saphrars Burg mit den Sattelzügeln und den Angewohnheiten und Reaktionen des Vogels vertraut gemacht.
Niedergeschlagen ritt er an meine Seite und sah mich an.
Harolds Mission bei den Kassars war ebenso fruchtlos gewesen. Conrad war ebenfalls nicht gewillt, seine Streitkräfte für die Verteidigung der Tuchukherden einzusetzen. Wir fragten uns, warum uns Kamchak einen Auftrag gegeben hatte, der von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen war.
Unsere Kaiila waren erschöpft, als wir das Wagenlager und die Herden der Tuchuks erreichten, und wir waren nur zweitausend. Hunderte von Wagen brannten, und überall waren Kämpfe im Gange. Tausende von Bosks lagen tot im Gras, mit durchschnittenen Kehlen und herausgerissenen Nasenringen.
Die Männer hinter uns stimmten ein Wutgebrüll an. Harold führte seine Tausendschaft zwischen die Wagen und suchte den Kampf, wo immer er einen Paravaci fand. Er wußte, daß seine Streitmacht in fünfzehn oder zwanzig Ehn aufgerieben sein würde, daß sich die Männer zwischen den Wagen verlieren mußten. Aber seine Mission war wichtig. Ich hatte mir den Präriekampf vorgenommen. Ich führte meine Tausendschaft am Rand der Herde entlang, bis wir auf hundert oder zweihundert Paravaci stießen, die damit beschäftigt waren, Tuchukbosks niederzumetzeln. Die Männer, die mit ihren Quivas und Äxten in der Hand erschreckt aufblickten, wurden in Sekundenschnelle niedergemacht. Da sahen wir, wie sich auf einem Hügel Tausende von Paravacikriegern formierten, die offensichtlich für eben diesen Augenblick im Hinterhalt gelauert hatten. Schon bestiegen die Krieger ihre frischen Kaiila. Wir hörten Boskhörner, die die Hundertschaften der Paravaci zusammenriefen, sahen ihre Waffen blitzen.
Ich hob den Arm, stieß einen Schrei aus und führte meine Tausendschaft auf die Paravaci zu, in der Hoffnung, sie zu erwischen, ehe sie sich formieren und angreifen konnten. Unsere Boskhörner ertönten, und meine kühne Tausendschaft, müde, auf erschöpften Kaiila, machte ohne Zögern Front und folgte mir in unseren Angriff auf den Kern der paravacischen Streitkräfte.
Sekunden später standen wir mitten im Kampf — wirbelten durch die halbformierten und verwirrten paravacischen Hundertschaften, hieben nach links und rechts, brüllten den Kriegsschrei der Tuchuks. Ich wollte nicht so lange auf dem Hügel bleiben, bis uns die linken und rechten Flanken der Paravaci einschließen konnten, und nach wenigen Ehn — als gerade die Mitte der Paravaci zurückwich — bliesen unsere Boskhörner schon wieder zum Rückzug — Sekunden, bevor die Flanken uns in die Zange nehmen konnten. Wir stießen zurück und die beiden Paravacihorden standen sich plötzlich ohne einen Gegner gegenüber, während wir uns langsam durch unsere Bosks zurückzogen, die wir als Schilde benutzten. Wir hielten uns allerdings so nahe, daß sich kleine Paravaciabteilungen den Tieren nicht mehr ungestraft nähern konnten.
Wir waren zwischen den Bosks einigermaßen in Sicherheit, und ich ordnete eine Ruhepause an.
Doch die Paravaci schlossen sich zu einem gewaltigen Block zusammen, näherten sich langsam der Herde und drängten hinein. Offensichtlich wollten sie dabei links und rechts Tiere töten, um auf diese Weise mit uns aufzuschließen.
Wieder dröhnten unsere Boskhörner, und meine Tausendschaft trieb die Tiere mit Lanzen an, wendete sie in Richtung Feind. Tausende von Tieren galoppierten bereits auf die näherrückenden Paravaci zu, die nun erst durchschauten, was geschah. Die Bosks bewegten sich immer schneller, begannen zu knurren und zu schnauben. Und während die Boskhörner der Paravaci verzweifelt klagten, begannen unsere Bosks loszustürmen, die mächtigen Köpfe mit den gefährlichen Hörnern nickten auf und nieder, und die Erde begann zu zittern, und meine Männer brüllten lauter und trieben die Tiere weiter an, ritten inmitten der unaufhaltsamen Flut, und die Paravaci schrien entsetzt auf und wollten ihre Kaiila wenden, doch die nachfolgenden Reihen drängten nach, und die Krieger ritten verwirrt durcheinander und versuchten die Signale ihrer Boskhörner auszumachen. Und im nächsten Augenblick stieß die Herde mit gesenkten Boskhörnern ins Ziel.
Es war die Rache der Bosks. Die erschreckten, orientierungslosen Tiere donnerten in die Linien der Paravaci und vernichteten wahllos Kaiila und ihre Reiter, und wer sein Tier noch wenden konnte, ritt um sein Leben.
Einige Augenblicke später, inmitten der dahinrasenden Bosks reitend, gab ich den Befehl, die Herde abzudrängen und sie zu den Wagen zurückzutreiben. Die fliehenden Paravaci hatten auf ihren schnellen Kaiila keine Mühe, der Herde zu entkommen, und ich wollte die Tiere nicht auf der ganzen Prärie verstreuen, wo die Paravaci leichtes Spiel mit ihnen hatten, wenn sie den Kampf wieder aufnahmen.