Das hatte er auch nicht. Die Käfer fluteten über die Lanzenspitze hinweg wie zuvor über den Fuß der Mumie. Sie versuchten erst gar nicht, dem rostigen Eisen Schaden zuzufügen, sondern rannten unbeeindruckt weiter - aber nicht sehr lange. Atons Augen wurden groß vor Schreck, als er sah, wie die Bewegungen der Tiere, die mit der Lanzenspitze in Berührung gekommen waren, langsamer wurden und schließlich ganz erlahmten - weil sie sich wieder in Holz, Ton und Bronze zurückverwandelten!
Die Lanzenspitze bewegte sich hin und her, und bei jedem einzelnen Skarabäus, dessen Weg sie kreuzte, erlosch der Zauber, der ihn zum Leben erweckt hatte. Die Zahl der Käfer war beträchtlich, aber die Lanzenspitze pflügte mit tödlicher Präzision durch das Insektenheer, und auch wenn es noch dauern mochte - der Moment war abzusehen, in dem Atons Leibwache nur noch aus leblosem Ton und Stein bestehen würde.
Mit wachsender Verzweiflung sah sich Aton nach einem Fluchtweg um. Zwischen ihm und der einzigen Tür befand sich die Mumie. Bis zum Fenster waren es nur wenige Schritte, aber es war verschlossen, und Aton wußte, daß das Glas so stark war, daß er ihm allenfalls mit einem schweren Hammer beikommen würde. Er saß in der Falle. Der größte Teil der Skarabäen war bereits erstarrt, und es konnte nur noch Augenblicke dauern, bis sein magischer Schutz endgültig dahin war.
Wenn er wenigstens eine Waffe gehabt hätte! Aber der zusammengedrückte Kreis, in dem er gefangen war, war leer bis auf die beiden Kanopenkrüge und die Opferschalen, in denen die Feuer brannten. Er konnte allerhöchstens mit Tonkäfern nach der Mumie werfen.
Das brachte ihn auf eine Idee. Inmitten der Käferschar lagen kleine Fetzchen der Bandagen, die die Käfer vom Fuß der Mumie abgerissen hatten. Voller Ekel und mit spitzen Fingern nahm Aton eines davon auf und warf es ins Feuer. Der Stoff flammte auf und zerfiel binnen einer Sekunde zu Asche.
Aton zögerte nicht länger. Die Zahl seiner Beschützer war mittlerweile allenfalls noch dreistellig. Wenn er noch weiter wartete, brauchte er sich gar keine Gedanken mehr zu machen. Entschlossen hob er die Opferschale auf, drehte sich herum und goß die brennende Flüssigkeit über der Mumie aus.
Das Ergebnis übertraf seine kühnsten Hoffnungen. Nur wenige Tropfen der brennenden Flüssigkeit fielen zu Boden; der allergrößte Teil sickerte sofort in die uralten, staubtrockenen Binden ein - und die Mumie stand in hellen Flammen!
Es ging so schnell, daß Aton kaum wirklich sah, was passierte. Dreitausend Jahre alter Stoff, vertrocknete Haut und mürbe Knochen glühten auf und zerfielen binnen Sekunden zu Asche. Der ganze Vorgang dauerte nicht einmal eine halbe Minute.
Doch so kurz die Flammen auch brannten, sie brannten heiß genug, einen der zahlreichen elektronischen Wachhunde des Hauses auszulösen. Der magischen Katastrophe folgte eine computergesteuerte. Aton fand nicht einmal Zeit, Erleichterung zu empfinden, da löste die automatische Brandschutzanlage den Sprinkler aus, und ein eiskalter künstlicher Wolkenbruch ging auf Aton herab. Die Überreste der Mumie und die zahllosen kleinen Brandherde auf dem Boden erloschen zischend, eine Sekunde später auch das Feuer in der zweiten Opferschale.
Trotzdem wurde es nicht dunkel. Aton nahm erst jetzt das flackernde blaue Licht, das durch das Fenster hereinfiel, wahr und das schrille Kreischen und Heulen, das sich in den noch immer anhaltenden Lärm hier drinnen mischte. Der magische Sturm hielt weiter an, schien sogar noch schlimmer zu werden. Wie war er eigentlich auf die Idee gekommen, daß es nur diese einzige Mumie gab? Wahrscheinlich stritten sich dort draußen gerade Dutzende von diesen Biestern darum, wer ihm den Garaus machen durfte!
Eine Reihe dumpfer, lang nachhallender Schläge traf die Haustür, und einen Augenblick später hörte er das Klirren von Glas. Sie kamen, um ihn zu holen!
Aton fuhr herum und stürmte aus dem Zimmer. Die Haustür flog mit einem ungeheuren Krachen aus dem Rahmen, und ein grelles, blauweißes Licht stach wie ein Messer in Atons Augen. Halb blind fuhr er herum, riß schützend die Hand über das Gesicht und stolperte in die entgegengesetzte Richtung davon - und direkt in die Arme einer anderen Gestalt, die das Haus offensichtlich durch die Hintertür betreten hatte. Starke Hände schlossen sich um Atons Oberarme und hielten ihn mit unbarmherziger Kraft fest. Aton bäumte sich auf und warf sich mit aller Gewalt zurück, aber es war zwecklos. Das grelle Licht stach unbarmherzig in seine Augen, obwohl er die Lider fest zusammengepreßt hielt, und jemand begann ihn heftig zu schütteln und schrie etwas, was er nicht verstand.
Vermutlich war es das, was ihn wieder zur Besinnung brachte. Die Mumie hatte ihn nicht angeschrien. Sie hatte ihm auch nicht mit einer Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet, und sie hatte erst recht keine grüne Uniform mit einer dazu passenden Schirmmütze getragen, unter der ein blonder Pferdeschwanz hervorquoll, wie die junge Polizistin, die ihn gepackt hatte und ihn sanft, aber beharrlich schüttelte.
»So beruhige dich doch!« sagte sie. »Was ist los? Bist du verletzt? Was ist hier passiert?«
»Petach«, stammelte Aton. »Er ist tot, und ... die Mumie ... oben ...«
Obwohl die Polizeibeamtin kaum verstanden haben konnte, was er mit diesen gestammelten Worten meinte, schien sie für den Moment genug gehört zu haben. Vorsichtig, aber mit großem Nachdruck drehte sie Aton herum und schob ihn auf die offenstehende Hintertür zu. »Ich bringe den Jungen raus«, wandte sie sich an ihre Kollegen, die durch die Vordertür hereingekommen waren. »Seht oben nach. Da ist ein Fenster eingeschlagen!«
Aton sah aus den Augenwinkeln, wie die beiden Beamten ihre Pistolen zogen und hintereinander die Treppe hinaufstürmten - als ob menschliche Waffen gegen das, was über dieses Haus hereingebrochen war, irgend etwas nutzten! Aber er sagte nichts. Die Männer hätten ihm sowieso nicht geglaubt. Wenn er es recht bedachte, dann glaubte er das, was ihm gerade zugestoßen war, ja selber nicht.
Sascha
Insgesamt hatte die Alarmanlage drei Polizeiwagen herbeigerufen, deren Besatzungen das Haus vom Keller bis zum Dachboden durchsuchten, während die junge Beamtin mit dem Pferdeschwanz Aton zu einem der wartenden Wagen führte. Als sie das Haus verließen, erlebte Aton eine weitere Überraschung: Von Sturm und Schnee war keine Spur mehr zu sehen. Rings um das Haus entdeckte Aton Schneeverwehungen und Rauhreif, aber tatsächlich nur in unmittelbarer Nähe - schon zwanzig Meter entfernt waren die Straße und das dahinterliegende Feld trocken und vollkommen eisfrei.
Den Sturm schien es nie gegeben zu haben, die Luft stand vollkommen unbewegt.
Trotzdem fror Aton erbärmlich - schließlich hatte ihn die Sprinkleranlage bis auf die Haut durchnäßt. Die Polizistin nahm eine Decke aus dem Kofferraum und legte sie ihm um die Schultern, doch Atons Zähne klapperten ebenso heftig weiter, wie seine Hände zitterten.
Die junge Frau sah ihn kopfschüttelnd an, dann sagte sie besorgt: »Soll ich einen Krankenwagen rufen?«
»Nein«, antwortete Aton erschrocken. »Mir fehlt nichts.«
»Ja, das sehe ich«, antwortete die Beamtin spöttisch. »Du zitterst nur wie Espenlaub.«
»Mir ist kalt«, antwortete Aton. Das war die Wahrheit - aber nicht der Grund für sein Zittern. Er brauchte einfach Zeit, um sich eine passende Geschichte einfallen zu lassen. Die Wahrheit würde ihm garantiert niemand glauben. Jetzt, wo der einzige Zeuge tot war, schon gar nicht.
»Ich habe eine Thermoskanne mit heißem Tee im Wagen«, sagte die Polizistin. »Möchtest du eine Tasse?«
Aton nickte heftig. Schon der Gedanke an etwas Warmes zum Trinken kam ihm schlichtweg paradiesisch vor. Daß der Schneesturm nun vorbei war, bedeutete nicht etwa, daß es warm gewesen wäre: im Gegenteil. Es war so bitter kalt, daß ihr Atem kleine Dampfwölkchen in die Luft zauberte und die Scheiben des Streifenwagens beschlagen waren.