Выбрать главу

»Yassir«, sagte ihr Führer plötzlich und deutete auf einen etwas abseits stehenden, hochgewachsenen Mann, dessen Gesicht sich hinter einem schwarzen Vollbart verbarg, so daß man sein wahres Aussehen nur erahnen und sein Alter nicht einmal schätzen konnte. Sascha bedankte sich, reichte ihm einen zweiten Geldschein und wartete, bis der Mann verschwand. Erst dann gingen sie weiter.

Yassir hatte sie natürlich mit dem kundigen Blick eines Mannes, der von ahnungslosen Opfern wie ihnen lebte, längst entdeckt und eilte ihnen entgegen, ehe einer seiner Kollegen ihm die vermeintlichen Kunden vor der Nase wegschnappen konnte. Ein breites Lächeln teilte seinen struppigen Vollbart.

»English? Français? Deutsch?« fragte er, jeweils in der Landessprache und mit dem passenden Akzent. Yassir schien ein wahres Sprachtalent zu sein.

»Sie sind Yassir?« fragte Aton rasch. Sascha warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. Sie hatten sich auf dem Weg hierher verständigt, daß sie die Unterhaltung führen und Aton zuerst einmal nur zuhören sollte.

»Ich Yassir«, bestätigte der Ägypter. »Sie suchen Führer? Yassir bester Führer von ganz Ägypten.«

»Wir sind -« begann Aton, aber Yassir ließ sich überhaupt nicht beeindrucken, sondern fuhr in gebrochenem Deutsch und sehr schnell fort:

»Yassir zeigen euch Pyramiden. Yassir kennen alle Geheimnisse. Und Yassir billig.«

»Wir wollen keine Führung«, sagte Aton. »Wir sind -«

»Yassir wissen gut Geheimnis«, prahlte Yassir weiter. »Und Yassir kein Betrüger, keine Angst haben. Wollen sehen Königsgräber? Yassir zeigen für kleines Bakschisch. Nicht teuer. Und Yassir kennen große Geheimnis. Keiner anderer Führer wissen. Zeigen euch -«

»Petach schickt uns«, unterbrach ihn Aton.

Sofort hörte Yassir auf, seine Dienste und Geheimnisse anzupreisen, und sein verschmitztes Lächeln verschwand von seinem Gesicht und machte einer ernsten Miene Platz. Für einen flüchtigen Moment kam Aton Yassirs Gesicht bekannt vor, aber dieser Eindruck verschwand so schnell, wie er gekommen war.

»Warum hast du das nicht gleich gesagt?« fragte er mit veränderter Stimme und in akzentfreiem Deutsch.

»Sie haben mich ja nicht zu Wort kommen lassen«, antwortete Aton. »Wir müssen mit Ihnen reden, aber nicht hier.« Er machte eine Geste in die Runde. »Was wir zu besprechen haben, muß nicht jeder hören.«

Yassir maß ihn mit einem langen, prüfenden Blick von Kopf bis Fuß. »Du bist dieser Junge?« vermutete er. »Aton?«

»Anscheinend gibt es niemanden in ganz Ägypten, der mich nicht kennt«, murmelte Aton, aber Yassir blieb ernst.

»Petach hat von dir gesprochen«, sagte er. Dann deutete er auf Sascha. »Wer ist das?«

»Eine Freundin«, erwiderte Aton. »Sie können ihr vertrauen. Sie weiß alles.«

Yassir sah Sascha noch einmal an, dann wies er auf eines der Zelte und drehte sich rasch herum. »Kommt mit!«

Sie folgten dem Ägypter, aber Sascha deutete Aton mit einer verstohlenen Geste, ein wenig zurückzubleiben. »Ich traue ihm nicht«, flüsterte sie. »Gib acht auf das, was du sagst. Am besten verrätst du ihm so wenig wie möglich und läßt ihn reden.«

Aton nickte zwar, konnte aber ein Grinsen nicht ganz unterdrücken. Auch wenn Sascha sich alle Mühe gab, die unbedarfte Touristin zu spielen, so konnte sie doch ihr Polizistinnenherz nicht ganz verhehlen. Davon abgesehen hatte sie völlig recht. Auch er hatte sich bereits vorgenommen, vorsichtig zu sein. Daß Yassir ein Freund Petachs war, bedeutete ja nicht automatisch, daß er auch Atons Freund war. Er wußte ja nicht einmal, ob Petach wirklich auf seiner Seite stand.

Dicht hinter dem Ägypter betraten sie das Zelt, das so niedrig war, daß sie darin nicht aufrecht stehen konnten. Die Einrichtung war spärlich. Ein paar Decken, eine kleine Holzkiste und einige Kissen, die sich um ein auf dem Boden stehendes, kupfernes Tablett mit einer Wasserpfeife und einem Teekessel gruppierten. Yassir deutete auf die Sitzgelegenheiten und nahm selbst als erster Platz. Als er nach dem Teekessel griff, wollte Sascha den Kopf schütteln, aber Aton hielt sie mit einem Blick im letzten Moment davon ab. Die Gastfreundschaft eines Orientalen zurückzuweisen wäre eine schwere Beleidigung für diesen.

Yassir griff in die Kiste und nahm einen faustgroßen Brocken Kandiszucker heraus. Während er ihn mit der rechten Hand über eines der Gläschen auf dem Tablett hielt, hob er mit der linken den Kessel und ließ den Tee über das Zuckerstück in das Gläschen laufen. Er wiederholte den Vorgang zweimal, trocknete das Zuckerstück sorgfältig ab und verstaute es wieder in der Kiste.

Aton spürte, wie Sascha neben ihm vor Ungeduld immer nervöser wurde, und warf ihr einen weiteren, warnenden Blick zu. Diese Art der Teezeremonie war ihm zwar fremd, aber er wußte von seinem Vater, daß solche Dinge meist eine tiefe und sehr ernste Bedeutung hatten.

»Petach hat dich also zu mir geschickt«, begann Yassir, nachdem er einen winzigen Schluck von seinem Tee getrunken und gewartet hatte, bis sie es ihm gleich taten. »Warum? Wo ist er? Wie geht es ihm?«

»Er ist tot«, sagte Sascha rasch. Das war alles andere als diplomatisch oder gar feinfühlig, aber Aton vermutete, daß das Absicht war, um Yassir aus der Fassung zu bringen und so vielleicht seine wahren Beweggründe zu erkennen. Aber wenn, dann ging dieser Versuch ziemlich schief.

Yassir lachte nur. »Kaum«, antwortete er. Er sah Sascha dabei nicht einmal an, sondern konzentrierte sich voll und ganz auf Aton. »Was ist passiert?« fragte er.

Aton nippte an seinem Tee, bevor er antwortete. Er war sehr heiß, sehr stark und so süß, daß es schon fast ekelhaft war. Aber Aton leerte tapfer sein Glas mehr als zur Hälfte, dann stellte er es behutsam ab und erzählte Yassir, was sich am vergangenen Abend zugetragen hatte. Nicht alles - den Schluß der Geschichte und die Rolle, die Sascha dabei gespielt hatte, ließ er völlig weg, was seiner Erzählung ein wenig Glaubwürdigkeit nahm, denn nun klang es so, als wäre er den Verfolgern gänzlich aus eigener Kraft entkommen. Aber Yassir sagte nichts, sondern lauschte schweigend seinen Worten. Nur sein Gesichtsausdruck wurde immer düsterer. »Ihre Macht muß wirklich gewaltig angewachsen sein«, sagte er schließlich. »Oder sie sind ziemlich verzweifelt.« Seine Stimme klang verändert, als er fortfuhr. »Aber deine Geschichte erklärt vieles!«

»Und was?« fragte Aton.

»Manches, was bisher keinen Sinn zu haben schien, ergibt nun einen«, antwortete Yassir mit leiser, besorgter Stimme, die Aton mit Unbehagen erfüllte.

»Was meinen Sie damit?« fragte Sascha.

Statt zu antworten, trank Yassir in aller Ruhe einen weiteren Schluck seines Tees, dann stand er auf und deutete ihnen mit einer Geste, ihm zu folgen. Sascha tauschte einen fragenden Blick mit Aton, den dieser nur mit einem Achselzucken beantworten konnte. Sie erhoben sich beide und traten hinter dem Ägypter aus dem niedrigen Zelt.

Obwohl sie nur kurze Zeit drinnen verbracht hatten, blinzelte Aton im ersten Moment in das ungewohnt grelle Sonnenlicht. Es war nicht sehr warm; die Jacke, die er auf Saschas Drängen hin übergestreift hatte, tat nun gute Dienste. Aber es wurde ihm sehr schnell klar, daß das Frösteln, das er verspürte, mehr aus seinem Inneren kam als von den niedrigen Temperaturen. Trotz der strahlenden Sonne und des blauen Himmels war ihm unheimlich zumute. Und er war nicht allein mit diesem Gefühl. Sascha ging dicht neben ihm, während sie dem Ägypter folgten. Er konnte die Unruhe der jungen Frau deutlich spüren. Ihre Finger bewegten sich nervös, ohne daß sie selbst es zu merken schien, und einmal wandte sie den Kopf und sah sich rasch nach allen Seiten um, als erwarte - nein, befürchte - sie, irgend etwas zu sehen, was nicht da sein sollte. Aton verdrängte den Gedanken. Wenn er jetzt schon anfing, am hellen Tag und in der Gegenwart Hunderter Menschen Angst zu haben, konnte er ebensogut aufgeben, denn dann hatten seine Gegner schon gewonnen.