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Saschas Gedanken mußten sich auf ganz ähnlichen Bahnen bewegen wie seine, denn auch sie sah sich eine Weile unschlüssig und mit düsterem Gesicht um und wandte sich dann wieder an den Ägypter. »Und wie kommen wir jetzt zurück?« fragte sie.

»Das wird nicht leicht«, antwortete Yassir. »Es gibt hier eine Bahnlinie, aber ich weiß nicht, wie oft die Züge verkehren. Vielleicht kann ich etwas organisieren«, fügte er hastig hinzu, als er sah, wie Sascha und Aton gleichzeitig erschrocken zusammenfuhren. »Wir sollten so schnell wie möglich die Stadt erreichen. Ich werde versuchen, ein paar Freunde dort anzurufen, die uns helfen können.«

»Dann sollten wir keine Zeit mehr verlieren«, sagte Sascha bestimmt. Sie machte eine fragende Handbewegung. »Welche Richtung?«

Yassir antwortete nicht gleich, sondern sah sich abermals einige Sekunden lang suchend um. Schließlich deutete er irgendwo in die Dunkelheit hinein. »Dort entlang. Der Weg ist etwas weiter, aber ich denke, dafür auch sicherer.«

»Weshalb ist der andere unsicher?« wollte Sascha wissen.

»Es ist nichts«, versicherte Yassir hastig. »Aber wir müßten direkt durch die Tempelruine. Das ist bei dem schlechten Licht nicht ganz ungefährlich.«

Weder Sascha noch Aton widersprachen dem Ägypter. Nach dem, was hinter ihnen lag, verspürten auch sie wenig Lust, einen Tempel zu betreten, der einer der alten ägyptischen Gottheiten geweiht war, gleich, ob sie nun auf ihrer Seite oder der Osiris' oder der anderen stand.

Sie hatten gerade erst einige wenige Schritte zurückgelegt, da ertönte hinter ihnen, genau dort, wo der verborgene Eingang zu dem unterirdischen Flußlabyrinth lag, ein Geräusch, das sie alle drei auf Anhieb erkannten, noch ehe sie herumfuhren und die hundeköpfige Gestalt sahen, die sich mit roher Gewalt ihren Weg durch das Dornengestrüpp brach. Hinter ihr wuchsen ein zweiter, dritter und vierter Schatten aus dem Boden.

»Nach Norden!« schrie Yassir. »Lauft nach Norden.«

Aton hatte keine Ahnung, wo Norden war, und er lief einfach drauflos. Hinter ihnen erschall zorniges Heulen, und das Geräusch splitternder Äste wurde von einem hastigen Trappeln abgelöst, in das sich hechelnde Laute mischten. Aton wußte, daß sie keine Chance hatten, ein Wettrennen mit diesen Kreaturen zu gewinnen, und Yassir schien in diesem Moment zu demselben Schluß zu kommen, denn er schwenkte scharf nach rechts ab, und Sascha und Aton folgten ihm sofort.

»In den Tempel!« schrie Yassir. »Schnell!« Gleichzeitig deutete er auf den schwarzen Umriß, den er noch vor kaum einer Minute unbedingt hatte umgehen wollen.

Die Verfolger kamen immer näher. Aton glaubte ihre hechelnden, heißen Atemzüge bereits im Nacken zu spüren, und die bloße Vorstellung gab ihm noch einmal zusätzliche Kraft, schneller zu laufen. Mit einem gewaltigen Satz überwand er einen Mauervorsprung, der vor ihm aus der Dunkelheit emporwuchs, hörte ein schrilles Jaulen und einen dumpfen Aufprall hinter sich, und plötzlich waren Säulen vor ihm; gewaltige Felsquader und schräg aufeinander zulaufende Wände, zwischen denen nur noch ein kleiner Ausschnitt des Nachthimmels sichtbar war.

»Hier entlang! Folgt mir!« Yassirs Stimme erklang irgendwo in der Dunkelheit vor ihnen. Aton konnte ihn selbst nicht mehr sehen, orientierte sich aber an Saschas Schatten, der dicht vor ihm herhetzte. Sie liefen eine zerborstene, nur aus fünf oder sechs Stufen bestehende Treppe hinauf und stürmten durch etwas, was einmal ein Saal gewesen sein mußte, vorbei an niedergebrochenen Mauerresten, formlosen Schatten, die am Tage sicherlich einen prachtvollen Anblick geboten hätten. Bei der herrschenden Dunkelheit aber verwandelten sie sich in tödliche Fallen. Jeder Schritt schien Aton gefährlicher als der vorhergehende, und ein einziger Fehltritt oder gar ein Sturz konnten das Ende bedeuten, denn die Hundekrieger waren dicht hinter ihnen.

Allerdings hörte er ihre Schritte gar nicht mehr. So wagte er es schließlich, sich trotz des Risikos kurz im Laufen herumzudrehen - und erlebte eine Überraschung.

Er war allein. Die Verfolger waren zurückgeblieben und standen in einer knurrenden, zornig gestikulierenden Gruppe da, fast als stellte der Eingang des Tempels eine unsichtbare Grenze dar, die sie nicht zu überschreiten wagten.

Aton lief noch einige Schritte und blieb schließlich stehen, und nach ein paar Sekunden gesellten sich auch Sascha und Yassir wieder zu ihm. Der Anblick der unschlüssig dastehenden Hundekrieger schien die beiden ebenso zu überraschen wie ihn, denn sie blickten eine ganze Weile schweigend zu der Gruppe zurück, die zwar immer unruhiger und lauter wurde, es aber nicht wagte, näher zu kommen. Auch Aton konnte sich eines abermaligen Fröstelns nicht erwehren, denn das Benehmen der Hundekrieger bewies eindeutig, daß dieser Tempel mehr war als ein Haufen tot daliegender Steine.

»Was haben sie?« fragte Sascha.

»Sie wagen es nicht, den Tempel zu betreten«, antwortete Yassir. »Dieser Ort ist Bastet geweiht.«

»Dann sind wir hier in Sicherheit?«

Yassir zögerte eine Sekunde. »Ich weiß es nicht. Wir können jedenfalls nicht einfach hierbleiben.« Er sah sich einige Sekunden unschlüssig um und deutete dann zögernd in die Richtung, in die sie bisher gelaufen waren. »Dort drüben beginnt die Straße. Wenn wir sie erreichen, haben wir vielleicht eine Chance.«

Die Idee gefiel Aton nicht besonders. Sobald sie den Tempel verließen, würden die unheimlichen Kreaturen sie wieder verfolgen, und er sprach das auch laut aus.

»Das stimmt«, bestätigte Yassir. »Aber der Tempel ist sehr groß. Wenn sie ihn umgehen müssen, verlieren sie viel Zeit. Wenn wir direkt über das Gräberfeld laufen, schneiden wir sicher zwei Kilometer ab.«

»Und es wird bald hell«, fügte Sascha hinzu.

Aton fragte sich, woher sie wußte, daß Osiris' Krieger ihnen nur in der Nacht gefährlich waren. Denn daß sie bisher nur in der Dunkelheit zugeschlagen hatten, bedeutete nicht, daß sie es nicht anders konnten. Doch sie hatten gar keine andere Wahl, als dieses Risiko einzugehen.

Er wollte gerade vorschlagen, hier abzuwarten, bis die Sonne aufging, als Sascha erschrocken die Luft zwischen den Zähnen einsog. In die Gruppe der Hundekrieger war Bewegung gekommen. Zögernd, ununterbrochen jaulend, geifernd und mit kleinen, abgehackten Schritten überwand das erste der unheimlichen Geschöpfe die unsichtbare Grenze, die sie bisher aufgehalten hatte. Längst nicht mehr so schnell wie bisher und auf eine Art, die deutlich machte, wie unangenehm es ihnen war, diesen Boden zu betreten, kamen die Geschöpfe wieder näher. Soviel zum Thema Sicherheit, dachte Aton.

Sie rannten weiter. Auch die Verfolger legten wieder an Tempo zu, und nach einer kurzen Atempause war die wilde Verfolgungsjagd abermals im Gange.

Tiefer und tiefer bewegten sie sich in den Tempel hinein. Die Ruine, die tagsüber vielleicht nur aus zerbrochenen Säulen und Mauerresten bestand, verwandelte sich in der Dunkelheit in ein schier endloses Labyrinth, in dem Aton und Sascha ohne Yassirs Führung bereits nach wenigen Schritten hoffnungslos die Orientierung verloren hätten. Auch so stolperten sie fast blind einher und prallten mehr als einmal schmerzhaft gegen Hindernisse. Yassir lief immer schneller, und schließlich geschah, was geschehen mußte: Sascha blieb plötzlich stehen und sah sich verzweifelt um. Sie hatten Yassir verloren.

Ihre Verfolger schienen indes weitaus besser sehen zu können als sie, denn ihre Schritte kamen bereits wieder näher. Sascha warf einen gehetzten Blick zu ihnen zurück, dann deutete sie nach rechts und lief los. Aton folgte ihr. Sie passierten eine Tür, durchquerten einen langgestreckten Raum ohne Decke und jagten mit Riesensprüngen eine Treppe hinauf. Plötzlich blieb Sascha abermals stehen - die Stufen führten in einen Raum hinauf, den es nicht mehr gab: Vor ihnen waren sieben oder acht Meter Nichts, darunter ein Gewirr von Steinen und Trümmern, auf dem sie zerschmettert wären, hätte Sascha nicht im letzten Moment die Gefahr erkannt.