Sie bemerkte eine Traube von Elfen, die sich in der Mitte des Marktplatzes gebildet hatte. Die Meisten gestikulierten lebhaft und schienen auf etwas zu zeigen, und ein paar ließen Kommentare vernehmen, die entweder von Ekel oder von Spott durchsetzt waren. Neugierig trat Tyrande näher, um zu sehen, was das allgemeine Interesse erweckt hatte.
Zuerst bemerkten die Schaulustigen die Novizin nicht, ein eindeutiges Zeichen dafür, dass das Objekt ihrer Neugierde tatsächlich einen seltenen Anblick bieten musste. Sie berührte höflich einen Nachtelf an der Schulter, der sofort zur Seite trat, als er sie erkannte. Auf diese Weise arbeitete sie sich ins Zentrum der Ansammlung vor.
Bald konnte sie ausmachen, dass die Leute sich um einen Käfig scharten. Er bestand aus starkem Eisen und beherbergte offensichtlich eine Bestie von großer Stärke, denn er klirrte gelegentlich dumpf, als werfe sich etwas wild gegen seine Gitterstäbe, und dann und wann war ein tierisches Knurren zu hören, das bei den Schaulustigen interessiertes Gemurmel hervorrief.
Die Elfen, die direkt vor Tyrande standen, wollten sich nicht fort bewegen, nicht einmal, als sie bemerkten, wer sie da auf die Schulter tippte. Die schlanke Novizin suchte sich unermüdlich eine bessere Position, spähte schließlich zwischen zwei Rücken hindurch.
Was sie erblickte, ließ sie aufkeuchen.
»Was ist denn das?«, entfuhr es ihr.
»Das weiß niemand, Schwester«, antwortete eine Stimme. Sie wandte den Kopf und blickte auf einen Soldaten, der hier mit seinen Kameraden Wache stand. Er trug den Brustpanzer und die Gewänder eines Mitglieds der Wache von Suramar. »Die Mondgarde musste mindestens drei Zauber wirken, bis sie die Bestie endlich überwältigt hatte.«
Tyrande blickte sich instinktiv nach einem der Magier in den grünen Kapuzengewändern um, doch sie konnte keinen von ihnen erkennen. Höchstwahrscheinlich hatten sie den Käfig mit einem Zauber belegt und dann die gefangene Kreatur den fähigen Händen der Soldaten überlassen, während sie jetzt untereinander diskutierten, wie sie weiter mit dem Wesen verfahren sollten.
Aber was hatten sie zurückgelassen?
Es war kein Zwerg, obwohl seine Gestalt sie in vieler Hinsicht an dieses Volk erinnerte. Hätte das Wesen aufrecht gestanden, es wäre etwa einen Fuß kleiner gewesen als ein Nachtelf, doch mindestens doppelt so breit. Offensichtlich war die Kreatur eine Bestie von brutaler Kraft, denn noch nie zuvor hatte Tyrande solche Muskeln gesehen. Obwohl der Käfig offensichtlich verzaubert war, erstaunte es die Novizin, dass der Gefangene nicht einfach die Gitter zur Seite bog und entkam.
Ein Schaulustiger, der einer der höheren Kasten angehörte, stupste die gebeugt sitzende Kreatur plötzlich mit seinem goldenen Stock an … was erneute Wut in dem Käfig auslöste. Es gelang dem Nachtelfen nur knapp, seinen Stock aus der Reichweite der dicken, fleischigen Pranken zu ziehen. Das breite, animalische Gesicht des Monsters verzerrte sich, als es knurrend seinen Zorn kund tat. Wahrscheinlich wäre es ihm gelungen, den Stock an sich zu reißen, wenn es nicht durch dicke Ketten um Hand- und Fußgelenke sowie den Hals gebunden gewesen wäre. Die schweren Fesseln waren nicht nur der Grund dafür, dass es gezwungen war, in seiner gebückten Haltung zu verharren, sondern sie machten es ihm auch unmöglich, sich jemals den Gitterstäben zu widmen, selbst wenn man davon ausging, dass es dazu die nötige Kraft und Entschlossenheit besessen hätte.
Tyrandes Gefühle verschoben sich von Entsetzen und Ekel zu Mitleid. Der Tempel und Cenarius hatten sie gelehrt, alles Leben zu achten, selbst jenes, das auf der ersten Blick nur monströs erschien. Das grünhäutige Ungetüm trug primitive Kleidung, und das bedeutete, dass es – oder er, was am wahrscheinlichsten schien – ein gewisses Maß an Intelligenz besaß. Es war also nicht Recht, dass man das Geschöpf wie ein seltsames Tier zur Schau stellte.
Zwei leere, braune Schüsseln ließen vermuten, dass der Gefangene zumindest etwas zu essen bekommen hatte, doch angesichts seiner massigen Gestalt nahm die Novizin an, dass es nicht annähernd genug gewesen war. Sie wandte sich an den Wächter. »Er braucht mehr zu essen und zu trinken.«
»Ich habe keine dahingehenden Befehle erhalten, Schwester«, antwortete der Wachposten respektvoll, während er weiter die Menge im Auge behielt.
»Für so etwas sind keine Befehle nötig.«
Tyrande wurde mit einem leichten Achselzucken belohnt. »Die Ältesten haben noch nicht entschieden, was mit dem Ding geschehen soll. Vielleicht wird die Kreatur nichts mehr zu essen und zu trinken benötigen, Schwester.«
Seine Andeutung widerte sie an. Die Justiz der Nachtelfen konnte sehr drakonisch sein. »Wenn ich ihm etwas zu essen bringe, werdet Ihr dann versuchen, mich aufzuhalten?«
Jetzt wirkte der Soldat, als werde ihm auf einmal sehr unbehaglich. »Das solltet Ihr wirklich nicht tun, Schwester. Was, wenn die Bestie Euch den Arm ausreißt und ihn frisst statt der Speise, die Ihr ihr geben wollt? Ihr wäret gut beraten, das Ding in Ruhe zu lassen.«
»Ich werde das Risiko eingehen.«
»Schwester –«
Doch bevor der Soldat weiter versuchen konnte, ihr ihr Vorhaben auszureden, wandte sich Tyrande bereits um. Sie lief direkt zum nächsten Händler und holte einen Krug Wasser und eine Schüssel Suppe. Die Kreatur im Käfig sah aus wie ein Fleischfresser, also entschied sie sich für ein Stück frisches Fleisch. Der Händler weigerte sich, von ihr Geld anzunehmen, ein Vorteil ihres Amtes, also gab sie ihm den Segen, von dem sie wusste, dass er ihn erhoffte, dann bedankte sie sich und kehrte zum Käfig zurück.
Ein Teil der Menge, die sich offenbar zu langweilen begann, hatte sich, als Tyrande das Zentrum erreichte, aufgelöst. So war es einfacher für sie, zu dem Gefangenen zu gelangen. Er blickte auf, als die Novizin sich ihm näherte, und hielt sie zunächst offensichtlich für einen weiteren Gaffer. Erst als er sah, was Tyrande in den Händen hielt, zeigte er mehr Interesse.
Er setzte sich so gut auf, wie es ihm angesichts seiner Ketten möglich war, und die tief liegenden Augen unter den dichten, buschigen Brauen musterten Tyrande misstrauisch. Die Novizin hatte das Gefühl, dass er sich in der zweiten Hälfte seines Lebens befand, denn sein Haar war grau, und sein brutales Gesicht trug die vielen Spuren, auch Narben, einer rauen Existenz.
Kurz bevor sie die Reichweite seiner Arme erreichte, zögerte die junge Nachtelfin. Aus dem Augenwinkel bemerkte Tyrande den Wächter, der vorsichtiges Interesse an dem zeigte, was sie tat. Ihr war klar, dass er dem Gefangenen seinen Speer in die Eingeweide rammen würde, falls dieser irgendeinen Versuch unternahm, sie zu verletzen. Tyrande hoffte, dass es dazu nicht kommen würde. Es wäre die Schrecklichste aller vorstellbaren Ironien, wenn ihr Versuch, einer leidenden Kreatur zu helfen, zu deren Tod geführt hätte.
Vorsichtig kniete sie sich vor den Gitterstäben nieder. »Verstehst du mich?«
Er grunzte und nickte dann.
»Ich habe dir etwas gebracht.« Sie hielt ihm zuerst die Schüssel mit der Suppe hin.
Die misstrauischen Augen, die so anders waren die ihren, richteten sich auf die Schüssel, und der Gefangene schien nachzudenken, was er tun sollte. Einmal flackerte sein Blick für einen kurzen Moment in Richtung des nächsten Wachpostens. Seine rechte Hand schloss sich. Dann öffnete sie sich wieder.
Langsam, ganz langsam, streckte er sie aus. Als sie Tyrandes Hand erreichte, sah die Novizin wie riesig und dick sie tatsächlich war, groß genug, um ihre eigenen Hände mühelos zu umschließen. Sie stellte sich die Stärke dieser Pranken vor und hätte ihre Gabe fast zurückgezogen.
Dann nahm der Gefangene mit einer Behutsamkeit, die sie überraschte, die Schüssel aus ihren Händen, stellte sie sicher vor sich ab und sah die Nachtelfin erwartungsvoll an.
Die Tatsache, dass er ihre Gabe angenommen hatte, brachte sie zum Lächeln, doch er antwortete nicht in der gleichen Weise, und sein Gesicht blieb weiter verschlossen. Etwas entspannter reichte ihm Tyrande als Nächstes das Fleisch, zuletzt den Krug mit Wasser.