»Etwas, das ich vor kurzem gelernt habe«, war alles, was sie zur Antwort bekam.
Es war offensichtlich kein Zauber, den er in Cenarius’ Wald gelernt hatte. Dies war ein Beispiel hoher Nachtelfen-Magie, ein Zauber, den er bestimmt mit nur wenig Konzentration gewirkt hatte. Tyrande erkannte, wie geschickt Malfurions Bruder sein konnte, wenn ihn das Thema interessierte. Scheinbar gefiel ihm das schnelle Zaubern besser als der langsame Pfad des Druiden.
Tyrande war sich nicht sicher, ob ihr seine Wahl gefiel.
»Mutter Mond, erhöre meine inständige Bitte …« Sie ignorierte die bestürzten Gesichter der Soldaten und nahm die Finger des Orcs. Sie küsste jeden von ihnen sanft. Dann sprach die Novizin mit flüsternder Stimme zu Elune und bat die Göttin um die Gabe, Brox’ Not lindern zu können, die Wunden zu heilen, die ihm Illidan zugefügt hatte.
»Streck deine Hand so weit aus, wie du kannst«, wies sie den Gefangenen an.
Die Wachleute im Auge behaltend, beugte sich Brox vorsichtig nach vorne und bemühte sich, seine groben Hände durch die Gitterstäbe zu strecken. Tyrande erwartete eine Art magischen Widerstand, doch nichts geschah. Sie nahm an, dass der Zauber des Käfigs nicht reagierte, weil der Orc keinen Fluchtversuch unternommen hatte.
Die Novizin blickte zum Himmel auf, wo der Mond genau über ihnen schwebte. »Mutter Mond … erfülle mich mit deiner Reinheit, deiner Gnade, deiner Liebe … Schenke mir die Kraft, diese Wunde zu heilen …«
Als Tyrande ihre Bitte wiederholte, hörte sie, wie einer der Soldaten aufkeuchte, Illidan begann, sich umzudrehen, doch dann entschied er offensichtlich, dass es besser war, Tyrande nicht weiter zu verärgern.
Ein Strom von silbernem Licht … Elunes Licht … wusch über die junge Priesterin. Tyrande strahlte so hell, als sei sie der Mond selbst. Sie fühlte, wie die Herrlichkeit der Göttin ein Teil von ihr wurde.
Brox wäre beinahe erschrocken vor dem wundersamen Anblick zurückgewichen. Doch er vertraute der Nachtelfin und ließ es zu, dass sie seine Hand so gut sie es vermochte in das Leuchten hinein zog.
Und als das Mondlicht seine Finger berührte, heilte das verbrannte Fleisch, die Lücken, aus denen die Knochen hervor schimmerten, schlossen sich wieder, und die schreckliche Verletzung, die Illidan verursacht hatte, verschwand.
Tyrande brauchte nur ein paar Sekunden, um den Gefangenen zu heilen. Der Orc hielt still, seine Augen weit wie die eines Kindes.
»Ich danke Euch, Mutter Mond«, flüsterte Tyrande und ließ Brox’ Hand los.
Jeder der Soldaten ließ sich auf ein Knie nieder und neigte den Kopf vor der Akolythin. Der Orc zog seine Hand an sich heran, starrte auf seine Finger und bewegte sie erstaunt. Er berührte die Haut, zuerst vorsichtig, dann mit großer Zufriedenheit, als kein Schmerz durch seine Nerven fuhr. Ein freudiges Grunzen entwich seinen wulstigen Lippen.
Plötzlich begann Brox, seinen Körper in dem kleinen Käfig zu verrenken. Zuerst fürchtete Tyrande, er habe eine weitere Verletzung erlitten, die sich erst jetzt enthüllte, aber dann hörte der Orc auf, sich zu bewegen.
»Ich ehre Euch, Schamanin«, sprach er und verneigte sich vor ihr, so gut es ihm seine Fesseln erlaubten. »Ich stehe in Eurer Schuld.«
So tief war Brox’ Dankbarkeit, dass Tyrande spürte, wie sich ihre Wangen vor Verlegenheit verdunkelten. Sie erhob sich und trat einen Schritt zurück.
Illidan wandte sich sofort um und nahm ihren Arm, als wolle er sie stützen. »Bist du in Ordnung?«
»Es geht … mir gut …« Wie sollte sie erklären, wie sie sich gefühlt hatte, als Elune sie berührte? »Es ist getan«, sagte sie schließlich nur, unfähig, eine richtige Antwort zu geben.
Schließlich erhoben sich die Soldaten, deren Respekt vor ihr noch gestiegen war. Der Vorderste der Männer trat ehrfürchtig an sie heran. »Schwester, darf ich um Euren Segen bitten?«
»Natürlich!« Der Segen der Elune wurde frei gegeben, denn die Lehren von Mutter Mond erklärten, je mehr man von ihr berührt werde, desto mehr verstünde man die Liebe und die Eintracht, die sie repräsentierte, und könne so das Verstehen an andere weitergeben.
Mit ihrer offenen Hand berührte Tyrande jeden der Wächter am Herzen, dann an der Stirn, womit die symbolische Einheit von Gedanke und Seele zum Ausdruck gebracht wurde. Jeder der Männer dankte ihr überschwänglich.
Illidan nahm wieder ihren Arm. »Du musst dich ein wenig ausruhen, Tyrande. Komm! Ich kenne einen Ort …«
Aus dem Käfig erklang Brox’ raue Stimme: »Schamanin, darf auch dieser Niedrige um Euren Segen bitten?«
Die Wachen erschraken, doch sie sagten nichts. Wenn selbst eine Bestie so höflich um den Segen einer Erwählten der Elune bat, wie hätten da sie einschreiten können?
Sie konnten es nicht, aber Illidan wohl. »Du hast genug für diese Kreatur getan. Du zitterst ja praktisch vor Erschöpfung! Komm …«
Doch sie würde sich dem Orc nicht verweigern. Tyrande befreite sich aus Illidans Griff und kniete wieder vor Brox nieder. Sie langte ohne zu zögern in den Käfig hinein, berührte die raue, haarige Haut und den harten Kopf mit den riesigen Brauen.
»Möge Elune über dich und die Deinen wachen …«, flüsterte die Novizin.
»Möge Euer Axt-Arm stets stark sein«, erwiderte er.
Diese seltsame Antwort ließ sie für einen Moment die Stirn runzeln, doch dann erinnerte sie sich daran, welche Art von Leben Brox geführt haben musste. Er wünschte ihr auf seine eigene merkwürdige Art Leben und Gesundheit.
»Ich danke dir«, antwortete sie lächelnd.
Als Tyrande sich erhob, erklang sofort wieder Illidans Stimme. »Können wir jetzt …?«
Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Doch es war eine wohltuende Müdigkeit. Als habe Tyrande lange und schwer für ihre Herrin gearbeitet und viel in ihrem Namen erreicht. Sie erinnerte sich auf einmal, wie lange es her war, dass sie zuletzt geschlafen hatte. Mehr als einen Tag. Gewiss hätte ihr die Weisheit von Mutter Mond geraten, in den Tempel zurückzukehren und sich in ihr Bett zu begeben.
»Bitte vergib mir, Illidan«, murmelte Tyrande. »Ich bin auf einmal sehr müde. Ich würde gerne zu meinen Schwestern zurückkehren. Du verstehst das doch, nicht wahr?«
Seine Augen wurden für einem Moment schmal, doch dann beruhigte er sich. »Ja, das ist wahrscheinlich das Beste. Soll ich dich zurück begleiten?«
»Das ist nicht nötig. Ich möchte lieber alleine gehen.«
Illidan sagte nichts, sondern gab nur durch eine Verbeugung zu erkennen, dass er ihre Entscheidung respektierte.
Sie schenkte Brox ein letztes Lächeln. Der Orc nickte. Tyrande verließ den Marktplatz und fühlte sich in ihrem Geist trotz körperlicher Erschöpfung seltsam erfrischt. Wenn es möglich war, würde sie mit der Hohepriesterin über Brox sprechen. Gewiss konnte der Tempel etwas für den Ausgestoßenen tun.
Das Mondlicht schien auf die Novizin herab, während sie durch die Straßen ging. Mehr und mehr hatte Tyrande das Gefühl, dass sie heute Nacht eine Erfahrung gemacht hatte, die sie für immer verwandeln würde. Sicher war ihre Begegnung mit dem Orc von Elune vorherbestimmt gewesen.
Sie konnte es kaum erwarten, mit der Hohepriesterin zu sprechen …
Illidan sah Tyrande nach, als sie ging, ohne ihm auch nur einen weiteren Blick zu schenken. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie sich noch immer ganz im Nachhall ihres Dienstes für die Göttin befand. Das erstickte jeden anderen Einfluss, auch den seinen.
»Tyrande …« Er hatte gehofft, mit ihr über seine Gefühle sprechen zu können, doch diese Chance war ruiniert. Stundenlang hatte Illidan gewartet, den Tempel heimlich beobachtet, ob sie endlich erschiene. Er hatte gewusst, dass es nicht vorteilhaft für ihn ausgesehen hätte, hätte er sich ihr in dem Augenblick angeschlossen, als sie aus dem Tempel trat. Und so hatte er im Hintergrund gewartet, hatte so tun wollen, als träfe er sie nur ganz zufällig.
Dann hatte sie die Kreatur entdeckt, die von der Mondgarde gefangen worden war, und all seine wohl überlegten Pläne waren zunichte gemacht worden. Nun hatte er nicht nur seine Gelegenheit verpasst, er hatte sich auch vor ihr zum Narren gemacht und sah jetzt aus wie der Schurke in ihrer Geschichte … und alles nur wegen eines solchen Dings!