Sie zeigte auf den Magier, der da stand, als habe ihn der Blitz getroffen. »Dies ist – wie nennst du dich?«
»Kor … Krasus, meine Königin, Krasus …«
»Krasus? Also wollen wir dich so nennen …« Ihr Tonfall klang belustigt, so als amüsiere sie sich über seine spontane Namenswahl. Sie wandte sich wieder an den erkrankten Leviathan. »Und das, Krasus, ist einer meiner geliebtesten Untertanen, mein neuester Gefährte und einer, auf dessen Weisheit ich mich bereits stark stütze. Da du zu uns gehörst, ist dir sein Name vermutlich bekannt. Er heißt Korialstrasz …«
Sie ritten entlang des gewundenen Waldpfads. Malfurion glaubte mittlerweile, dass sie alle möglichen Verfolger abgeschüttelt hatten. Er hatte einen Weg gewählt, der sie über Felsen und andere Gebiete führte, in denen die Tatzen der Katzen kaum Spuren hinterlassen würden. Er hoffte, mögliche Verfolger damit in die Irre geführt zu haben. Das bedeutete zwar, dass sie mehr Zeit benötigen würden, um zu dem Ort zu gelangen, an dem er sich immer mit Cenarius traf, aber Malfurion hatte beschlossen, dieses Risiko einzugehen. Er wusste immer noch nicht, was der Waldgott denken würde, wenn er von den Taten seines Schülers erfuhr.
Als sie sich dem Treffpunkt näherten, zügelte Malfurion seine Katze. Brox folgte seinem Beispiel etwas ungeschickter.
»Wir halten?«, grunzte der Orc. Er sah sich um, entdeckte jedoch nur Bäume. »Hier?«
»Fast. Nur noch ein paar Minuten. Die Eiche wird bald in Sicht kommen.«
Obwohl er seinem Ziel so nah war, spannte sich der Elf noch stärker an. Einmal glaubte er, Blicke zu spüren, die sie beobachteten, aber als er hinsah, war da nichts außer Wald. Die Erkenntnis, dass sich sein Leben für immer verändert hatte, erschütterte ihn noch immer. Wenn die Mondgarde ihn identifizierte, riskierte er den Bann, die schlimmste Strafe, die man einem Nachtelf außer dem Tod zufügen konnte. Sein Volk würde sich von ihm abwenden und ihn wie einen Toten behandeln, obwohl er noch lebte. Niemand würde sich mit ihm beschäftigen oder auch nur seinen Blick erwidern.
Noch nicht einmal Tyrande oder Illidan.
Er hatte seine Vergehen verschlimmert, als er es den Verfolgern überließ, sich den dämonischen Kreaturen zu stellen, die Brox »Feibestien« nannte. Sollte eine Feibestie einen Verfolger getötet oder verwundet haben, würde es Malfurion unmöglich sein, seine Taten wieder gutzumachen … und, was noch schlimmer war, er würde die Verantwortung für den Tod Unschuldiger tragen. Aber was hätte er sonst tun können? Seine einzige andere Möglichkeit wäre Brox’ Auslieferung an die Mondgarde gewesen … und damit auch an Black Rook Hold.
Die Eiche, die er suchte, tauchte vor ihnen auf und hinderte Malfurion, länger über seine wachsenden Schwierigkeiten nachzudenken. Jeder andere hätte in dieser Eiche einfach nur einen Baum gesehen, aber für Malfurion war es ein uralter Wächter, einer, der Cenarius länger als die meisten gedient hatte. Dieser hohe Baum mit seinem breiten Stamm und der furchenreichen Rinde hatte gesehen, wie der Wald um ihn herum wuchs. Er hatte unzählige anderer seiner Art überlebt und Tausende Generationen kurzlebiger Tiere beobachtet.
Die Eiche erkannte Malfurion, als er sich näherte, und trotz des fehlenden Winds bewegten sich die Blätter ihrer mächtigen Krone. Das war die uralte Sprache aller Bäume, und der Nachtelf fühlte sich geehrt, dass Cenarius ihm schon früh beigebracht hatte, zumindest ein wenig davon zu verstehen.
»Brox … ich muss dich um einen Gefallen bitten.«
»Ich schulde dir viel. Sprich.«
Malfurion zeigte auf die Eiche. »Steig ab und geh zu diesem Baum. Lege deine Handfläche auf den knorrigen Bereich des Stammes.«
Der Orc hatte sichtlich keine Ahnung, weshalb das von ihm verlangt wurde, aber da es Malfurion war, der ihn bat, gehorchte er sofort. Er reichte dem Nachtelf seine Zügel und trottete zu dem Wächter. Der mächtige Krieger musterte den Stamm sorgfältig, dann legte er seine Hand auf das Stück, das Malfurion hervorgehoben hatte.
Dann drehte er den Kopf und sah seinen Begleiter an. »Und was soll ich j …«
Er keuchte überrascht, als seine Hand in die Rinde einsank, als habe sich diese in Schlamm verwandelt. Brox wollte sie herausziehen, aber Malfurion befahl ihm geistesgegenwärtig, sich nicht zu bewegen.
»Unternimm nichts! Bleib einfach nur stehen. Der Baum lernt von dir. Deine Hand kribbelt nur ein wenig, sonst geschieht dir nichts.«
Er erklärte Brox nicht, was das Kribbeln bedeutete. Winzige Äste des Wächters bohrten sich in das Fleisch des Orcs. Indem sich die Eiche für einen kurzen Moment mit Brox verband, las sie in ihm. Pflanze und Tier verschmolzen miteinander. Die Eiche würde sich für immer an Brox erinnern, egal, wie viele Jahrhunderte vergingen.
Die Halsschlagader des Orcs pochte heftig und verriet seine wachsende Angst. Trotzdem blieb Brox so regungslos wie die Eiche stehen und starrte auf die Stelle, wo seine Hand verschwunden war.
Sie wurde so plötzlich frei gelassen, dass er einen überraschten Schritt zurück machte. Brox bewegte seine Finger, schien sie sogar sicherheitshalber zu zählen.
»Der Weg ist jetzt frei für uns«, verkündete Malfurion.
Brox stieg wieder auf, und der Nachtelf ritt an der Eiche vorbei. Als er auf einer Höhe mit dem Wächter war, bemerkte Malfurion eine leichte Veränderung der Luft. Ohne Erlaubnis wären er und Brox eine Ewigkeit lang geritten, ohne die Lichtung zu finden. Nur diejenigen, die Cenarius zu sprechen wünschte, konnten dem Weg hinter den Wächtern folgen.
Die Veränderungen in der Landschaft wurden deutlicher, als die beiden weiter ritten. Eine kühle Brise erfrischte sie. Vögel hüpften umher und sangen in dem umgebenden Geäst. Die Bäume selbst schüttelten sich fröhlich und begrüßten vor allem den Nachtelf – der sie verstehen konnte. Beide begannen sich so wohl zu fühlen, dass Malfurion sogar ein Lächeln im Gesicht des Orcs zu erkennen glaubte.
Eine Barriere aus dichtem Wald verstellte ihnen plötzlich den Weg. Brox sah Malfurion an, der ihm bedeutete abzusteigen. Nachdem beide ihre Tiere verlassen hatten, führte Malfurion den Orc zu einem schmalen Trampelpfad, den man auf den ersten Blick zwischen den Bäumen nicht hatte erkennen können. Mehrere Minuten lang folgten sie dem Weg, bis sie eine helle, offene Lichtung fanden, die mit hohem weichen Gras und bunten Blumen bewachsen war.
Die Lichtung des Waldgottes.
Doch die Gestalt, die inmitten eines Blumenkreises stand, hätte man nie mit Cenarius verwechseln können. Sie hatte gesessen, sprang jedoch auf, als sie die beiden Neuankömmlinge bemerkte. Die merkwürdigen Augen des Mannes musterten vor allem Brox, so als wisse er genau, was ein Orc war.
»Du …«, murmelte der Fremde an den grünhäutigen Krieger gewandt. »Du solltest hier nicht sein …«
Brox missverstand die Bemerkung. »Ich gehöre zu ihm, Magier … und brauche deine Erlaubnis nicht.«
Doch der Feuerschopf – zu welchem Volk er gehörte, war Malfurion noch unklar – schüttelte den Kopf, machte einen Schritt auf den Orc zu und zögerte dann doch am Rand des Rings. Mit einem merkwürdigen Blick auf die Blumen – die ihn ebenfalls zu mustern schienen – stieß der Fremde hervor: »Dies ist nicht deine Zeit! Dich sollte es hier überhaupt nicht geben.«
Er bewegte die Hand auf den Nachtelf zu, dem die Geste bedrohlich erschien. Malfurion erinnerte sich an das Wort »Magier« und bereitete schnell einen eigenen Zauber vor. Er hoffte, dass Cenarius’ Druidenzauber an diesem heiligen Ort mächtiger sein würden als die Magie des Fremden.
Plötzlich donnerte es im Himmel, und aus der leichten Brise wurde ein stürmischer Wind. Brox und Malfurion wurden einige Schritte zurückgestoßen, und der Magier wurde beinahe in die Luft gerissen, so heftig stieß man ihn vom Rand des Ringes weg.
»In meinem Reich wird es so etwas nicht geben!«, verkündete Cenarius’ Stimme.
In der Nähe des Blumenbeets wirbelte der starke Wind Blätter, Staub und andere Dinge des Waldes auf, schleuderte sie umher und erschuf einen Wirbelsturm. Die kleine Windhose wurde größer und größer, bis die Blätter und Äste zu einer gewaltigen Gestalt verschmolzen.