Hakkar befahl ihm mit einer Geste, sich neben die anderen zu begeben. Dann wandte sich der Herr der Hunde an Xavius und zeigte auf die vier Krieger. »Der Erhabene hat sssein erssstes Versprechen erfüllt, Lord Nachtelf. Befiehl ihnen! Sssie werden allesss tun, wasss du von ihnen verlangssst.«
Xavius wusste genau, was sie für ihn tun sollten. »Da sie ein Geschenk für mich waren, möchte ich sie der Königin vermachen. Sie werden Azshara als würdige Leibwache dienen.«
Der Herr der Hunde nickte anerkennend. Sie beide wussten, wie wichtig es war, die Königin der Nachtelfen bei Laune zu halten, ebenso wie beide das geheime Verlangen des Beraters kannten. »Esss wird am besssten sssein, wenn Ihr ssselbssst der Königin diesssesss Geschenk überbringt, Lord Nachtelf. Wir werden die Arbeit während Eurer Abwesssenheit fortsssetzen, darauf werde ich achten.«
Der Vorschlag gefiel Xavius über die Maßen. Er verbeugte sich vor Hakkar und befahl den riesigen Kriegern mit einem Fingerschnippen, ihm zu folgen und das Turmzimmer zu verlassen. Er wusste genau, wo er Azshara um diese Zeit finden würde.
Als er sich abwandte, schaute der Herr der Hunde ihm mit glühenden Steinaugen nach.
Während ihr Berater nur wenig schlief – in der letzten Zeit so gut wie gar nicht – nahm sich Azshara als Königin das Recht heraus, zu ruhen, wann immer ihr danach war. Schließlich musste sie in jeder Hinsicht perfekt sein und auch auf ihre Schönheit achten. Daher schlief die Herrscherin der Nachtelfen meistens den ganzen Tag lang, um dem harten, brennenden Sonnenlicht zu entgehen.
Dementsprechend reagierte Azshara im ersten Moment nicht gerade freundlich, als eine verschüchterte Dienerin eintrat. Die junge Frau fiel rasch vor dem raumfüllenden runden Bett auf die Knie und verschwand beinahe hinter dem Vorhang, der es umgab.
Mit einer lässigen Handbewegung erlaubte das Licht der Lichter der Dienerin zu sprechen.
»Herrin, vergebt meiner Wenigkeit, aber der Lord-Berater bittet um eine Audienz. Er sagt, er habe etwas, das euch interessieren würde.«
Azshara konnte sich im Moment nichts vorstellen, das sie dazu bringen könnte, ihr Bett zu verlassen, auch nicht für ihren Berater. Sie spitzte die Lippen, während silbernes Haar über ihre Kissen floss, und überlegte, ob sie Xavius fortschicken sollte.
»Lass ihn fünf Minuten warten«, schnurrte sie schließlich und begann sich kunstvoll in Pose zu legen. Sie kannte Xavius’ Geschmack und wusste diesen Vorteil zu nutzen. Der Berater glaubte vielleicht, seiner Monarchin überlegen zu sein, doch als Frau war sie jedem Mann überlegen. »Dann erlaube ihm, einzutreten.«
Die Dienerin hinterfragte die Entscheidung ihrer Herrin nicht. Azshara beobachtete aus halb geschlossenen Augen, wie sie den Raum verließ. Dann streckte sie sich elegant und bereitete sich auf das Treffen mit ihrem wichtigsten Berater vor.
Die junge Dienerin kehrte nervös zurück. Xavius wartete bereits seit mehreren Minuten. Sie hielt den Kopf gesenkt, was den Ausdruck auf ihrem Gesicht verbarg, und führte den Berater durch dicke, kunstvoll bearbeitete Eichentüren in die Privatgemächer der Königin.
Nur wenige Male hatte er es gewagt, sie in diesem intimen Bereich aufzusuchen. Xavius ahnte, was ihn erwartete. Azshara würde makellos und verführerisch wirken und dabei so tun, als bemerke sie selbst nichts davon. Sie spielte dieses Spiel gern und gut, aber er war darauf vorbereitet. Er war ihr in seinem Denken stets voraus.
Tatsächlich lag die Königin der Nachtelfen ausgestreckt auf ihrem Bett, einen Arm hinter dem Kissen. Zwei in Seide gehüllte Dienerinnen knieten in ihrer Nähe. Ein silbernes Tablett mit einer smaragdgrünen Karaffe voller Wein stand in Reichweite und ein halb gefüllter Kelch verriet, dass sie ihn bereits gekostet hatte.
»Mein über alles geschätzter Lord-Berater«, hauchte sie. »Ihr müsst eine furchtbar wichtige Mitteilung für mich haben, wenn Ihr zu solcher Stunde um eine Audienz ersucht.« Das dünne, glänzende Tuch der Zudecke betonte ihren makellosen Körper.
Er legte die Faust auf sein Herz und stützte ein Knie auf den Boden. Lord Xavius blickte auf den weißen Marmorboden und antwortete: »Licht der Lichter, geliebtes Herz des Volkes, ich danke Euch für die Zeit, die Ihr mir gewährt. Es tut mir Leid, Euch jetzt zu stören, aber ich habe ein hochinteressantes Geschenk mitgebracht, ein Geschenk, das der Königin der Nachtelfen, der Königin der Welt würdig ist. Wenn ich es hereinbringen dürfte?«
Er sah auf und bemerkte, dass er ihre volle Aufmerksamkeit hatte. Ihre verschleierten Augen konnten ihre wachsende Neugier und Erwartung nicht verbergen. Azshara richtete sich halb in ihrem Bett auf. Das Tuch bedeckte ihren Oberkörper gerade eben.
»Das interessiert mich, mein lieber Xavius. Ich gewähre dir die Ehre, mir dein Geschenk zu präsentieren.«
Der große Berater erhob sich, drehte sich zur Tür und schnippte mit den Fingern.
Man hörte überraschte Rufe außerhalb des Zimmers, dann stürmten zwei aufgelöst wirkende Dienerinnen ins Innere, wo sie wohl den Schutz und die Geborgenheit ihrer Herrin suchten. Stirnrunzelnd beugte sich Azshara vor, allerdings nicht so weit, dass die Bettdecke herab fiel.
Die vier furchterregenden Krieger marschierten in einer Zweierreihe in die Privatgemächer der Königin. Sie waren so groß, dass sie sich im Türrahmen ducken mussten, um nicht mit ihren Hörnern über das Holz zu schrammen. Sie verteilten sich, nachdem sie eingetreten waren und hoben salutierend ihre Flammenschilde und brennenden Streitkolben.
Azshara betrachtete sie fasziniert. »Was sind das für Gestalten?«
»Euer, meine Königin, sie gehören fortan Euch! Der Schutz Eures Lebens ist ihre einzige Pflicht, der einzige Grund ihrer Existenz. Vor Euch steht Eure neue Leibwache, Majestät.«
Er sah, wie sehr ihr das gefiel. Es würden noch viele Himmelskrieger durch das Portal kommen, aber diese waren die ersten und er hatte sie ihr zum Geschenk gemacht. Damit waren sie etwas Besonderes.
»Wie wundervoll«, murmelte sie und streckte einen Arm nach einer Dienerin aus. Die junge Frau griff sofort nach Azsharas Robe. Die anderen Zofen bildeten mit ihren Körpern eine Wand, bis nur noch der Kopf der Königin für Xavius und die Feibestien sichtbar war. »Wie überaus passend. Euer Geschenk ist mehr als akzeptabel.«
»Es freut mich, dass es Euch gefällt.«
Die Dienerinnen traten zurück. Königin Azshara war in eine halb durchsichtige, frostfarbene Robe gekleidet, als sie sich vom Bett erhob. Mit gemessenen Schritten ging sie zu den riesenhaften Gestalten und betrachtete sie eingehend. Der Saum ihres Kleids glitt über den Marmorboden. Die Feibestien standen so regungslos, als wären sie aus Stein.
»Gibt es mehr von ihnen?«
»Es werden weitere eintreffen.«
Sie runzelte die Stirn. »Wie soll der Erhabene selbst das Portal durchschreiten, wenn wir immer nur ein paar seiner Krieger zu uns holen können?«
»Wir schöpfen so gut es geht aus der Quelle, o glorreiche Königin. Aber es gibt widerspenstige Strömungen, Reaktionen von außen, die Einflüsse anderer Zauberer …«
Wie ein Kind, das ein neues Spielzeug bewundert, streckte die Königin die Hand aus und berührte ganz leicht die brennende Rüstung eines Kriegers. Es zischte leicht. Die Königin zog ihre Finger zurück. Auf ihrem perfekten Gesicht lag ein merkwürdig zufriedener Ausdruck. »Warum habt Ihr die Quelle dann nicht von diesen äußeren Störungen getrennt? Das würde Eure Arbeit wesentlich vereinfachen.«
Lord Xavius öffnete den Mund, um ihr zu erklären, weshalb der Charakter der Zauber, die die Hochgeborenen wirkten, dies nicht zuließ, begriff dann jedoch, dass er kein wirklich gutes Gegenargument zu ihrem Einfall hatte. Theoretisch hatte Azsharas Vorschlag ungemeine Vorteile.
»Ihr seid wahrhaftig eine Königin«, sagte er schließlich.
Ihre goldenen Augen musterten ihn. »Natürlich bin ich das, mein lieber Berater. Es hat stets nur eine gegeben und es wird auch immer nur eine Azshara geben.«