Der Leviathan nickte zögernd. »Das befürchte ich, mein Geliebter.«
»Ich akzeptiere die Entscheidung. Das war mir von Anfang an klar.«
»Dann gibt es nur noch eines, worüber wir sprechen müssen, bevor ich die anderen kontaktiere … Was soll mit dem anderen geschehen, der dich begleitete?«
Innerlich bat Krasus Rhonin, ihm zu vergeben, aber laut sagte er ohne Zögern: »Er wird mein Schicksal teilen, wenn es denn sein muss. Auch er sorgt sich um andere. Er würde sein Leben für sie geben.«
Die Königin des Lebens nickte. »Ich vertraute deinem Rat, als es um dich ging, und nun vertraue ich ihm erneut. Sollte der andere zustimmen, wird auch er entfernt werden.« Der Gesichtsausdruck des Drachen wurde sanft. »Bitte glaube mir, dass ich auf ewig darüber trauern werde.«
»Dich trifft keine Schuld, meine Königin, mein Herz.«
»Ich muss mit den anderen sprechen. Am besten wartest du hier. An diesem Ort wirst du nicht ganz so schwach sein.«
»Du ehrst mich, meine Königin.«
»Ehren? Du bist mein Gefährte. Dir steht nicht weniger zu.«
Mit ihrem Schwanz führte sie ihn zu einem Teil des Raumes, der direkt an den Bach grenzte.
Krasus setzte sich in eine natürliche Mulde, die ihm als riesiger Stuhl diente.
Die Drachenkönigin zögerte, bevor sie den Gang betrat. »Ich hoffe, du wirst dich inmitten der Eier wohl fühlen.«
»Ich werde darauf achten, sie nicht zu berühren.« Krasus verstand den Wert, den sie darstellten.
»Ich bin mir sicher, dass du das wirst, mein Geliebter … vor allem, weil es deine sind.«
Sie ließ ihn wortlos zurück. Als sie verschwunden war, betrachtete Krasus jedes einzelne Ei. Als Gefährte hatte er sich natürlich mit der Königin fortgepflanzt. Viele seiner Kinder waren erwachsen geworden und hatten dem Schwarm Ruhm gebracht.
Er schlug mit der Faust gegen den Stein und ignorierte den Schmerz, der nach dieser dummen Tat durch seine Hand schoss. Obwohl er seiner geliebten Alexstrasza manches berichtet hatte, kannte sie doch einige wichtige Fakten noch nicht, allen voran war die bevorstehende Ankunft der Brennenden Legion. Krasus fürchtete, dass seine Königin trotz ihrer Weisheit in Versuchung geraten würde, mit der Geschichte zu spielen … und daraus konnte eine noch schrecklichere Katastrophe erwachsen.
Schlimmer war jedoch, dass Krasus ihr nichts über die Zukunft ihrer eigenen Art hatte sagen können, in der nur wenige Drachen überleben würden … eine Zukunft, in der die Nachkommen dieser und zahlreicher anderer Eier sterben würden, noch bevor sie ganz ausgewachsen waren.
Eine Zukunft, in der die Königin des Lebens zu einer Sklavin werden würde – und ihre Kinder zu den Kriegshunden eines eroberungssüchtigen Volkes.
15
Die Feibestien preschten durch den verzauberten Wald. Ihre Nüstern blähten sich, als der Geruch von Magie stärker wurde.
Doch als eine von ihnen über einen vermodernden Baumstamm hinwegsetzen wollte, griffen die Äste eines anderen Baumes nach ihren Beinen und hielten sie fest. Die Tatzen einer weiteren Feibestie versanken im plötzlich schlammig gewordenen Boden. Eine Dritte kollidierte mit einem vorschnellenden Busch, dessen rasiermesserscharfe Dornen sogar ins von dicker Haut umgebene Fleisch des Dämons drangen, es aufrissen und ihm immense Schmerzen zufügten.
Der Wald erwachte zum Leben, um sich und seinen Herrn zu verteidigen. Der Angriff der fünf Feibestien geriet ins Stocken … war jedoch noch nicht gescheitert. Gewaltige Klauen rissen die Äste aus ihren Stämmen. Eine andere Kreatur zog den im Sumpf gefangenen Dämon heraus, bevor sie selbst ihren Weg fortsetzte. Hunger und Wut verliehen dem Dämon, der im Buschwerk zappelte, solche Kräfte, dass er durch die Dornen brach, ohne sich länger um die blutenden Wunden zu kümmern.
Die Jäger, daran gab es kaum noch einen Zweifel, würden ihre Beute nicht davonkommen lassen …
»Shan’do? Was ist passiert?«
Der Halbgott sah seinen Schüler an. In seinem Blick lag kein Vorwurf. »Die Hunde, von denen du gesprochen hast … sie sind dir hierher gefolgt.«
»Gefolgt? Das kann nicht sein. Es war nur einer übrig und er …«
Brox unterbrach ihn. Seine rumpelnde Stimme hatte nichts annähernd Beruhigendes. »Die Feibestien … sie sind dunkle Magie. Wo es eine gab … können weitere entstehen, falls sie etwas zu fressen bekommen … Das habe ich gesehen …«
»Ein enger Freund und treuer Wächter ist einer von ihnen zum Opfer gefallen«, antwortete Cenarius, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem dichten Wald zuwandte. »In ihm wohnte uralte, mächtige Magie. Das Böse fühlte sich davon angezogen.«
Der Orc nickte. »Also sind aus einer viele geworden.« Brox griff instinktiv hinter sich, aber seine geliebte Streitaxt hing nicht über seinem Rücken. »Ich habe nichts, womit ich kämpfen könnte.«
»Du wirst bewaffnet werden. Suche rasch nach einem Ast, der die Länge deiner Lieblingswaffe hat. Malfurion – hilf mir.«
Brox folgte der Aufforderung. Er zeigte dem Halbgott und dem Nachtelf einen dicken Ast, den er auf Cenarius’ Bitte vor Malfurion ablegte.
»Knie davor nieder, mein Schüler. Du ebenfalls, Krieger. Malfurion, lege deine Hände auf den Ast, Krieger, lege deine auf die seinen.« Der Waldgott wartete, bis sie ihm gehorcht hatten, dann befahl er: »Krieger, denke jetzt nur noch an die Waffe, an nichts anderes. Nur noch daran! Wir müssen schnell handeln. Malfurion, du musst deinen Geist öffnen und seine Gedanken in deine fließen lassen. Ich werde dir weiterhelfen, wenn das geschehen ist.«
Der Nachtelf befolgte den Befehl. Er reinige seine Gedanken, wie sein Shan’do es ihn gelehrt hatte, und tastete nach einer Verbindung mit dem Orc.
Fast augenblicklich spürte er eine urweltliche Kraft, die in seinen Geist stieß. Malfurion hätte sie beinahe zurückgeworfen, beruhigte sich dann jedoch. Er akzeptierte Brox’ Gedanken und wartete ab, wie das Bild, an das der Krieger dachte, Gestalt annahm.
Siehst du die Waffe, mein Schüler?, sagte Cenarius’ Stimme. Fühlst du sie und die Muster ihrer Entstehung?
Das tat Malfurion. Er fühlte auch die enge Verbindung zwischen dem Orc und seiner Waffe. Sie war mehr als nur ein Werkzeug, sie war Teil des Kriegers.
Führe deine Hand über das Holz und behalte das Bild in deinem Kopf. Folge den natürlichen Mustern und verwandele sie in die gewünschte Form …
Brox’ Hände lagen immer noch auf den seinen, als der Nachtelf begann, seine Finger über das Holz zu führen. Er spürte, wie es unter seiner Berührung weich wurde und sein Aussehen veränderte.
Nach und nach entstand eine Axt mit breiter Klinge, die komplett aus Eichenholz bestand. Malfurion sah zu, wie sie Gestalt annahm und spürte Zufriedenheit darüber, dass er eine gute, starke Waffe erschuf, genau wie jene, die er bei seiner Gefangennahme durch die Nachtelfen verloren hatte …
Er spannte sich an. Das waren die Gefühle des Orc, nicht seine eigenen. Malfurion drängte sie rasch zurück und konzentrierte sich auf die letzten Schritte seiner Arbeit – die Krümmung des Stiels, die Schärfe der Klinge.
Die Aufgabe ist vollbracht, sagte Cenarius. Kehre zu mir zurück …
Der Nachtelf und der Orc unterbrachen ihre Verbindung. Einen Augenblick lang starrten sie einander an. Malfurion fragte sich, ob Brox auch seine Gedanken wahrgenommen hatte, aber das grünhäutige Wesen gab nicht zu erkennen, ob dies geschehen war.
Zwischen ihnen lag eine blank polierte Waffe, so wie Brox sie sich gewünscht hatte. Der Nachtelf bezweifelte jedoch, dass sie mehr als zwei Hiebe überstehen würde.
Der Waldgott hob die Hände, als habe er diesen Gedanken gelesen – und die Axt lag plötzlich auf seinen Handflächen. Cenarius betrachtete sie mit seinen goldenen Augen.