Cenarius hatte ein Problem zumindest vorübergehend gelöst und konzentrierte sich auf das zweite. Sein Gesicht verdunkelte sich, und sein stechender Blick war voller Zorn. Plötzlich schoss ein Lichtstrahl aus seinen Augen und hüllte den Dämon ein. Die Tentakel der Bestie tasteten gierig nach dem Licht, sogen es auf und warteten auf mehr.
Doch dies war kein Zauberer oder Magier, dessen Energie man einfach stehlen konnte. Cenarius, der jetzt von einer mächtigen blauen Aura umgeben war, führte seinen Angriff ungerührt weiter, fütterte seinen Feind und gab ihm, was er wollte … aber viel zu schnell und in so großen Mengen, dass selbst der Dämon nicht alles in sich aufzunehmen vermochte.
Die Feibestie begann anzuschwellen und blähte sich auf, als fülle man einen Sack mit Wasser. Für einen Moment schien sie sich teilen zu wollen … doch die Kräfte, die sie in sich aufgenommen hatte, erwiesen sich zu gewaltig.
Der monströse Hund explodierte, und übel riechende Fleischstücke regneten auf die Lichtung nieder.
Bislang war das Glück Rhonin hold gewesen. Keine Feibestie hatte ihn als Opfer auserkoren. Er stand weiterhin im Zentrum des Rings und hoffte, dass dessen Macht ihm die Entscheidung über den Einsatz seiner Magie abnehmen würde.
Rhonin beobachtete, wie Brox eine Kreatur vernichtete, die ihn beinahe zerquetscht hätte. Der erfahrene Krieger schien die Situation trotz zweier Angreifer unter Kontrolle zu haben. Doch noch während der menschliche Magier Brox zusah, war ihm ein schrecklicher Gedanke gekommen. Rhonin hatte begriffen, dass man ihn und Krasus möglicherweise töten musste, wenn es nicht gelang, sie in ihre angestammte Zeit zurückzuverpflanzen. Damit sollten weitere Veränderungen der Zeitlinie verhindert werden.
Nur hatte niemand bedacht, dass auch ein einzelner Orc-Krieger in diese Zeitperiode geschleudert worden war …
Rhonin begann über eine andere Art Zauber nachzudenken, während er auf den Rücken des Orcs starrte. Da der Kampf tobte, würde der Zauber, mit dem er womöglich eine weitere Gefahr für die Zeitlinie erschuf, vielleicht niemandem auffallen. Krasus hätte ihn sicher darin bestärkt, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte – dass in diesem Moment Brox eine weitaus größere Gefahr für die gesamte Welt darstellte als die Dämonen …
Aber seine Hand zitterte, und Rhonin schob den Zauber, den er bereits halb gesponnen hatte, in die tiefsten Abgründe seines Geistes zurück. Er schämte sich. Brox’ Volk war zu einem wertvollen Verbündeten geworden, und dieser Orc kämpfte nicht nur, um sich selbst zu retten, sondern auch für andere, inklusive dem Zauberer.
Krasus’ Worte drängten Rhonin dazu, sich Brox’ rasch zu entledigen und sich später Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Doch je länger Rhonin zusah, wie der Orc neben dem Nachtelf – einem weiteren verbündeten Volk der Zukunft – kämpfte, desto mehr bedauerte Rhonin seinen Moment geistiger Umnachtung. Seine Gedanken erschienen ihm so furchtbar wie die Gräueltaten, die die Brennende Legion in seiner Zeit begangen hatte.
Doch Rhonin konnte nicht mehr länger zusehen, ohne selbst zu handeln …
»Es tut mir Leid, Krasus«, murmelte er und begann einen neuen Zauber zu weben. »Wirklich Leid.«
Unter seiner Kapuze nahm der Magier einen tiefen Atemzug und starrte eine der Feibestien an, die gegen den Orc kämpfte. Er dachte an die Beschwörungen, die ihm gegen die unmenschlichen Diener der Legion geholfen hatten. Er musste so schnell handeln, dass den Feibestien keine Gelegenheit blieb, die Macht aus seinem Zauber zu ziehen.
Weit zu seiner Rechten war es Cenarius mittlerweile gelungen, seinen zweiten Gegner abzuschütteln. Mit seiner gebrochenen Vorderpfote konnte der Dämon sich nicht länger festhalten. Die Muskeln des Halbgottes spannten sich, als er sich zurücklehnte und die Bestie über seinen Kopf hob. Mit einem Triumphschrei warf er sie hoch über die Baumwipfel hinweg tief in den wartenden Wald hinein.
Rhonin wob seinen Zauber.
Er hatte gehofft, die Feibestie, auf die er sich konzentrierte, durch einen magischen Schlag zu verletzen und Brox den Rest überlassen zu können. Doch was Rhonin stattdessen auslöste, übertraf seine kühnsten Erwartungen.
Eine unsichtbare donnernde Wand, die die Luft selbst zum Erzittern brachte, entstand vor ihm und raste wie der Wind auf sein Ziel zu. Sie wurde größer, während sie sich bewegte und hüllte bereits einen Lidschlag später die gesamte Lichtung ein.
Brox und der Nachtelf bemerkten nichts davon, doch die drei Dämonen, die ihr im Weg standen, wurden von der Gewalt, die Rhonin entfesselt hatte, völlig überrascht. Die Feibestien konnten nicht mehr reagieren, hatten nicht genügend Zeit, um ihre Tentakel einzusetzen. Sie waren wie Zweige in einem brüllenden Feuer.
Die Wand überrannte sie, und die Dämonen verbrannten. Der Zauber löste sie komplett auf, bis nichts übrig blieb außer Aschewolken. Einem Dämon gelang es noch, ein wildes Heulen auszustoßen, doch danach hörte man nur mehr das Rauschen des Windes, der die Überreste der Monster durch die Luft wirbelte.
Stille senkte sich über die Lichtung.
Brox ließ seine Axt fallen. Augen und Mund waren in ungläubigem Staunen aufgerissen. Malfurion starrte auf seine Hände, als seien sie in irgendeiner Weise dafür verantwortlich. Dann sah er zu Cenarius, als erwarte er dort eine Antwort zu finden.
Rhonin blinzelte einige Male. Er konnte kaum glauben, dass er für diesen Zauber gesorgt hatte. Erst jetzt fiel dem Magier der kurze Kampf gegen die bewaffneten Nachtelfen ein, bei dem Krasus so verstörend schwach gewesen war und Rhonin Zauber vollbrachte, die er niemals für möglich gehalten hätte.
Doch jede Freude über den unerwarteten Sieg verging, als er plötzlich entsetzliche Schmerzen in seinem Rücken spürte. Es fühlte sich an, als würde sein Innerstes herausgerissen, als würde ihm die Seele heraus gesogen.
Gesogen? Trotz der Schmerzen begriff Rhonin plötzlich, was geschah. Eine weitere Feibestie musste unbemerkt hinter ihm aufgetaucht sein und ihn angreifen.
Rhonin wusste, was mit den Zauberern geschehen war, denen die Feibestien die Magie gestohlen hatten. Er erinnerte sich an die ausgetrockneten, leeren Hüllen, die man zur Untersuchung nach Dalaran gebracht hatte.
Auch er würde bald so aussehen …
Doch obwohl er bereits in die Knie gegangen war, leistete Rhonin Widerstand. Mit aller Macht, die ihm zur Verfügung stand, musste ihm doch die Flucht vor dieser Bestie gelingen!
Flucht … das war der einzige Gedanke in seinem von Schmerzen gepeinigten Geist. Rhonin wollte nur noch dem Schmerz entfliehen, irgendwohin, wo er in Sicherheit war.
Wie durch einen Nebel hörte er die Stimmen des Orcs und des Nachtelfs. Die Angst, die er empfand, schloss jetzt auch die anderen ein. Mit all der Magie, die der Dämon aufsog, würden auch sie keine Chance mehr gegen ihn haben.
Flucht … nur danach trachtete Rhonin. Irgendwohin …
Dann verschwand der Schmerz, wurde abgelöst von einer schweren, aber angenehmen Taubheit, die seinen Körper warm und wohlig ausfüllte. Rhonin akzeptierte die unerwartete Veränderung dankbar, ließ zu, dass die Vorboten des Todes ihn einhüllten …
… und verschlangen.
Nicht zum ersten Mal schlich Tyrande durch die stillen Gänge des großen Tempels, vorbei an den zahllosen Kammern der schlafenden Altardiener, den Meditationsräumen und den Orten der öffentlichen Anbetung. Sie ging auf ein Fenster in der Nähe des Haupteingangs zu. Das helle Sonnenlicht blendete sie beinahe, aber sie zwang sich, den leeren Platz, der dahinter lag, mit ihren Blicken abzusuchen.
Sie drehte gerade den Kopf, als ein metallisches Geräusch sie vor einer herannahenden Wächterin warnte. Das ernste Gesicht der Nachtelfin wurde sanfter, als sie Tyrande erkannte.