»Du wieder! Schwester Tyrande … du solltest wirklich in deinem Quartier bleiben und etwas ruhen. Du hast seit Tagen kaum geschlafen, und jetzt bringst du dich auch noch in Gefahr. Deinem Freund wird nichts geschehen. Da bin ich ganz sicher.«
Die Wächterin meinte Illidan, um den sich Tyrande auch sorgte. Wirklich Angst hatte sie jedoch, dass Illidan mit seinem Bruder und dem glücklosen Orc zurückkehren würde. Die Novizin glaubte nicht, dass Malfurions Zwilling ihn je verraten würde, aber wenn Lord Ravencrest die beiden fasste, würde auch er nichts unternehmen können.
»Ich kann nichts dafür, Schwester, ich bin einfach ruhelos. Bitte vergib mir.«
Die Wächterin lächelte verständnisvoll. »Ich hoffe, er begreift, wie viel er dir bedeutet. Die Zeit für deine Wahl ist bald gekommen, richtig?«
Diese Worte bereiteten Tyrande größere Sorgen, als sie sich eingestehen wollte. Ihre Gedanken und Reaktionen, seit die drei Broxigar befreit hatten, waren mehr als nur ein vager Hinweis darauf, wen sie bevorzugte. Aber sie traute dem noch nicht ganz. Ihre Sorge galt sicherlich nur dem Freund, den sie seit frühester Kindheit kannte.
So musste es sein …
Sie hörte, wie Metall gegen Metall schlug und Nachtsäbel fauchten. Tyrande drängte sich an der irritierten Wächterin vorbei und trat auf die Außentreppe von Elunes Tempel.
Staub bedeckt ritten Lord Ravencrests Männer auf den Platz. Der Adlige, der einen Umhang trug, wirkte entspannt, sogar erfreut über etwas, aber die Gesichter der meisten Soldaten waren ernst, und sie sahen sich immer wieder an, als teilten sie ein furchtbares Geheimnis.
Von Malfurion oder Broxigar war nichts zu sehen.
An Lord Ravencrests Seite tauchte Illidan auf. Er ritt hoch aufgerichtet und stolz, wirkte höchst zufrieden, und wenn seine Zufriedenheit darauf beruhte, dass es ihm gelungen war, seinen Zwillingsbruder vor der Gefangennahme zu retten, konnte Tyrande ihm das nicht übel nehmen.
Die junge Priesterin lief, ohne recht zu wissen, was sie tat, die Stufen hinab. Lord Ravencrest entdeckte sie, und er machte Illidan auf sie aufmerksam. Der bärtige Kommandant flüsterte Malfurions Bruder etwas zu und hob seine Hand.
Die Soldaten hielten an. Illidan und Ravencrest lenkten ihre Tiere auf Tyrande zu.
»Nun, wenn das nicht die Schönste von Mutter Monds eifrigen Dienerinnen ist!«, rief der Kommandant aus. »Wie interessant, dass Ihr unsere Rückkehr trotz der späten Stunde abgewartet habt.« Er musterte Illidan, dessen Gesichtsausdruck verschämt wirkte. »Sehr interessant, denkst du nicht auch?«
»Ja, Milord.«
»Wir müssen uns nach Black Rook Hold aufmachen, Schwester, aber ich denke, ich kann euch beiden ein paar Augenblicke Zeit geben, wie?«
Tyrande spürte, wie sich ihre Wangen verdunkelten, als Ravencrest seinen Panther zu den anderen zurücklenkte. Illidan stieg rasch ab, kam zu ihr und nahm ihre Hände in die seinen.
»Sie sind in Sicherheit, Tyrande … und Lord Ravencrest hat sich meiner angenommen! Wir haben eine furchtbare Bestie bekämpft, und ich habe verhindert, dass sie ihn verletzt. Mit meiner Macht habe ich sie vernichtet!«
»Malfurion ist entkommen? Da bist du dir sicher?«
»Natürlich, natürlich«, entgegnete er aufgeregt und wehrte weitere Fragen über seinen Bruder ab. »Verstehst du nicht, dass ich endlich meine Bestimmung gefunden habe? Die Mondgarde hat mich fast ignoriert, aber ich habe ein Monster getötet, das drei von ihnen niederstreckte, unter anderem einen ihrer höchsten Zauberer!«
Sie wollte wissen, was er über Malfurion und den Orc erfahren hatte, aber es war deutlich zu erkennen, dass Illidan nur über sein eigenes Glück grübelte. Tyrande konnte es verstehen, denn sie hatte beobachtet, wie er hart, aber erfolglos für die ruhmreiche Zukunft gerackert hatte, die ihm prophezeit worden war. »Ich freue mich so für dich. Ich hatte befürchtet, die langsamen Fortschritte von Cenarius’ Lehren würden dich frustrieren, aber wenn es dir gelungen ist, Lord Ravencrest zu beschützen, als es seinen eigenen Soldaten nicht gelang, dann …«
»Du missverstehst mich! Ich habe nicht diese langsamen, schwerfälligen Zauber benutzt, die uns Malfurions verehrter Shan’do immer wieder beizubringen versuchte. Ich habe gute, traditionelle Nachtelfen-Magie eingesetzt … und das sogar bei Tageslicht! Es war unglaublich!«
Dass er so schnell vom druidischen Weg abgewichen war, überraschte Tyrande nicht sehr. Auf der einen Seite war sie froh, dass er in einem so gefährlichen Moment zu sich gefunden hatte, auf der anderen Seite war das nur ein weiteres Zeichen für die zunehmenden Unterschiede zwischen den Zwillingen.
Auch darüber musste ihr ohnehin schon überforderter Geist nachdenken.
Hinter Illidan räusperte sich Lord Ravencrest höflich.
Malfurions Bruder setzte sich in Bewegung. »Ich muss gehen, Tyrande! Man wird mir mein Quartier in der Festung zeigen, und dann soll ich dabei helfen, einen größeren Trupp zusammenzustellen, der die toten Bestien und die ganzen Leichen zurückbringt.«
»Leichen?« Sie hatte es zunächst so verstanden, dass einige Mondgardisten ihr Leben gegen ein Ungeheuer verloren hatten, und erst jetzt dämmerte ihr, dass nur Ravencrests Trupp zurückkehren würde. Der Trupp, der davor Malfurion verfolgt hatte, war offenbar vollständig aufgerieben worden.
Der Gedanke daran ließ Tyrande erschaudern … erst recht, da Malfurion ebenfalls dort draußen gewesen war.
»Die anderen Bestien haben die Verfolger beinahe komplett niedergemetzelt. Tyrande, hast du das nicht begriffen?« Illidans Stimme klang beinahe hämisch. Das wachsende Entsetzen in ihrem Gesicht ignorierte er völlig. »Die Zauberer sind sofort gestorben, haben niemandem geholfen. Nur zwei Kämpfer überlebten den Kampf gegen die anderen Ungeheuer, aber ich konnte eine Kreatur mit zwei simplen Zaubern zur Strecke bringen!« Er schien vor Stolz regelrecht aufzublühen. »Dabei konnten diese Monster Magie aussaugen!«
Der Adlige räusperte sich erneut. Illidan führte rasch ihre Hände an seine Lippen und küsste sie leicht. Dann ließ er Tyrande los und stieg auf seinen Nachtsäbel.
»Ich wollte mich deiner würdig erweisen«, murmelte Illidan plötzlich. »Schon sehr bald.«
Er wendete den Panther und ritt zu dem wartenden Kommandanten. Ravencrest versetzte Illidan einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Er blickte er über seine Schulter zu Tyrande. Dann nickte der Adlige Malfurions Zwilling zu und zwinkerte.
Tyrande versuchte immer noch das Gehörte zu verarbeiten, als der bewaffnete Trupp bereits in Richtung Black Rook Hold aufgebrochen war. Illidan sah ein letztes Mal zurück, bevor er der Sicht entschwand. Seine Blicke aus goldenen Augen waren intensiv. Es fiel Tyrande nicht schwer, die Begierde darin zu entdecken.
Sie zog ihren Umhang enger um sich und eilte in den Tempel zurück. Die Wächterin, mit der sie auch vorhin schon gesprochen hatte, erwartete sie im Inneren.
»Verzeih mir, Schwester. Ich habe einiges von dem gehört, was draußen gesagt wurde. Ich trauere um die Leben, die bei der erfolglosen Jagd verloren gingen, aber ich möchte auch deinen Freund zu der strahlenden Zukunft beglückwünschen, die vor ihm liegt. Lord Ravencrest muss großen Respekt vor ihm haben, wenn er ihn zu sich holt. Man kann wohl kaum eine bessere Partie machen, oder?«
»Nein … nein, ich denke nicht.« Als Tyrande auffiel, wie sie klang, fügte sie rasch hinzu: »Vergib mir, Schwester, meine Erschöpfung fordert wohl doch ihren Tribut. Ich sollte zu Bett gehen.«
»Das ist nur allzu verständlich, Schwester. Zumindest weißt du, dass angenehme Träume auf dich warten.«
Doch als Tyrande zu ihrem Zimmer eilte, vermutete sie, dass ihre Träume alles andere als angenehm sein würden. Sie war natürlich froh über die Nachricht, dass Malfurion und Broxigar die Flucht gelungen war und dass offenbar niemand Malfurion mit der Angelegenheit in Verbindung brachte. Auch freute es sie, dass Illidan sich selbst gefunden hatte, etwas, das sie fast nicht mehr erhofft hatte.