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Das Gefühl verging so plötzlich wieder, dass Krasus sich noch stärker an Korialstrasz festhalten musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er blinzelte, fühlte sich sehr erdverbunden und sehr sterblich. Dieser Perspektivenwechsel überwältigte ihn dermaßen, dass Krasus im ersten Moment nicht bemerkte, dass sich seine Umgebung völlig verändert hatte.

Sie schwebten in einer riesigen Höhle, so gewaltig, dass selbst Alexstrasza nicht größer als ein Insekt darin wirkte. Ganze Königreiche hätten hineingepasst, Königreiche mit Wäldern, Feldern und Farmen. Und selbst dann hätte es noch Platz für weit mehr gegeben.

Aber dies war nicht nur eine Höhle von unglaublicher Größe, es gab noch andere Dinge, die diesen Ort von allen anderen unterschieden. Die Wände waren glatt, aber dennoch gebogen, ihre Glätte so perfekt, dass man die Hand darüber gleiten lassen konnte, ohne den geringsten Widerstand zu spüren. Bis hinab zum Boden war das so, wo die Wand auf einen gewaltigen flachen Kreis traf, der sich, hätte ihn jemand vermessen, als geometrisch perfekt erwiesen hätte.

Der Boden war völlig flach und eben. Die Wände krümmten sich auf ihrem Weg zur Decke immer weiter nach innen und schufen so eine Kuppel, dessen Aussehen durch die fehlenden Mineralien einen eigenartigen Reiz erlangte. Keine Stalaktiten hingen drohend von der Decke herab, keine Stalagmiten bohrten sich vom Boden in die Höhe. Es gab keine Risse und keine sonstigen Makel in der Höhle, die Krasus schließlich als die Kammer der Aspekte erkannte.

Diese Kammer war uralt. Man sagte, die Schöpfer hätten die Welt an diesem heiligen Ort erschaffen und wachsen lassen, bevor sie sie in den Kosmos entließen. Selbst die größten Drachen konnten diese Behauptung nicht entkräften, denn es gab nur diesen einen magischen Eingang, den sie durch Zufall vor Jahrhunderten entdeckt hatten. Sie wussten noch nicht einmal, ob dieser Ort in die Dimension der Sterblichen eingebettet war. Alle Versuche, die Wände zu durchbohren, waren gescheitert, und die Aspekte hatten ihre diesbezüglichen Bemühungen schon vor langer Zeit wieder aufgegeben.

Ein weiteres Mysterium dieser unglaublichen Höhle war das helle, goldene Licht, das die Kammer der Aspekte erfüllte und keinen erkennbaren Ursprung besaß. Krasus erinnerte sich, dass niemand wusste, ob das Leuchten verschwand, sobald die Kammer verlassen wurde – oder ob es immer dort war. Alle, die eintraten, fühlten sich jedenfalls von ihm willkommen geheißen, wie von einem treuen Wächter.

Als Korialstrasz zur Landung ansetzte, erkannte Krasus, dass er sich trotz seines lückenhaften Gedächtnisses sehr gut an diesen heiligen Ort erinnern konnte. Das sagte einiges über die Kammer der Aspekte aus – denn hier wurzelten Erinnerungen, die er niemals vergessen konnte und die niemals vergehen würden.

Die beiden Drachen landeten auf dem Felsboden und sahen sich um. Trotz der gewaltigen Ausmaße wussten sie, dass die anderen noch nicht eingetroffen waren.

»Hast du mit allen gesprochen?«, fragte Korialstrasz.

Die Königin des Lebens schüttelte ihr majestätisches Haupt. »Nur mit Ysera. Sie sagte, sie würde die anderen benachrichtigen.«

»Und ich tat, was ich konnte«, antwortete eine verträumt klingende weibliche Stimme.

In einiger Entfernung erschien eine verschwommene smaragdgrüne Gestalt in der Luft. Sie wurde nicht ganz stofflich, aber Krasus erkannte einen schmalen, grazilen Drachen, fast so groß wie Alexstrasza. Ein ständiger Nebel umgab die halb durchsichtige Gestalt, dennoch war zu erkennen, dass sie ihre Augen geschlossen hielt, selbst während sie redete.

Die anderen Drachen senkten ihre Köpfe in ehrerbietiger Begrüßung. Alexstrasza sagte: »Es freut mich, dass du so schnell gekommen bist, meine gute Ysera.«

Die Träumerin, wie sie auch genannt wurde, erwiderte den Gruß. Ihr Gesicht wandte sich den beiden zu, die mit ihr gekommen waren, und obwohl ihre Augen geschlossen blieben, spürte Krasus ihren durchdringenden Blick. »Ich bin hier, weil du meine Schwester bist. Ich bin hier, weil du nur um eine Zusammenkunft bitten würdest, wenn es wichtig ist.«

»Und die anderen?«

»Nozdormu ist der Einzige, den ich nicht direkt erreichen konnte. Du kennst ihn ja. Ich musste mit jemandem sprechen, der ihm dient, und dieser sagte, er würde tun, was in seiner Macht stehe, um seinem Herrn die Nachricht zu überbringen … mehr konnte ich dort nicht erreichen.«

Alexstrasza nickte dankbar, konnte ihre Enttäuschung aber nicht verbergen. »Selbst wenn die anderen hierher kommen, können wir keine endgültige Entscheidung treffen.«

»Der Zeitlose kommt vielleicht noch.«

Krasus, der nach wie vor auf seinem jüngeren Ich saß, hielt die gescheiterte Kontaktaufnahme mit Nozdormu für ein schlechtes Omen. Er wusste, wie schwierig der Zeitlose war, denn Nozdormu verkörperte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft … und damit alles, was jemals geschehen war oder noch geschehen würde. Krasus hatte gehofft, gerade ihn hier zu treffen, denn in ihm sah er eine Chance, mit seinem Begleiter zurück in seine eigene Zeit zu gelangen und die ganze Geschichte doch noch friedlich zu beenden.

Ohne diese Hoffnung musste sich Krasus mit dem Gedanken vertraut machen, dass die Aspekte zum Schutz der Zeitlinie vielleicht ihn und Rhonin würden auslöschen müssen.

Plötzlich tauchten über ihm rote Lichtblitze auf und erschufen einen Sturm, der sich wirbelnd dem Boden näherte. Als er ihn erreichte, platzte er in leuchtenden Farben auseinander, dehnte sich aus und bildete eine Gestalt.

Die Lichter verloschen flackernd, und in ihrem Zentrum stand ein großer, glitzernder Drache, der zu einem Teil aus Kristall, zu einem anderen aus Eis zu bestehen schien. Sein Gesichtsausdruck war für einen Leviathan ungewöhnlich fröhlich, als habe er das von ihm verursachte Spektakel noch mehr genossen als seine Zuschauer.

»Willkommen, Malygos«, sagte Alexstrasza höflich.

»Es ist mir eine Freude, dich zu sehen, Königin des Lebens!« Der glitzernde Riese lachte aus voller Brust. »Und dich ebenfalls, meine hübsche Träumerin.«

Ysera nickte. Ihr Gesichtsausdruck wirkte leicht amüsiert.

»Wie geht es deinem Reich?«, fragte die rote Königin.

»So wundervoll, wie ich es mir nur wünschen kann! Es ist voller Licht, voller Farben und voller Jugend.«

»Vielleicht hätten die Schöpfer dich eher zum Vater des Lebens als zum Wächter der Magie machen sollen, Malygos.«

»Ein interessanter Gedanke. Vielleicht sollten wir bei einer anderen Gelegenheit darüber sprechen.« Er lachte erneut.

»Ist alles in Ordnung?«, wandte sich Korialstrasz an Krasus, der bei der Ankunft des neuen Drachen vor Entsetzen ganz starr geworden war.

»Alles in Ordnung. Ich musste nur meine Sitzhaltung ein wenig verändern.« Die winzige Gestalt war dankbar, dass Korialstrasz sein Gesicht nicht sehen konnte. Je länger Krasus Malygos beobachtete und ihm zuhörte, desto mehr bedauerte er, dass er den Aspekten nicht die Wahrheit über die Zukunft sagen durfte.

Was würdest du tun, Wächter der Magie, wenn du wüsstest, welches Schicksal dich erwartet? Verrat, Wahnsinn, ein gefrorenes Reich, in dem niemand außer dir selbst mehr existiert …

Krasus konnte sich nicht an alle Details von Malygos’ Zukunft erinnern, aber in seinen Gedanken befanden sich so viele Fragmente, dass er die Tragödie verstehen und bedauern konnte. Trotzdem brachte er es nicht über sich, den funkelnden Drachen zu warnen.

»Und diesem hier verdanken wir also unser Treffen?«, fragte Malygos mit einem Blick auf Krasus.

»Das ist richtig«, antwortete Alexstrasza.

Der Wächter der Magie blähte die Nüstern. »Er trägt unseren Geruch, doch das könnte an seiner Nähe zu deinem Gefährten liegen. Da bin ich mir nicht sicher. Ich spüre auch, dass ihn alte Magie umgibt. Steht er unter einem Zauber?«

»Er soll uns seine Geschichte selbst erzählen«, antwortete Alexstrasza und ersparte Krasus damit ein Verhör. »Sobald die anderen eingetroffen sind.«