»Elune, steh uns bei!«, keuchte einer der Zauberer. Er löste sich aus dem Verbund und hätte das Portal beinahe vernichtet. Xavius gelang es gerade noch, es aufrecht zu halten, bis die anderen sich wieder gefangen hatten.
Eine riesige vierfingrige Hand, groß genug, um den Kopf des Beraters zu umschließen, wurde ausgestreckt und zeigte mit einem der klauenartigen Finger auf den Zauberer, der alles gefährdet hatte. Eine Stimme, die wie eine Mischung aus einer tosenden Welle und dem Unheil verheißenden Rumoren eines ausbrechenden Vulkans klang, murmelte ein einziges, unverständliches Wort.
Der Nachtelf, der den Kreis unterbrochen hatte und zurück gestolpert war, begann zu schreien, als sein Körper wie ein Tuch zerquetscht wurde, aus dem man das Wasser herauswrang. Krachende Laute überlagerten seine schwächer werdenden Schreie. Die meisten Hochgeborenen sahen weg, und selbst Hakkars Feibestien winselten.
Schwarze Flammen stiegen auf und hüllten die Überreste des unglücklichen Zauberers ein. Die Flammen fraßen an ihm wie ein Rudel hungriger Wölfe. Sie verschlangen ihr Opfer, bis von ihm nichts außer einem Häufchen Asche am Boden zurückblieb.
»Es wird kein weiteres Versagen geben«, donnerte die Stimme.
Der Herr der Hunde und die Feiwache hatten Lord Xavius bereits beeindruckt, aber nach diesem Neuankömmling glaubte er, dass nichts außer dem Gott selbst ihn mehr ähnlich erschüttern könne. Die furchteinflößende Gestalt bewegte sich auf vier muskulösen Beinen, die an die eines Drachen erinnerten, jedoch in breiten Füßen mit jeweils drei Klauen besetzten Zehen endeten. Ein langer, schuppiger Schwanz zuckte über den Boden und verriet vermutlich die Ungeduld des Himmelsdieners. Von seinem Kopf bis zur Schwanzspitze trug er eine Mähne aus grün lohendem Feuer. Gewaltige lederne Schwingen ragten aus seinem Rücken, aber trotz der enormen Spannweite fragte sich Xavius, ob sie einen so gigantischen und schweren Körper überhaupt tragen konnten.
Die Haut, die unter seiner schwarzen Rüstung zu erkennen war, zeigte ein dunkles Graugrün. Er war doppelt so breit wie Hakkar und mindestens sechzehn Fuß hoch, wenn der Berater richtig schätzte. Die massiven Stoßzähne, die aus seinem Kiefer ragten, kratzten beinahe über die Decke und seine anderen, dolchartigen Zähne waren so lang wie die Hand des Nachtelfs.
Die glühenden Augen lagen unter wulstigen Augenbrauen, die sie beinahe verbargen. Der Auserwählte des Erhabenen starrte den Lord-Berater an – vor allem jedoch den Herrn der Hunde.
»Du hast ihn enttäuscht.« Mehr sagte der geflügelte Kommandant nicht.
»Ich …« Hakkar brach seinen Widerspruch ab und senkte das Haupt. »Ich habe keine Entschuldigung dafür, Mannoroth.«
Mannoroth legte den Kopf schief und betrachtete den Herrn der Hunde, als wäre er etwas Unappetitliches, das er auf seinem Teller gefunden hatte. »Nein, die hast du nicht.«
Die Feibestie an Hakkars rechter Seite jaulte plötzlich auf. Schwarze Flammen, ähnlich denen, die den Zauberer getötet hatten, umgaben das verängstigte Tier. Es rollte sich verzweifelt über den Boden und versuchte, Flammen zu löschen, die sich nicht löschen ließen. Das Feuer breitete sich aus und verschlang ihn.
Als nur noch eine Rauchwolke an die Feibestie erinnerte, wandte sich Mannoroth erneut an den Herrn der Hunde. »Es wird keinen weiteren Fehlschlag geben.«
Xavius spürte Furcht, aber es war eine wunderbare, glorreiche Furcht. Dieses Wesen, so etwas wie die rechte Hand des Erhabenen, verfügte über die größte Macht, die er je erlebt hatte. Es würde wissen, wie man die Niederlage in einen Erfolg umwandeln konnte.
Sein dunkler Blick fiel auf ihn. Mannoroth blähte die Nüstern seiner breiten Nase … und nickte. »Dem Erhabenen gefallen Eure Bemühungen, Lord Nachtelf.«
Er war gesegnet worden! Xavius senkte seinen Kopf noch tiefer. »Ich danke ihm.«
»Wir werden den Plan ausführen und den Quell der Macht vom Rest des Reiches trennen. Dann kann das Eintreffen der Armee endlich voranschreiten.«
»Und der Erhabene? Wird er kommen?«
Mannoroth lächelte so breit, dass er den Berater hätte verschlingen können. »O ja, Lord Nachtelf. Sargeras wird dabei sein wollen, wenn diese Welt gereinigt wird. Nichts wünscht er sich mehr …«
Gras steckte in Rhonins Mund und in seiner Nase.
Zumindest nahm er an, dass es Gras war. Es schmeckte danach. Der Geruch erinnerte ihn an wilde Felder und friedlichere Zeiten … Zeiten mit Vereesa.
Mühsam setzte er sich auf. Es war Nacht, und obwohl der Mond recht hell leuchtete, ließ sich in seinem Lichte nur erkennen, dass Rhonin sich in einem bewaldeten Gebiet befand. Er lauschte, hörte jedoch kein Geräusch, das auf Zivilisation hindeutete.
Die plötzliche Furcht, erneut in eine andere Zeit katapultiert worden zu sein, übermannte ihn kurz, doch dann erinnerte er sich daran, was geschehen war. Sein eigener Zauber hatte ihn hierher gebracht. Er hatte ihn gewirkt, um den Dämon aufzuhalten, der ihm Kraft und Leben stehlen wollte.
Aber selbst wenn er sich in der gleichen Zeit aufhielt, wo hatte ihn der Zauber abgesetzt? Seine Umgebung gab ihm keinen Hinweis. Vielleicht war er nur ein paar Meilen entfernt, vielleicht aber auch am Ende der Welt.
Wenn Letzteres zutraf … würde er dann jemals nach Kalimdor zurückkehren können? Er hoffte, dass Krasus noch irgendwo am Leben war. Der Zauberer wusste, dass er, wenn überhaupt, nur mit der Hilfe seines ehemaligen Mentors nach Hause zurückzugelangen vermochte.
Rhonin kam wankend auf die Füße und fragte sich, in welche Richtung er sich wenden sollte. Er musste wenigstens herausfinden, wo er war.
Ein Geräusch zwischen den Bäumen ließ den Magier herumfahren. Er hob die Hand, um einen Zauber zu wirken.
Eine gedrungene Gestalt trat vor.
»Kein Streit, Zauberer! Ich bin’s nur, Brox …«
Rhonin ließ die Hand langsam sinken. Der große Orc trat vor. Er hielt die Axt, die Malfurion und der Halbgott für ihn gefertigt hatten, immer noch in der Hand.
Beim Gedanken an den Nachtelf sah sich Rhonin um. »Bist du allein?«
»War ich, bis ich dich sah. Du machst viel Lärm, Mensch, benimmst dich wie ein betrunkenes Kind.«
Der Zauberer ignorierte die Beleidigung und sah an dem Orc vorbei. »Ich meinte Malfurion. Er stand neben mir, als ich den Zauber wob. Er könnte ebenso wie du in ihn hineingeraten sein …«
»Geräusche.« Brox schüttelte seinen hässlichen Kopf. »Habe keinen Nachtelf gesehen. Und auch keine Feibestie.«
Der Mensch erschauderte. Er hoffte inständig, dass er den Dämon nicht ebenfalls mitgerissen hatte. »Irgendeine Idee, wo wir sein könnten?«
»Bäume … Wald.«
Rhonin hätte beinahe wütend auf diese nutzlose Antwort reagiert, doch dann machte er sich klar, dass auch er keine bessere hätte geben können. »Ich wollte da lang gehen«, sagte er und wies in eine Richtung, die er für Osten hielt. »Hast du einen besseren Vorschlag?«
»Wir könnten bis Sonnenaufgang warten. Man kann dann besser sehen, und die Nachtelfen mögen Helligkeit nicht sonderlich.«
Obwohl das Sinn machte, fühlte sich Rhonin nicht wohl bei dem Gedanken, auf den Tagesanbruch zu warten. Er sagte es seinem Begleiter. Brox überraschte ihn, indem er sich einverstanden erklärte, gleich aufzubrechen.
»Dann lass uns die Gegend erkunden, Zauberer.« Er hob die Schultern. »Deine Richtung ist so gut wie jede andere.«
Als sie losmarschierten, kam Rhonin ein Gedanke, den er unbedingt zur Sprache bringen musste. »Brox … wie bist du hierher gekommen? Nicht genau an diesen Ort – die Antwort kenne ich natürlich –, aber wie bist du in dieses Reich gelangt?«
Zuerst schwieg der Orc, doch dann erzählte er dem Zauberer bereitwillig, was geschehen war. Rhonin lauschte der Geschichte. Der erfahrene Krieger und sein glückloser Partner waren unmittelbar hinter ihm und Krasus gewesen und dabei ebenfalls in die Anomalie geraten.