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»Schamanin, gibt es Neuigkeiten?«

Tyrande schüttelte den Kopf. »Nein. Der Körper atmet zwar, aber es ist kein Geist in ihm.«

Der Orc runzelte die Stirn. »Wird er sterben?«

»Ich weiß es nicht.«

Wäre es besser gewesen, sie hätte es gewusst? Sie hatte keine Ahnung. Seit drei Nächten wachte sie über Malfurions Körper, zuerst in der Kammer des Mondes, dann in einem unbewohnten Raum innerhalb des Tempels. Die Hohepriesterinnen gaben sich sehr verständnisvoll, ließen aber wenig Zweifel daran, wie klein die Chance war, noch etwas für ihren Freund bewirken zu können.

»Vielleicht schläft er für immer«, hatte eine gesagt. »Oder der Körper stirbt an Durst und Nahrungsmangel.«

Tyrande hatte versucht Malfurion zu füttern, aber der Körper war wie komplett gelähmt und reagierte nicht. Sie wagte es nicht, Wasser in seine Kehle zu träufeln, aus Sorge, er könne daran ersticken.

Vergangene Nacht hatte Brox vorsichtig den Vorschlag unterbreitet, Malfurions Leiden zu beenden, falls sich herausstellte, dass keine Hoffnung mehr für ihn bestand. Er hatte sogar angeboten, die entsprechenden Schritte selbst zu übernehmen. Für die Novizin klang das schrecklich, aber sie begriff, dass der Orc nur anbot, was er jedem guten Kameraden zu schulden glaubte. Er schätzte Malfurion.

Sie wussten nicht, was mit seinem Geistkörper geschehen war. Es war möglich, dass seine Seele um den Körper herum kreiste, aber keinen Weg mehr hinein fand. Tyrande zweifelte jedoch daran, vermutete eher, dass ihm etwas zugestoßen war, als er versucht hatte, den Abschirmungszauber zu beseitigen. Vielleicht war sein Geist bei dabei ausgelöscht worden.

Der Gedanke, Malfurion für immer zu verlieren, setzte Tyrande mehr zu, als sie jemals erwartet hätte. Selbst Illidans gefahrvolle Mission berührte sie nicht annähernd so stark. Sie machte sich zwar Sorgen um ihn, aber nicht so sehr wie um seinen Bruder, dessen Körper hier vor ihr lag.

Die Priesterin legte eine Hand auf seine Wange und dachte zum wiederholten Maclass="underline" Malfurion, komm endlich zurück zu mir.

Doch es passierte nichts.

Dicke, grüne Finger berührten sanft ihren Arm. Tyrande blickte in die besorgten Augen des Orcs. In diesem Moment wirkte er nicht hässlich auf sie, war nur eine weitere trauernde Gestalt, wie sie selbst.

»Schamanin, du hast nicht geschlafen, du hast den Raum nicht verlassen. Das ist nicht gut. Geh hinaus. Atme die Nachtluft.«

»Ich kann ihn nicht …«

Er ließ ihren Protest nicht zu. »Was willst du, was kannst du tun? Nichts. Er liegt hier. Nichts wird ihm geschehen. Er würde wünschen, das du dich erfrischst.«

Die anderen sahen in dem Orc eine barbarische Kreatur, aber Tyrande wurde immer klarer, dass der brutal aussehende Krieger einfach nur ein Wesen war, das in einer anderen Kultur aufgewachsen war. Er hatte ein Gefühl für die Bedürfnisse eines Lebewesens und ebenso für die Gefahren, wenn man diese Bedürfnisse unterdrückte oder ignorierte.

Sie konnte Malfurion nicht helfen, wenn sie selbst geschwächt war oder krank wurde. So schwierig zu akzeptieren es für Tyrande auch sein mochte, sie musste sich auch etwas Zeit für sich selbst nehmen.

»Also gut – aber nur ein paar Minuten.«

Brox half ihr beim Aufstehen. Die junge Priesterin bemerkte, dass ihre Beine steif waren und ihren Körper kaum trugen. Ihr Begleiter hatte Recht, sie musste sich dringend erfrischen, wenn sie weiterhin für Malfurion da sein wollte.

Gemeinsam mit dem Orc begab sich Tyrande zum Eingang des Tempels, wo es immer noch von verängstigten und verwirrten Bürgern wimmelte. Sie alle suchten Trost bei den Dienerinnen von Mutter Mond.

Sie fürchtete, sich mühevoll einen Weg durch die Menge bahnen zu müssen, aber die Nachtelfen wichen vor ihnen zurück, um einen Bogen um Brox zu schlagen. Ihre Ablehnung schien ihn selbst kaum zu interessieren, beschämte aber Tyrande. Elune hatte stets Respekt vor allen Geschöpfen gepredigt, dennoch tolerierten nur wenige Nachtelfen andere Völker.

Wenig später traten sie Seite an Seite auf den Platz. Eine kühle Brise streichelte Tyrande und erinnerte sie an ihre Kindheit. Sie hatte den Wind immer geliebt. Früher hatte sie sogar die Arme ausgebreitet und versucht, ihn zu umarmen. Doch heute hätte sich das wohl nicht mehr geziemt …

Minutenlang standen Tyrande und Brox einfach nur da. Dann bekam die Priesterin Schuldgefühle, denn die Gedanken an Malfurion wurden wieder alles beherrschend. Schließlich bat sie den Orc, sie zurück ins Tempelinnere zu begleiten. Brox nickte verständnisvoll und folgte ihr.

Sie hatten die Stufen des Tempels noch nicht erreicht, als einer der Suramar-Wächter nach ihr rief. Tyrande zögerte, da sie sich nicht sicher war, ob der Soldat Ärger wegen Brox machen wollte.

Doch der Offizier führte offenbar anderes im Schild. »Vergebt mir, Schwester. Ich bin Hauptmann Jarod Shadowsong.«

Sie kannte sein Gesicht, nicht aber seinen Namen. Er war nur wenig älter als sie und für einen Nachtelfen fast schon etwas rundlich. Seine Augenschlitze waren ausgeprägter als allgemein verbreitet, was ihm eine natürliche Strenge verlieh, selbst wenn er, wie in diesem Moment, eigentlich freundlich sein wollte.

»Ihr wünscht etwas von mir, Hauptmann?«

»Ein wenig von Eurer Zeit, wenn ich so dreist sein darf. Ich habe hier einen Gefangenen, der dringend Hilfe benötigt.«

Im ersten Moment wollte Tyrande ablehnen, da es sie drängte, zu Malfurion zurückzukehren. Doch dann besann sie sich ihrer Pflichten. Sie konnte sich doch nicht von einem Bedürftigen abwenden, der ihrer Hilfe bedurfte. »Also gut.«

Der Orc schloss sich ihnen ebenfalls an, was Hauptmann Shadowsong zur entsetzten Frage veranlasste: »Kommt das etwa auch mit?«

»Möchtet Ihr lieber, dass er in diesen unsicheren Zeiten unbeaufsichtigt auf dem Platz zurückbleibt?«

Der Offizier schüttelte zögernd den Kopf, womit die Angelegenheit erledigt war. Er drehte sich um und schritt vor den beiden her.

In Suramar gab es nur eine kleine Einrichtung für Gefangene. Solche, die wichtig waren, landeten ohnehin in Black Rook Hold.

Das Gebäude, zu dem Hauptmann Shadowsong sie führte, hatte man aus dem Stamm eines abgestorbenen Baumes errichtet. Die Wurzeln bildeten das Fundament des Gebäudes. Den Rest hatten die Arbeiter Stein auf Stein hinzugefügt. Außer Lord Ravencrests Festung gab es kein solideres Gebäude, und die Stadtwache von Suramar war darauf sichtlich stolz.

Tyrande betrachtete das farblose Gebäude mit Vorbehalt. Das monotone Äußere ließ darauf schließen, dass sich in seinem Inneren nur die übelsten Schurken aufhielten, und so bereitete sie sich auf das Schlimmste vor, ohne sich etwas von ihren Gedanken anmerken zu lassen, als der Hauptmann sie bat, einzutreten.

In der äußeren Kammer stand nur ein einfacher hölzerner Tisch, an dem vermutlich der diensthabende Offizier arbeitete. Da die meisten Soldaten Suramar verlassen hatten, hielten sich Hauptmann Shadowsongs Kameraden wahrscheinlich gerade draußen auf und versuchten, für Ruhe zu sorgen.

»Wir fanden ihn am gleichen Abend, an dem Lord Ravencrests Armee loszog. Die meisten Entdeckungszauber funktionieren nicht mehr, Schwester, aber manche enthalten eigene Magie. Einer dieser Zauber hat uns zu dem Eindringling geführt. Wegen der jüngsten Ereignisse …« Hauptmann Shadowsong warf dem Orc einen schnellen Blick zu. Er schien über Brox’ Bescheid zu wissen, sonst hätte er ihn sicher sofort verhaftet. »… wollten wir kein Risiko eingehen und haben sofort nachgesehen.«

»Und was hat das mit mir zu tun?«

»Der Gefangene, den wir entdeckten, war ziemlich erschöpft. Als uns klar wurde, dass er das nicht nur vortäuscht, brachten wir ihn hierher. Es geht ihm immer noch nicht besser. Aufgrund seiner seltsamen Erscheinung möchte ich, dass er überlebt, bis … nun, falls Lord Ravencrest zurückkehrt. Deshalb habe ich Euch aufgesucht.«

»Dann zeigt mir bitte, wo er ist.«