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Sie griff nach Wachtmeister Watsons Arm und japste: »Wir müssen ihn suchen.« Sie wollte ihn zur nächsten dunklen Reihe von Büschen ziehen, doch er blieb stehen. Dierdre drehte sich um und war gerade dabei, ihre Kräfte zu verdoppeln, als das ätzende Brüllen des Windes verebbte. Die geschüttelten Bäume rauschten und ächzten noch ein paar Momente, dann verfielen sie in Schweigen.

Überraschenderweise - denn sie befanden sich eine halbe Meile von der nächsten Behausung entfernt - bellte ein Hund. Dem Gebell folgte ein anderes Geräusch, das, obwohl es von einer Ligusterhecke stark gedämpft wurde, unmißverständlich eine menschliche Stimme war. Sie schrie, aber nicht panisch, sondern eher in dem sonoren, nüchternen Tonfall eines Ausrufers. Dierdre brüllte: »Der See!« und schon lief sie in die Richtung, aus der die Geräusche gekommen waren. Der Wachtmeister folgte ihr und versuchte, den Weg mit seiner Taschenlampe anzustrahlen, aber sie rannte so schnell und vollführte derartige Zickzackbewegungen, daß er sie verlor. Einmal stolperte sie, fiel in ein Blumenbeet und rappelte sich mit beschmutzten Händen und Kleidern wieder auf.

Tatsächlich war der See kein richtiger See, sondern eher ein Reservoir. Eine große natürliche Senke, die man erweitert, mit Mauerwerk zu einem Rechteck befestigt und mit Schilf und anderen Wassergewächsen bepflanzt hatte. Im Sommer war es erlaubt, darauf zu segeln. Außerdem war das Gewässer die Heimat vieler verschiedener Vogelarten und kleiner Säugetiere. In der Nähe stand ein Betongebäude, das von einem hohen Drahtzaun umgeben war, an dem ein Schild hing. Es zeigte ein gelbes Dreieck mit einem gezackten Pfeil, einem liegenden Mann und den Worten: TODESGEFAHR. KEIN ZUTRITT. Als Dierdre dort ankam, segelte der Mond, der so weiß war, daß er in der eisigen Luft fast blau zu sein schien, gerade gelassen hinter einer Bank aus dunklen Wolken hervor. Er beleuchtete eine ganz erstaunliche Szene.

Mr. Tibbs stand wie erstarrt genau in der Mitte des Reservoirs aufrecht in einem Ruderboot. Er hatte die Arme in die Höhe gestreckt, und seine Finger umrahmten in einem fast perfekten Kreis den Mond, so daß es aussah, als hielte er eine neue, geheimnisvolle Welt in seinen Handflächen. Hose und Hemd waren zerrissen, sein Haar stand wild in alle Richtungen ab, und seine Unterarme und seine Brust waren zerkratzt und bluteten. Aber auf seinem Gesicht, das er dem Mond zugewandt hatte, lag ein derart ekstatischer Ausdruck, so als würde er Strahlen himmlischen Lichts erblicken, die zwischen den Pforten des Paradieses hindurchdrangen.

Mr. Tibbs hatte auch Publikum. Eine rauhhaarige, schmutzigbraun-und weißgefärbte Promenadenmischung mit einem Ringelschwanz. Sie saß kerzengerade am Ufer, die Ohren aufgerichtet und den Kopf in einer Weise zur Seite geneigt, die große Aufmerksamkeit verriet. Auch als die anderen in das Blickfeld des Hundes vordrangen, schien er keine Notiz von ihnen zu nehmen, sondern hielt seine Augen (braun und so schimmernd wie Bucheckern) weiterhin fest auf die Gestalt im Boot gerichtet.

»Ich habe einen mächtigen Engel vom Himmel kommen sehen!« rief Mr. Tibbs. »Er war in eine Wolke gehüllt. Und ein Regenbogen spannte sich über seinen Kopf! Und sein Gesicht sah so aus, als wäre es die Sonne... und seine Füße waren wie Säulen aus Feuer!«

Während der Wachtmeister sein Funkgerät nahm, um Hilfe zu organisieren, hielt Audrey Brierley die entsetzte Dierdre fest.

»Wir holen Verstärkung, Liebes«, sagte Audrey eindringlich. »Und einen Krankenwagen. Die sind in kürzester Zeit hier. Bitte, beruhigen Sie sich. Sie können jetzt nichts für ihn tun. Wenn Sie in den See steigen, dann müssen wir bloß zwei Leute an Land ziehen. Das bedeutet dann doppelt soviel Ärger und ein doppeltes Risiko. Das werden Sie doch wohl nicht wollen, oder?« Dierdre beruhigte sich. »Braves Mädchen. Versuchen Sie, sich keine Sorgen zu machen. Es ist zwar kalt und naß, aber er schwebt nicht wirklich in Gefahr.«

»Jeder, der Ohren hat, soll es hören«, tönte Mr. Tibbs. Dann breitete er die Arme in einem weiten Bogen aus, so als wollte er sein menschliches Publikum, das aus drei Personen bestand, die Betonhütte und den übermäßig aufmerksamen Hund umarmen, und einen Moment später fiel er ins Wasser.

Dierdre schrie auf, Polizistin Brierley hielt sie wieder fest, Wachtmeister Watson schälte sich aus seiner schweren Uniform, legte die Stiefel ab und stieg ins Wasser. Er hatte sehr große Mühe, im Wasser zu laufen (seine Hose war sofort durchnäßt), und er verfluchte das Schicksal, das ihm die Spätschicht eingebracht hatte. Er stürzte sich ins Wasser und kraulte auf den Umriß des Bootes zu. Jedesmal, wenn er den Kopf ein wenig aus dem Wasser hob, schwappte ein Schwall des eiskalten, schlammigen und nach Eisen schmeckenden Wassers in seinen Mund. Er griff nach etwas, wovon er glaubte, es sei das Gesuchte, entdeckte jedoch, daß es sich dabei lediglich um ein glitschiges Stück Holz handelte. Er schwamm also weiter. Aus seiner Perspektive schien das Wasser bis in den Himmel zu schwappen und zu spritzen. Mr. Tibbs’ Abgang hatte die Spiegelung des Mondes entzweit. Das Licht umkreiste in durchbrochenen Strahlen den Kopf des Polizisten. Er konnte ununterbrochen das Geheul von Dierdre hören, das sich mit dem Gebell des Hundes vermischte, der nun, da die Rede beendet und die Aktion gestartet war, aufgeregt im Kreis herumlief.

Der Polizist erreichte Mr. Tibbs, schlang einen Arm um den Nacken des alten Mannes und drehte ihn um. Für die verängstigte Dierdre, die am Ufer stand und die Hände rang, schien sich ihr Vater mit graziler Leichtigkeit umgedreht zu haben, aber für Jim Watson war es so, als müßte er einen Hundertpfundsack Kartoffeln anheben. Gott sei Dank schlägt der alte Mann nicht um sich, dachte er und fühlte, wie sich seine Arme verdrehten, so daß die Gelenke knirschten. Tatsächlich schien sich Mr. Tibbs noch nicht einmal der Gefahr bewußt zu sein, in der er schwebte. Er trieb im Wasser wie ein Käfer mit ausgestreckten Armen auf dem Rücken. Mit seinem starren, unnatürlichen Lächeln und dem ausgebreiteten weißen Haar ähnelte er der Leiche eines Heiligen, die im Ganges schwamm. Wachtmeister Watson paddelte los. In dem Bemühen, sie beide überhaupt in Bewegung zu bringen, drosch sein Arm förmlich auf das Wasser ein.

Dann beschloß Mr. Tibbs, daß er davon jetzt genug hatte, und er kündigte der nächsten Welt sein Erscheinen an. »Wir kommen, Herr«, rief er. Er wandte sich aus dem Griff des Polizisten und bekreuzigte sich, wobei er Wachtmeister Watson heftig ins Auge stach.

»Jesus!« schrie der mitgenommene Wachtmeister, als der betäubende Schmerz hinter seiner Stirn explodierte. Mr. Tibbs, der ohne Zweifel durch dieses Zeichen der Solidarität ermutigt worden war, drückte beide Hände auf die Schultern seines Retters und nahm ihn mit sich in die Tiefe.

Jim Watson hielt den Atem an, bahnte sich gewaltsam einen Weg an die Wasseroberfläche, holte tief Luft und tauchte dann wieder ab, um Mr. Tibbs hochzuziehen.

»Oh...«, jammerte Dierdre. »Wir müssen etwas tun.«

»Es wird schon alles gutgehen.« Wachtmeister Brierley tat betont optimistisch. Zwei blasse Gesichter hatten immer noch einen weiten Weg bis zum Ufer vor sich.

»Können Sie nicht hineinspringen und helfen?«

»Dann hingen wir zu zweit um seinen Nacken.«

«Ich dachte, bei der Polizei könnte jeder schwimmen.«

»Nun, nicht jeder«, fauchte Audrey, die mißbilligend zur Kenntnis nahm, wie verdreckt und feucht ihre Uniform war. Ihre Kappe hatte sie bereits irgendwo im Gestrüpp verloren, ihre Strumpfhose war zerrissen, und sie hätte wütend schreien mögen, weil sie dringend eine Toilette gebraucht hätte. Sie bewegte sich jetzt ein wenig vorwärts und streckte die Fingerspitzen noch zwei Zentimeter weiter vor. Diese zwei Zentimeter sollten den Unterschied machen. Sie befahclass="underline" »Halten Sie sich an meinen Beinen fest.«

Als der Hund bemerkte, daß die Situation nun vollends außer Kontrolle geraten war, legte er sich ganz ruhig auf den Bauch und blickte zwischen dem Paar am Ufer und dem im Wasser mit einem zunehmenden Grad an Ängstlichkeit hin und her.