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Troy streckte den Kopf durch die Tür. »Der Wagen steht bereit, Chief.«

»Es könnte natürlich auch sein, Sir«, sagte Sergeant Troy, als er von der Straße, die nach Gessler Tye führte, in Richtung Badger’s Drift abbog, »daß das Pärchen im Wald vom anderen Ufer war. Sie wissen schon ... Schwule.« Er hätte das letzte Wort nicht giftiger aussprechen können, wenn er von einem Kinderschänder geredet hätte.

Es war die fünfte Theorie, die er in den letzten zehn Minuten aufgestellt hatte, und jedesmal hatte er gewissenhaft ein >Sir< angefügt. Troy ging großzügig mit dieser ehrenvollen Anrede um - man konnte ihm nicht vorwerfen, daß er die Etikette nicht wahrte. Oder keine Disziplin hatte. Sergeant Troy hielt sich genau an Vorschriften, er hatte seine Prüfungen mit guten Ergebnissen abgeschlossen, und seine Berichte waren Musterbeispiele an Knappheit und dennoch sehr informativ. Er war frei von den albernen, romantischen Vorstellungen, die viele Männer und Frauen hatten, die bei der Polizei arbeiten wollten, und wurde auch nicht von dem üblichen sentimentalen Mitleid bewegt, das sich in den meisten Fällen bei der ersten Begegnung mit einem ruchlosen, bewaffneten Schurken in Luft auflöste. Nein, Mitleid und Barmherzigkeit gehörten nicht zu Troys Empfindungen. Er war drauf und dran, seine Theorie weiterzuspinnen. Wirklich, dachte Barnaby, wenn der Junge einen liebenswürdigen Charakter hätte, könnte man ihn als unverwüstlich und brauchbar bezeichnen.

Bevor Troy ein weiteres Wort herausbrachte, sagte Barnaby schnelclass="underline" »Daran habe ich auch schon gedacht. Aber soweit wir wissen, käme da nur Dennis Rainbird in Frage. Ich habe sein Alibi überprüft. Sein Partner sagt aus, daß er das Geschäft am Freitag tatsächlich erst um Viertel vor fünf verlassen hat. Außerdem gibt es wohl keinen Grund, daß er eine Beziehung geheimhalten müßte. So was ist nicht mehr strafbar.«

»Ja, leider«, sagte Troy und setzte mit ungewöhnlicher Auffassungsgabe hinzu: »Ich wette, seine Mutter wäre schrecklich eifersüchtig.« Dann: »Sind wir nicht ein bißchen zu früh dran - ist das Lessiter-Mädchen schon da?«

»Sie arbeitet heute nur halbtags.«

»O mein Gott!« kreischte Troy und trat auf die Bremse. Der Wagen kam mit quietschenden Reifen zum Stehen. Barnaby wurde nach vorn geschleudert, und nur der Sicherheitsgurt bewahrte ihn vor einer Kollision mit der Windschutzscheibe. Eine Gestalt war hinter dem Briefkasten hervorgesprungen und hatte sich ihnen in den Weg gestellt.

Barnaby kurbelte das Fenster herunter und stieß durch bleiche Lippen hervor: »Das war keine gute Idee, Miss Bellringer ...«

»Was für ein Zufall.« Sie strahlte ihn an. Ein schwacher Geruch nach Nelken und Veilchen wehte ins Innere des Autos. Ehe Barnaby sie zurückhalten konnte, öffnete sie die hintere Tür und ließ sich auf den Rücksitz nieder. »Bevor ich es vergesse«, sagte sie, »morgen ist die Beerdigung. Um elf Uhr dreißig. Ich weiß nicht, ob Sie auch kommen wollen.«

Barnaby murmelte ein paar unverbindliche Worte. Sergeant Troy kramte mit bebenden Fingern nach seinem Päckchen Chesterfields.

»Rauchen Sie nicht hier drin, junger Mann. Sie gefährden unser aller Gesundheit.« Troy ließ das Päckchen auf seinen Schoß fallen, lehnte sich zurück und schloß gequält die Augen. »Und jetzt«, sie lächelte Barnaby zuckersüß an, »erzählen Sie mir, wie Sie mit Ihren Untersuchungen vorankommen. Haben Sie Fortschritte gemacht?«

»Unsere Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.«

»Sie brauchen mich wirklich nicht so abzufertigen, Chief Inspector. Wenn ich nicht gewesen wäre, würde es diesen Fall für Sie gar nicht geben. Und Sie sagten selbst, daß ich Ihnen helfen könnte.« Diese schamlose Lüge begleitete ein glänzender, unschuldiger Kinderblick. Bevor Barnaby auch nur Luft holen konnte, erkundigte sie sich: »Haben Sie schon mit dieser gräßlichen Mrs. Rainbird gesprochen?«

»Ja.«

»Was hat sie gesagt? Hat sie etwas gesehen?«

Der Chief Inspector sah keinen Grund, Mrs. Rainbirds Enthüllungen geheimzuhalten. Inzwischen hatten sich die Neuigkeiten sicher überall herumgesprochen. »Sie hat Miss Lacey an dem bewußten Abend gesehen: Sie war auf dem Weg zum Briefkasten, um einen Brief einzuwerfen.«

»Hmm.« Miss Bellringer schnaubte verächtlich. »Das Mädchen ist einfach zu hübsch, damit werden die Leute nicht so leicht fertig. Hören Sie - es ist sinnlos, um den heißen Brei herumzureden. Einem alten Hasen wie mir ist natürlich klar, warum wir alle über den Nachmittag und den Abend Auskunft geben müssen. Emily hat etwas im Wald gesehen, und ich glaube, daß wir hier von einer gefährlichen Leidenschaft sprechen.« In ihrer Stimme schwang eindeutig die Großartigkeit einer Bronte mit. »Das heißt über Katherine Lacey und ihren Geliebten. Das ist so klar wie Kloßbrühe. Können Sie sich vorstellen, was eine Entdeckung für sie bedeuten würde? Als erstes gäbe es keine Hochzeit. Henry Trace mag ja vernarrt in sie sein, aber er ist kein Dummkopf. Und sie müßte sich von Tye House und dem schönen Geld verabschieden und nebenbei auch von einem Ehemann, den man ganz leicht zum Hahnrei machen kann. Blind vor Liebe und an einen Rollstuhl gefesselt? Was kann sich das Mädchen mehr wünschen? Als seine Frau kann sie doch beinahe alles tun und lassen, was sie will. Und in ihrer Familie herrscht schlechtes Blut vor. Ihr Vater war ein berüchtigter Tunichtgut. Er hat seine arme Frau ins Grab gebracht.«

»Davon hörte ich bereits.«

»Alte Sünden werfen lange Schatten.« Barnaby schwieg. »Hat Mrs. Rainbird das Mädchen zurückgehen sehen?« wollte Miss Bellringer wissen.

»Offenbar nicht. Zu der Zeit spielte sie mit ihrem Sohn Monopoly.«

»Mit diesem schleimigen Kerlchen?«

Barnaby grinste anerkennend. »Sie sagte, Miss Lacey habe einen der Beagles bei sich gehabt.«

»Einen der Beagles?« Miss Bellringer ergriff aufgeregt seinen Arm. »Sind Sie sicher?«

»Mrs. Rainbird ist sicher.«

Sie sank niedergeschlagen zurück. Selbst ihr flutendes Gewand, das heute eine Borte hatte, die aussah wie gehäckselte Rote Bete, schien in sich zusammenzufallen. »Dann taugt unsere Theorie nichts.«

»Warum?« wollte der Chief Inspector wissen, ohne auf das Wörtchen >unsere< näher einzugehen.

»Benjy hat nicht gebellt. Er blieb freundlich, wenn Menschen, die er kannte, an die Tür kamen - herzensgut -, aber sobald ein anderer Hund dem Garten zu nah kam, wurde er zum Berserker. Ich hätte sein Kläffen bestimmt gehört. Ich wohne ja nicht weit weg.«

»Vielleicht hat Miss Lacey ihn irgendwo angebunden«, warf Troy hilfreich ein, der sich widerwillig für die plausible Theorie der alten Lady erwärmte. »Den Beagle, meine ich.«

»Hooo.« Das klang wie eine Schiffssirene. »Da kennen Sie die Beagles aber schlecht. Sie sitzen nicht duckmäuserisch da und warten, während ihr Herrchen oder Frauchen andere Dinge erledigt. Sie sind sehr stimmgewaltig. Wenn sie ihn angebunden hätte, wäre das ganze Dorf alarmiert worden. Nein - kein einziger Hund hat an diesem Abend gebellt, das weiß ich genau. Nun denn.« Sie stieß die rechte Tür auf und jagte einem vorbeikommenden Radfahrer mit dieser Unachtsamkeit einen Schrecken ein, der ihn mindestens zehn Jahre seines Lebens kostete. Sie stieg elegant aus dem Wagen. »Wir müssen wohl oder übel alles noch einmal genau überdenken. Ich gebe den Gedanken an die Laceys äußerst ungern auf, müssen Sie wissen. Was ist mit dem Bruder?«

»Der Bruder hat kein Motiv, Miss Bellringer. Ich fürchte, Sie müssen uns jetzt entschuldigen.«