»Wenn der jemand den Hals umdrehen würde, hätte ich vollstes Verständnis.« Troy holte tief Luft, als er anfuhr. »Es ist ihnen alles egal, nicht wahr? Den echten Exzentrikern. Es ist ihnen vollkommen gleichgültig, was andere denken.«
»Ein echter Exzentriker«, stellte Barnaby klar, »nimmt nicht einmal zur Kenntnis, daß andere überhaupt denken. Passen Sie auf diesen Hund auf«, setzte er hinzu, als Troy auf den gepflasterten Hof von Tye House fuhr und relativ sanft, ohne die übliche Abruptheit in der Nähe der Küchentür stehenblieb. Aber die Warnung war unnötig. Benjy kam nicht auf sie zu - er lag mit der grauen Schnauze zwischen den Pfoten auf der Stufe. Er war noch dürrer geworden. Sein Schwanz hob sich und klopfte ein-oder zweimal auf den Boden, während er ihnen ängstlich und hoffnungsvoll zugleich entgegensah. Er wartete treu bis zu seinem letzten Atemzug.
»Armer alter Junge«, sagte der Sergeant. »Guter Hund.« Er wollte ihn streicheln, aber als er sich bückte, drehte der Hund den Kopf weg. »Sie hätten längst etwas mit dem unglücklichen Tier unternehmen sollen.«
Barnaby deutete auf die andere Seite der Rasenfläche. »Im Garten«, sagte er. Als die beiden Männer die Stufen zwischen den beiden großen, mit üppiger Blumenpracht bepflanzten Steinurnen hinuntergingen, spürte Barnaby, wie ihm eine frische Brise entgegenwehte. Der Wind preßte das zitronengelbe Kleid an Katherine Laceys vollendeten Körper. Sie stand hinter Henrys Rollstuhl und hatte die Arme um ihn geschlungen; ihr Kopf war dem seinen sehr nahe. Als Barnaby näher kam, zeigte sie auf eine Pappelgruppe. Henry schüttelte den Kopf, und beide lachten. Dann schob Katherine den Rollstuhl in Barnabys Richtung.
»Wir erwarten über hundert Gäste am Samstag, Inspector«, rief Trace. »Was meinen Sie, wo sollen wir das Zelt aufstellen?«
Platz haben sie weiß Gott genug bei einem Garten dieser Größe, dachte Troy. Trotzdem kann ihm all das viele Geld seine Beine nicht ersetzen. Was für eine Vorstellung: ein so tolles Mädchen, und man sitzt im Rollstuhl neben ihm vor dem Altar! Er lächelte selbstsicher und sagte: »Guten Tag, Miss Lacey.«
»Wo immer wir es auch aufstellen«, meinte sie lächelnd, »es wird überall schreckliches Unheil anrichten.«
»Oh, der Rasen wird sich schnell wieder erholen«, entgegnete Henry. »Haben Sie etwas fürs Gärtnern übrig, Inspector Barnaby?«
Barnaby nickte, erkundigte sich, ob sie wegen des Rosengartens zu einer Einigung gekommen waren, und setzte damit eine angenehme Plauderei über Hortikultur in Gang. Henry beschrieb sein Hochzeitsgeschenk für Katherine - neunzehn altmodische Moos-und Kletterrosen: »Eine Pflanze für jedes Jahr ihres Lebens.«
»Später werden wir an jedem Hochzeitstag eine weitere dazupflanzen, bis wir alt und grau sind«, fügte Katherine hinzu. »Das wird unser Rosengarten.«
Barnaby ließ der Unterhaltung ein paar Minuten freien Lauf, dann kam er zum Kern seines Besuchs. »Da ist eine kleine Unstimmigkeit, Miss Lacey. Als wir gestern miteinander sprachen, sagten Sie, soweit ich mich erinnere, daß Sie den Abend des Siebzehnten hier mit Mr. Trace verbrachten.«
»Ja, das stimmt.«
»Und Sie haben das Haus nie verlassen?«
»Nein, wir waren die ganze Zeit hier.«
»Sie wurden gesehen, als Sie durchs Dorf gingen.«
»Ich?« Sie sah ihn verwirrt an. »Aber das kann nicht sein. Oh! Natürlich, ich bin zum Briefkasten gelaufen, um einen Brief einzuwerfen. Erinnerst du dich, Liebling? Wir wollten einen Katalog von Notcutt’s bestellen, und ich dachte, ich erledige das am besten sofort.«
»Wäre es nicht schneller gegangen, wenn Sie ihn telefonisch bestellt hätten?«
»Sie sind nicht kostenlos, man muß vorab einen Scheck schicken.«
»Man bestellt sie in der Hauptniederlassung in Woodbridge?« Sie nickte. »Wissen Sie noch, wie lange Sie etwa weg waren?«
»Nicht genau. Ich lief rasch bis zum Ende der Church Lane und gleich wieder hierher zurück.« Etwas schärfer setzte sie hinzu: »Bestimmt hat man mich auch auf dem Heimweg gesehen.«
»Offenbar nicht.«
»Na, so was - sie sind wohl auf dem Posten eingeschlafen, wie?«
»Sind Sie jemandem begegnet?«
»Nicht einer Menschenseele.«
»Können Sie Miss Laceys Aussage bestätigen, Sir?«
»Na ja ... ich habe nicht mitbekommen, daß Katherine weg war.«
»Nein, du bist nach dem Abendessen eingedöst. Deshalb habe ich mich ja auch entschlossen, die Sache gleich zu erledigen.«
»Ja. Das passiert mir in letzter Zeit öfter.« Henry lächelte in Barnabys Richtung. »Als ich wieder aufwachte, war sie jedenfalls da.«
Zwei schwarz-goldene Lieferwagen - >Lazenby et cie< - kamen durch das Haupttor in den Hof.
»Das ist der Partyservice«, rief Katherine. »Ich gehe besser zu ihnen ...«
»Um ehrlich zu sein, Miss Lacey, ich hätte gern noch ein paar Worte mit Ihnen gesprochen.«
»Oh.« Sie sah ihren Verlobten unsicher an.
»Keine Sorge - ich kümmere mich um die Lieferanten.« Henry Trace rollte auf die Holzrampe neben den Stufen zu. Katherine folgte ihm langsam; Barnaby blieb an ihrer Seite, und Troy bildete die Nachhut.
»Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Mrs. Trace ums Leben kam?« fragte Barnaby.
»Bella? Selbstverständlich erinnere ich mich daran.« Sie warf ihm einen neugierigen Blick zu. »So etwas gehört nicht zu den Dingen, die man schnell vergißt. Es war schrecklich.«
»Soweit ich weiß, gehörten Sie nicht zu der Jagdgesellschaft.«
»Nein. Ich war hier und bereitete das Essen vor. Normalerweise half Phyllis aus, aber an diesem Tag ging sie mit auf die Jagd.«
»Das war unüblich?«
»Allerdings.«
»Und wann erfuhren Sie von der Tragödie?«
»Als Michael ins Haus stürzte, nach dem Telefonhörer faßte und schreiend einen Krankenwagen anforderte.«
»Ich verstehe. Würden Sie sagen...« Er zögerte und wählte seine nächsten Worte sehr sorgfältig. »Würden Sie sagen, daß Mr. und Mrs. Trace ein glückliches Ehepaar waren?«
»Also ... ja... den Eindruck machten sie meiner Meinung nach. Obwohl man das als Außenseiter natürlich nie genau beurteilen kann. Sie waren beide sehr freundlich zu mir und Michael. Und Henry war am Boden zerstört nach ihrem Tod.«
Barnaby drehte sich um und betrachtete die Pappelgruppe und den Wald dahinter. »Ist der Unfall da drüben passiert?«
Katherine folgte seinem Blick. »O nein... im Buchenwald hinter dem Holly Cottage.«
»Ah ja. Nochmals vielen Dank, Miss Lacey.«
Sie waren vor der Treppe zum Hof angelangt und stiegen nebeneinander die Stufen hinauf. Als sie den Hof überquerten, wimmerte Benjy und erhob sich mühsam. Katherine wandte sich ab.
»Oh, warum will er nichts fressen?« brach es aus ihr heraus. »Ich habe ihm alles mögliche gekauft - gutes Fleisch, Hundekekse. Er hat sein eigenes Körbchen, eine Decke und einen Napf ganz für sich allein.«
»Hunde trauern sehr, fürchte ich«, sagte Barnaby.
»Aber man sollte annehmen, daß sie am Leben bleiben wollen, egal wie traurig sie sind.«
»Er ist ein ziemlich alter Hund, Miss«, warf Troy mitfühlend ein. »Ich denke, er ist einfach müde und des Lebens überdrüssig.«
»Können Sie Katherine jetzt entbehren, Chief Inspector? Ich brauche sie hier dringend«, rief Trace.
»Das war das.« Barnaby seufzte, als sie losfuhren. »Wahrscheinlich hatte ich zuviel erhofft. Es wäre zu schön gewesen, wenn Katherine Lacey und das Lessiter-Mädchen am Freitag abend zur selben Zeit durch die Church Lane gestrolcht wären.«
»Aber... Sie glauben ihr, Sir?« fragte Troy; er war immer noch verwirrt von dem betörenden Lacey-Lächeln. »Sie nehmen ihr die Geschichte mit dem Brief ab?«