»Ja. Ich werde das natürlich nachprüfen, aber ich zweifle nicht daran, daß sie den Brief tatsächlich zur angegebenen Zeit eingeworfen hat. Wenn sie unschuldig ist, hat sie es nicht nötig, irgendwelche Geschichten zu erfinden. Und falls sie schuldig sein sollte, wird sie dafür gesorgt haben, daß ihre Behauptungen jeder Nachprüfung standhalten.«
»Schuldig?« unvorsichtigerweise wandte Troy den Blick von der Straße und sah Barnaby ungläubig an. Er verpaßte die ' Einfahrt zur Lessiter-Villa.
»Sie sollten wirklich dieses Grimassenschneiden aufgeben, Troy. Das behindert nur Ihre Karriere. Miss Lacey hat mehr zu verlieren als jeder andere.«
»Aber der Hund, Sir. Der Hund hat nicht gebellt.«
»Ja, der Hund ist ein Problem, das gebe ich zu.«
Vielleicht war der Hund auch gar kein so großes Problem, dachte er, als Troy wendete und vor Lessiters Haustür parkte. Vielleicht konnte er mit Hilfe des Hundes ein für allemal jeden Verdacht von Katherine Lacey nehmen. Eine fiel weg, blieben noch sechs. Oder sieben, wenn er das scheinbar Unmögliche, nämlich Henry Trace, mit ins Kalkül zöge. War es denkbar, daß er sich schon zu Lebzeiten seiner ersten Frau hoffnungslos in Katherine verliebt und einen Mörder gedungen hatte, der im Dickicht lauern sollte, um Bella kaltzumachen? Barnaby riß sich von diesem Gedanken los und ermahnte sich selbst - schließlich hatte er nicht den geringsten Anlaß anzunehmen, daß Mrs. Traces Tod etwas anderes als ein Unfall gewesen war. Zudem war er jetzt mit Ermittlungen in einem ganz anderen Fall befaßt.
Die Sprechstunde von Doktor Lessiter dauerte noch eine Viertelstunde, das paßte dem Chief Inspector ganz gut. Judy öffnete ihnen die Tür. Heute sah sie sogar noch unattraktiver aus als gestern. Sie roch muffig wie ein kleines Tier, das aus einem langen Winterschlaf erwacht war.
»Ja?«
»Wir würden gern mit Ihrem Vater sprechen.«
»Die Praxis ist um die Ecke.« Sie schob die Tür zu.
Barnaby trat entschlossen einen Schritt vor. »Und mit Ihnen auch.«
Sie sah ihn einen Moment mürrisch an, dann zuckte sie mit den Schultern und führte die beiden Männer in die Küche. Dort lehnte sie sich an die Spüle.
»Miss Lessiter, Sie haben mir gestern erzählt, daß Sie am Nachmittag des Siebzehnten in der Bibliothek gewesen seien.«
»Nein, das habe ich nicht gesagt.«
»Entschuldigung - ich habe Ihre Aussage noch einmal genau gelesen, ehe wir hierher gefahren sind.«
»Ich sagte: Ich habe gearbeitet. Ich stand nicht hinter dem Pult, um Bücher abzustempeln. Es gehört zu meinem Job, Schulen zu besuchen, Colleges ... ich frage die Lehrer, ob sie irgendwelche Projekte planen, für die spezielle Bücher bestellt werden müssen. Am Freitag nachmittag war ich in der Grundschule in Gessler Tye.«
»Offengestanden habe ich das Gefühl, daß Sie uns in diesem Punkt absichtlich in die Irre geführt haben.«
»Das ist Ihr Problem«, versetzte sie grob.
»Würden Sie noch einmal genau schildern, was Sie taten und wo Sie waren?«
»Ich habe mir zu Mittag Sandwiches geholt. Ich aß sie ...«
»Das war noch in der Bibliothek in Pinner?«
»Ja. Ich kochte mir auch einen Kaffee. Dann fuhr ich zu der Schule. Ich kam etwa um zwei dort an und blieb bis zum Unterrichtsschluß um kurz vor halb vier.«
»Und dann kehrten Sie in die Bibliothek zurück?«
»Nein. Das lohnte sich nicht mehr. Ich kam hierher und machte nur vor dem Dorfladen halt, um ein paar Zigaretten zu kaufen.«
Na, prima, dachte Sergeant Troy - er war überzeugt, daß jeder außer ihm selbst ungeschoren mit einem Mord davonkommen konnte.
»Kann Ihr Vater bezeugen, daß Sie kurz nach halb vier nach Hause gekommen sind?«
»Mein Vater?« Sie wirkte erst verwundert, dann argwöhnisch.
»Er behauptete, den ganzen Nachmittag hier gewesen zu sein.«
Sie schwieg, und ihr Blick huschte von Barnaby zu Sergeant Troy und wieder zurück. »Ist das ein Trick?«
»Was?«
»Ich meine ... wollen Sie mich aushorchen oder überlisten?«
»Ich verstehe Sie nicht, Miss Lessiter. Ihr Vater gab an, den ganzen Nachmittag zu Hause gewesen zu sein. Und ich möchte jetzt lediglich von Ihnen wissen, ob er den Zeitpunkt Ihrer Ankunft bestätigen kann.«
»Ich bin gleich nach oben in mein Zimmer gegangen... ich habe ihn nicht gesehen.«
»Verstehe. Und am Abend?«
»Oh, in diesem Punkt habe ich Ihnen alles gesagt. Ich machte einen Spaziergang.«
»Die Lane hinunter und etwa eine halbe Meile weiter?«
»Das stimmt.«
»Und Sie sind nirgendwo ein wenig stehengeblieben und haben auch bei niemandem vorbeigeschaut?« Bevor sie etwas sagen konnte, setzte er rasch hinzu: »Bitte denken Sie sorgfältig nach, bevor Sie antworten.«
Sie starrte ihn an. Er erwiderte ernst ihren Blick und wirkte gleichzeitig ermutigend und allwissend. Er sah ihr an, daß sie überlegte, wieso sie einem erneuten Verhör unterzogen wurde. »Ich bin nicht sicher, ob ich mich noch ganz genau erinnere...« Sie schluckte schwer und nagte an ihrer Unterlippe.
»Ich weiß, wie schwer es fällt, eine frühere Aussage zu korrigieren, aber wenn es nötig ist, dann ist dies der richtige Zeitpunkt dafür. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß es ernsthafte Folgen für Sie haben kann, wenn Sie Informationen zurückhalten, die der Polizei in ihren Ermittlungen weiterhelfen könnten.«
»Das tue ich ja gar nicht! Es gibt nichts, was Ihnen weiterhelfen könnte...«
»Ich denke, Sie sollten es lieber mir überlassen, das zu beurteilen.«
»Ja.« Sie holte tief Luft und richtete sich kerzengerade auf. Sie machte einen angespannten und ängstlichen Eindruck wie jemand, der sich darauf vorbereitet, tief ins eiskalte Wasser zu tauchen. »Ich habe ... also, ich bin mit Michael Lacey befreundet. Er wohnt im Holly Cottage. Ich hatte seit einigen Tagen nichts mehr von ihm gehört... er sagte, daß er mich malen will, und deshalb dachte ich ... na ja, ich dachte, ich könnte bei ihm reinschauen. Sie wissen schon, ich wollte fragen, wann er mit dem Bild anfangen möchte.« Barnaby hörte ihr aufmerksam zu. In dem Versuch, alles ganz normal erscheinen zu lassen, hatte sie ihre Verzweiflung noch deutlicher zum Ausdruck gebracht. »Ich ging zu seinem Cottage, aber als ich dort ankam... ich sah durchs Fenster, daß er arbeitete.«
»Welches Fenster war das?«
»Das vordere Fenster neben der Veranda.«
»Aber normalerweise arbeitet er nicht in diesem Zimmer, nicht wahr?«
»Manchmal schon - an den Abenden, wenn er das letzte Tageslicht ausnützen will.«
»Ah, ich verstehe. Erzählen Sie weiter.«
»Er wird sehr ärgerlich, wenn man ihn beim Malen stört. Er sagt, es fällt ihm sehr schwer, sich nach einer Unterbrechung wieder richtig einzufühlen. Daher dachte ich, es wäre besser... na ja, ich habe mich einfach davongeschlichen.«
»Und glauben Sie, er hat gar nicht gemerkt, daß Sie dort waren?«
»Ganz bestimmt nicht. Ich war sehr leise.« Sie schwieg einen Augenblick, dann sah sie Barnaby zum erstenmal wieder an. »Sie dürfen nicht glauben, was die Leute über Michael sagen«, brach es aus ihr heraus. »Sie hassen ihn, weil er sich nicht um die Dinge kümmert, die ihnen wichtig sind ... öde, langweilige Dinge. Er ist ein Freigeist. Solange er malen und im Wald umhergehen und den Himmel sehen kann ... und er war sehr, sehr unglücklich. Katherine ist so bourgeois; sie ist nur auf materielle Dinge aus, und wenn diese Hochzeit erst vorbei ist, dann ist er ganz allein.« Vage Hoffnung schwang in den letzten Worten mit. Einen Moment lang glänzten ihre Augen so sehr, daß sich ihr fades Gesicht veränderte. Barnaby erkannte plötzlich, warum Michael Lacey sie als Modell haben wollte. Er warf einen Blick auf die Küchenuhr über der Tür. Judy wandte den beiden Männern den Rücken zu, als würde sie ihre leidenschaftliche Ansprache bereits bereuen, und drehte die Wasserhähne auf. Sie beobachtete, wie das Wasser in das blitzende Stahlbecken strömte, und hörte, daß die beiden Männer zur Tür und durch die Halle gingen. Sie reduzierte den Wasserstrahl, bis nur noch ein dünnes Rinnsal floß. Erst als die Haustür zuschlug, drehte Judy die Wasserhähne ganz zu.