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Das Lamentieren wurde eine Spur schriller, klang fast wie ein Quietschen, dann riß es plötzlich ab. Die Menschenmenge gab keinen Laut von sich. Barnaby ließ erneut den Türklopfer fallen. Die Schläge hallten wie Pistolenschüsse in der stillen Straße.

»Soll ich die Tür aufbrechen, Sir?« Troy war aufgeregt. Sein Blick, der die Bedeutung seiner Stellung unterstreichen sollte, wanderte von der Ansammlung zu Barnaby, dann zum Haus.

»Durch ein Fenster geht’s schneller. Sehen Sie erst nach, ob Sie ein offenes finden.« Während Troy um das Haus herumrannte, wandte sich Barnaby den Leuten zu. Instinktiv hatten sie sich näher zusammengedrängt. Sie warfen kurze, kompakte Schatten auf den warmen Asphalt. Eine Frau hatte ein Kleinkind auf dem Arm. Als sie Barnabys Blick auffing, drehte sie das Gesicht des Kindes vom Bungalow weg. Der Keramikstorch beobachtete gleichgültig die Szene. Barnaby drehte sich wieder um. Erst in diesem Moment fiel ihm der ansehnliche Haufen Pilze auf der Treppe auf. Wieso, zum Teufel, brauchte Troy so lange? Inzwischen hätte er durch ein halbes Dutzend Fenster ins Haus und wieder heraus klettern können. Barnaby war drauf und dran, wieder an die Tür zu hämmern, als er hörte, wie der Riegel innen zurückschnappte. Die Tür schwang auf. Troy starrte den Chief Inspector ausdruckslos an. Ohne ein Wort zu sagen trat er beiseite, um ihn hereinzulassen. Barnaby fröstelte, als hätte sich ein eisiges Spinnennetz auf sein Gesicht gelegt.

Er durchquerte den Flur, ging an dem roten Telefon, das an dem kurzen Kabel baumelte, und an den rot bespritzten Türen und Wänden vorbei. Er spähte in jedes Zimmer, sah aber niemanden. Er suchte nach der Quelle des Schweigens, das noch grauenvoller war als das Klagen, und fand es im Wohnzimmer.

Einen Moment lang blieb er reglos auf der Schwelle stehen und kämpfte gegen die Übelkeit und das Entsetzen an. Überall war Blut. Auf dem Boden, an den Wänden, auf den Möbeln, an den Vorhängen. Aber am meisten auf Dennis Rainbird. Er sah aus, als hätte er in Blut gebadet. Auf seinem Gesicht glitzerten - wie auf dem eines mutigen Kriegers -angetrocknete Blutspritzer. Sein Haar und seine Hände waren rot, die Krawatte durchtränkt, das Hemd verschmiert. Seine Knie und die Schuhe schimmerten rot. Rote Tränen rollten ihm über die Wangen.

Barnaby machte kehrt und wies Troy an: »Lehnen Sie sich nicht gegen die Wand. Gehen Sie ans Telefon und veranlassen Sie alles Notwendige.« Während sich Troy wie ein Schlafwandler in Bewegung setzte, rief er: »Nichts mit bloßen Händen anfassen, Sie verdammter Idiot. Benutzen Sie das Autotelefon. Und öffnen Sie die Tür nicht noch einmal ohne ein Taschentuch. Man könnte meinen, Sie wären erst fünf Minuten und nicht fünf Jahre bei der Polizei.«

»Entschuldigung«, murmelte Troy und zog ein Taschentuch aus der Tasche.

Barnaby bahnte sich einen Weg zu den beiden Gestalten in der Mitte des Zimmers und setzte seine Füße behutsam auf die nicht befleckten Stellen, die er auf dem Teppich entdecken konnte.

Wie konnte ein einziger Mensch so viel Blut vergießen? Das Ganze wirkte beinahe wie eine Bühneninszenierung. Als hätte ein übereifriger Regisseur das rote Zeug eimerweise in die Kulisse gekippt, um ein Schauerstück im Grand Guignol aufzuführen. Und am merkwürdigsten war, daß Barnaby trotz all der Ungläubigkeit und des Entsetzens, die dieser Anblick auslöste, spürte, wie etwas in seinem Gedächtnis zum Leben erwachte. Déjà vu. Aber wie konnte das möglich sein? Sicher hatte er noch nie etwas erlebt, was auch nur im entferntesten an diesen Alptraum herankäme - so etwas konnte man doch nicht vergessen, oder?

»Mr. Rainbird?« Er bückte sich, und eine weitere Welle der Übelkeit überrollte ihn, als er sah, daß nur noch Dennis Rainbirds Arm den Kopf seiner Mutter auf den Schultern hielt. Ihre Kehle war so weit durchgeschnitten, daß Barnaby den bläulich weißen Knorpel der durchtrennten Luftröhre erkennen konnte. Sie hatte im ganzen Gesicht, am Hals und an den Armen Schnitte, und ihr Kleid war aufgeschlitzt.

Ein heilloses Durcheinander herrschte in diesem Zimmer, Fotografien waren umgefallen, Bilder von den Wänden gerissen, Kissen, Polster und Nippes über den Boden verstreut, zwei Tische umgekippt und der Fernseher zertrümmert. Graue Glasscherben lagen überall herum.

»Mr. Rainbird«, sagte Barnaby noch einmal und berührte ihn sanft. Als hätte diese Geste einen versteckten Mechanismus aktiviert, fing der junge Mann wieder an zu winseln. Er lächelte - es war ein strahlendes irres Lächeln. Denselben Abklatsch von glückseliger Wonne konnte man auf den Gesichtern von Menschen beobachten, die ein Erdbeben überlebt hatten, oder auf denen von Eltern, die vor ihrem brennenden Haus stehen. Eine versteinerte Maske tiefer Trauer und Verzweiflung.

Knappe zwanzig Minuten vergingen, dann sagte eine Stimme: »Guter Gott...« Barnaby richtete sich auf. George Bullard stand im Flur. Er hatte eine schwarze Tasche in der Hand und sah sich entgeistert um. »Was, zur Hölle, ist hier los?«

»Passen Sie auf, wo Sie hintreten.«

Der Doktor starrte die beiden reglosen Gestalten einen Moment mitleidig und angewidert zugleich an, dann suchte er sich vorsichtig einen Weg, kniete sich nieder und öffnete seine Tasche. Barnaby sah zu, wie er die Manschette von Dennis Rainbirds rotverfärbtem Hemd aufschnitt und das zarte Handgelenk umfaßte.

»Wie lange ist er schon in diesem Zustand?«

»Wir sind ungefähr vor dreißig Minuten eingetroffen. Ich schätze, da saß er bereits seit einer halben Stunde so da. Haben Sie einen Krankenwagen bestellt, bevor Sie herkamen?«

»Mmm.« Der Arzt leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe in Dennis’ Augen. Der junge Mann blinzelte nicht einmal.

»Müßte gleich hier sein.«

»Ich muß unbedingt mit ihm reden, es ist wichtig.«

»Um Himmels willen, Tom, seien Sie doch vernünftig. Der Mann ist vollkommen geistesabwesend.«

»Das sehe ich selbst. Können Sie ihm nicht irgend etwas geben?«

»Nein.« George Bullard stand auf. »Er ist in diesem Zustand besser dran, ganz bestimmt.«

»Wie lange dauert so ein Zustand an?«

»Einen Tag. Einen Monat. Sechs Monate. Das kann man nie wissen.«

»Genau das hat mir noch gefehlt.«

»Tut mir leid.«

Barnaby sah durch die Gardinen, daß der Krankenwagen, gefolgt von drei Polizeiautos, vorfuhr. Die Menge murmelte aufgeregt. Die Sanitäter, vermutlich schon durch die vielen Unfallopfer, die sie von der Straße kratzen mußten, gegen den Anblick von Blut und Verstümmelung abgehärtet, schienen weit weniger schockiert über das zu sein, was im Wohnzimmer von Tranquillada vorgefallen war, als Barnaby und Doktor Bullard. Während einer von ihnen mit dem Arzt sprach, versuchte der andere, Dennis von seiner toten Mutter wegzubringen. Er zog ihn behutsam am Handgelenk, aber Dennis hatte die Finger fest in die rechte Schulter seiner Mutter gekrallt, als müßte er sich an einer Klippe über einem tiefen Abgrund festhalten, um nicht zu Tode zu stürzen. Geduldig löste der Sanitäter einen Finger nach dem anderen. Mrs. Rainbirds Kopf rollte zurück, er war nur noch durch einen schmalen Hautfetzen mit dem Hals verbunden. Der Torso neigte sich zur Seite und glitt auf den Teppich. Dennis’ Winseln wurde leiser und verstummte schließlich ganz.

»Was meinen Sie, kann er gehen?«