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»Ja, bitte.« Er küßte sie. Sie schmeckte süß nach Zahnpasta und der Babylotion, die sie als Feuchtigkeitscreme benutzte. Plötzlich war er von Dankbarkeit erfüllt. Heute und jeden Tag durfte er, gleichgültig wie schlimm die Arbeitsstunden auch gewesen waren, nach Hause kommen. Er strich ihr übers Haar und setzte hinzu: »Und nicht nur, weil ich traurig bin.«

9

Es war ein wunderschöner Tag für eine Hochzeit. Mit Sommerjasmin verflochtene Hopfenranken zierten die Steinbögen der Kirche, und an jeder Bank waren altmodische Blumensträußchen befestigt. Der Altar war mit Tuberosen bedeckt. Die unvergleichlich schöne Braut trug schimmernde Seide und Spitze. Der Bräutigam fuhr im Rollstuhl den Mittelgang hinunter und kam vor den Stufen der Kanzel zum Stehen - die Braut drehte sich zu ihm um, sah ihn an, und ihr Gesicht erstarrte zu einer Maske des Entsetzens. Auf seinen makellosen Schultern saß ein grinsender Totenschädel. Der Vikar sagte: »Liebes Brautpaar...« Die Kirchengemeinde lächelte. Niemand schien etwas Ungewöhnliches zu bemerken. Die Glocken läuteten. Und läuteten. Und läuteten.

Barnaby tastete auf seinem Nachttisch nach der Uhr. Es war erst halb sechs, um Himmels willen. Er nahm den Hörer von der Gabel. »Barnaby«, brummte er. Er hörte zu und war plötzlich hellwach. »Allmächtiger... haben Sie Bullard angerufen? ... Nein... Ich komme sofort.«

Joyce drehte sich verschlafen zu ihm. »Liebling ... was ist los?«

Er war schon aus dem Bett gesprungen und zog sich an. »Ich muß weg ... du brauchst nicht aufzustehen.«

Sie setzte sich auf und klopfte die Kissen zurecht. »Aber du mußt doch ein Frühstück haben.«

»Die Kantine öffnet um sechs. Ich hole mir was von dort.«

»Wie lange ist sie schon tot?«

Doktor Bullard zog die Decke über Phyllis Cadells starres Gesicht. »Zwei, vielleicht drei Stunden. Irgendwann am frühen Morgen ist sie gestorben.«

Barnaby ließ sich schwer auf die Toilette sinken - außer der Pritsche gab es sonst keine Sitzgelegenheit. »Guter Gott, George, das hat uns gerade noch gefehlt. Ein Todesfall in der Zelle.«

»Tut mir leid.« Bullard lächelte - er wirkte ziemlich munter für die unchristliche Zeit. »Ich kann sie nicht wieder zum Leben erwecken. Nach allem, was man so hört, ist sie so auch besser dran, die arme Seele, denkst du nicht?«

»Das ist nicht der springende Punkt.« Barnaby schielte auf die Gestalt unter der Decke. Er wußte, was Bullard meinte. Was hätte Phyllis Cadell noch zu erwarten gehabt? Die Qualen und die Erniedrigung eines öffentlichen Gerichtsverfahrens. Jahre im Gefängnis. Im Alter einsam und ungeliebt. Und die ganze Zeit müßte sie mit dem Wissen fertig werden, daß Henry und Katherine glücklich in Tye House lebten. Trotzdem ...

Der diensthabende Sergeant kam in Barnabys Büro und schloß die Tür so vorsichtig, als wäre sie aus Glas. Er warf einen einzigen Blick auf die Gestalt hinter dem Schreibtisch, das genügte ihm. Während des ganzen Gesprächs starrte er auf den Fußboden.

»Also gut, Bateman, bringen wir’s hinter uns.«

»Ja, Sir. Es war nicht...«

»Und wenn Sie jetzt sagen, daß es nicht Ihre Schuld war, drehe ich Ihnen den Hals um.«

»Sir.«

»Erzählen Sie von Anfang an.«

»Also ... ich nahm die Gefangene in Empfang, aber noch bevor ich die Haftpapiere ausfüllen konnte, fragte sie mich, ob sie die Toilette benützen dürfe.«

»Sie haben sie doch nicht allein gehen lassen, oder?«

Bateman räusperte sich. »Die Sache ist die, Sir. Miss Brierley und Miss McKinley waren damit beschäftigt, eine Leibesvisitation bei ein paar Nutten vorzunehmen, die wir im Bezirk aufgegriffen haben. Ich habe einen Mann mit der Gefangenen mitgeschickt, zumindest bis zur Tür...«

»Na großartig, Sergeant. Brillant. Und der hat sie durch die Tür beobachtet, wie? Er konnte sehen, was sie im Schilde führte?«

»Nein, Sir.«

»Natürlich nicht. Hat sie irgend etwas mitgenommen, als sie zur Toilette ging?«

Bateman schluckte schwer und drehte den Kopf zum Fenster. »Ihre Handtasche.«

»Sprechen Sie lauter. Ich verstehe kein Wort.«

»Ihre Handtasche, Sir.«

»Ich glaube das nicht.« Barnaby vergrub sein Gesicht in den Händen. »Erzählen Sie weiter.«

»Naja, ich füllte die Haftpapiere aus, dann führte ich sie in die Zelle. Vorher listeten wir noch auf, was sie bei sich hatte, und stellten ihr eine Quittung aus. Dann brachte ich ihr eine Tasse Tee. Bei meinem ersten Rundgang schlief sie tief und fest.«

»Und wann hat sie die Tabletten geschluckt?«

»Mit dem Tee, nehme ich an. Sie muß sie aus dem Röhrchen genommen haben, als sie in der Toilette war. Sie hatte eine Strickjacke mit Tasche an und ein Taschentuch bei sich. Als ich den Inhalt ihrer Handtasche überprüfte«, versuchte Bateman sich zu verteidigen, »fand ich ein Röhrchen mit Schlafmittel, es waren sechs Tabletten drin. Sie fragte mich sogar, ob sie eine nehmen darf. Sie war ganz schön raffiniert...«

»Sie war jedenfalls ein verdammtes Stück raffinierter als Sie, das ist mal sicher.«

»Wenn das Röhrchen ganz leer gewesen wäre, hätte ich Verdacht geschöpft.«

»Die Tatsache, daß sie überhaupt so etwas in ihrer Handtasche hatte, hätte Ihren Argwohn wecken müssen, Mann. Oder glauben Sie, die Leute schleppen Schlaftabletten einfach so mit sich herum, als würde es zum täglichen Leben gehören?«

»Nein, Sir.«

»Wann haben Sie gemerkt, daß sie tot ist?«

»Bei meinem dritten Rundgang, Sir. Kurz vor fünf. Mir fiel auf, daß sie nicht mehr atmete. Ich habe sofort den Polizeiarzt gerufen, aber es war zu spät.«

»Wenn sie nicht mehr atmete, war es, verdammt noch mal, natürlich zu spät.«

Der Sergeant murmelte jämmerlich: »Ja, Sir.«

»Sie sind bei der Polizei ebenso gut zu gebrauchen wie ein Suspensorium im Nonnenkloster, Bateman.« Schweigen. »Dafür werden Sie degradiert.« Pause. »Und das ist erst der Anfang.«

»Wenn ich...«

»Sie sind vom Dienst suspendiert. Sie werden benachrichtigt, wann Sie zur Anhörung erscheinen sollen. Bis dahin möchte ich Ihr Gesicht hier nicht sehen. Und jetzt verschwinden Sie.«

Kaum hatte sich die Tür hinter dem armen Tropf geschlossen, stürmte ein junger Constable herein. »Es geht um den Häftling in Zelle drei, Sir. Er möchte eine Aussage wegen gestern nachmittag machen.«

»Ich nehme an, Sie sind lange genug bei der Polizei, um das allein und ohne großen Wirbel zu erledigen.«

»Tut mir leid, aber er will nur mit Ihnen reden.«

Der Häftling in Zelle drei beendete gerade sein Frühstück und wischte seinen Teller mit einem Stück Brot ab. »Einen Stern für den Komfort in diesem Haus, Inspector, aber die Küche hat eindeutig zwei Sterne verdient. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich ein besseres pochiertes Ei gegessen habe.«

»Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, und beeilen Sie sich damit.«

»Ich würde jetzt gern heimgehen.«

»Spielen Sie keine Spielchen mit mir, Lacey!« Barnaby ging auf die Pritsche zu und beugte sich so weit zu dem Mann, daß ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. »Ich habe die Nase voll von Ihnen.« Er sprach langsam und ruhig, aber der Zorn, der von ihm ausging, war beinahe mit Händen greifbar. Lacey wurde blaß und wich ein Stück zurück. Die transplantierte Haut blieb unverändert und sah aus wie ein rosafarbener Seidenstreifen. »Und ich warne Sie«, fügte Barnaby hinzu, »wenn Sie mich gestern angelogen haben, sind Sie in ernsten Schwierigkeiten.«

»Ich habe nicht gelogen... das heißt theoretisch.« Jetzt sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus - ihm saß eindeutig der Schreck in den Gliedern. »Ich sagte, daß ich am Nachmittag bei der Arbeit war, und das stimmt auch. Ich habe erste Skizzen für ein Ölgemälde gemacht, das ich von Judy Lessiter malen möchte. Ich hatte es mir schon vor einiger Zeit vorgenommen, und gestern mittag rief Judy an, um mich daran zu erinnern. Wir arbeiteten im Garten der Lessiters.«