Er mußte des öfteren den Platz wechseln. Darsteller in roten Roben versammelten sich an einer Stelle, und er stand direkt hinter ihnen, als sei er ein Teil des Hofstaats von Theseus. Dann wurde er zu dem Podest geschoben und beobachtete, wie Zettel von einer jubelnden, kreischenden Menge auf den Schultern zu seiner Hochzeit getragen wurde. Der Eselskopf drehte sich, und als der Mann anfing zu wiehern und einen muskulösen Arm zu einem eindeutig sexuellen Gruß hob, blickten seine gelben Augen ihn an. Aber inmitten dieses scheinbar nicht zu bremsenden herrlichen Taumels aus Tanz und Bewegung, Energie und Rhythmus gab es auch bemerkenswerte Momente der Stille. Oberon und Titania beispielsweise, die sich in ihren flatternden Seidengewändern an Kletterseilen über die Bühne schwangen, kamen einander näher und näher, warfen sich Blicke tiefsten Hasses zu, hielten dann völlig unvorhersehbar inne und tauschten einen ironisch keuschen Kuß aus. Oder Priamos’ Trauer über Thisbes Tod wurde einfach, aber mit solch einer herzzerreißenden Intensität ausgedrückt, daß der gesamte Hofstaat und das Publikum plötzlich in ein allumfassendes Schweigen versanken.
Und dann die Hochzeitsfeier. Nach einem großen Fanfarenchor warfen der Hofstaat und die Diener Plastikgläser in das Publikum und rannten dann mit Karaffen umher, um die Gläser zu füllen. Alle tranken auf Theseus und Hippolyta. Ballons und Luftschlangen kamen vom Schnürboden geflogen. Elfen und Menschen tanzten miteinander, und die Halle wurde zu einer wirbelnden Masse aus Farbe, Licht und melodiösen Klängen.
Nicholas kletterte auf eine Treppe und blieb stehen, um alles zu beobachten. Seine Kehle war trocken vor Erregung und wie zugeschnürt, und dann, als hätte es Mitternacht geschlagen, hörte plötzlich jede Bewegung auf, und Nicholas bemerkte, daß Puck neben ihm stand. So dicht bei ihm, daß ihre Arme einander berührten. Der Schauspieler sagte: »Wenn wir Schatten euch beleidigt haben...«
Dann wurde Nicholas auf einmal klar, daß es zu einem Ende kommen würde. Daß diese glanzvolle goldene Vision kurz davor war, zu verschwinden und zu sterben... »Wollt ihr diesen Kindertand, der wie leere Träume schwand.« Und er befürchtete, das Herz würde ihm brechen. Puck sprach weiter. Nicholas studierte sein Profil. Er konnte die dynamische Spannung dieses Mannes förmlich spüren. Er bemerkte sie in der kampflustigen Härte des Kiefers, und der zuckende Mund versprühte einen kleinen silbernen Speichelregen, als er die abschließenden Zeilen deklamierte. Und dann, bei dem »Das Spiel zu enden, begrüßt uns mit gewog’nen Händen«, streckte er den linken Arm in einer unglaublich gütigen Geste dem Publikum entgegen, während er die Rechte Nicholas reichte und seine Hand ergriff. Für die Zeit, in der es keine weitere Zeile mehr zu rezitieren gab, standen sie zusammen da, der Schauspieler und der Junge, dessen Leben nie wieder so sein sollte wie zuvor. Dann war es vorbei.
Nicholas setzte sich, während der Applaus nicht enden wollte. Als die Truppe schließlich abtrat und das Publikum sich zerstreute, kam er wieder zu sich und bemerkte, wie er sein Glas in der Benommenheit leidenschaftlicher Gefühle umklammert hielt. Dann räumte einer der Bühnenarbeiter die Treppe fort. Nicholas trank den letzten Rest Johannisbeersaft aus seinem Glas, und sein Blick fiel auf eine rote Luftschlange und eine rosafarbene Papierrose auf dem Boden. Er hob sie auf und steckte sie vorsichtig in die Tasche. Der Schnürboden wurde abgesenkt, und er hatte das Gefühl, im Weg zu stehen. Daher zwang er sich, obwohl er um alles in der Welt dableiben wollte, den Schauplatz zu verlassen.
Draußen auf der Straße standen zwei große Möbelwagen. Jemand lud den Metallbaum mit den goldenen Äpfeln ein. Einige der Schauspieler erschienen. Sie gingen die Straße hinunter, und Nicholas folgte ihnen, weil er wußte, daß es nicht in Frage kam, jetzt schon brav nach Hause zu gehen. Die Gruppe ging in eine Bar. Er zögerte eine Weile vor der Tür, schlüpfte dann hinein und blieb als in sich versunkener Beobachter der Szene hinter dem Zigarettenautomaten stehen.
Die Schauspieler hatten ein paar Meter von ihm entfernt einen Kreis gebildet. Sie waren alles andere als elegant gekleidet, trugen Jeans, schäbige Jacken und Pullover. Sie tranken Bier, sprachen oder lachten nicht zu laut, gaben nicht an, und trotzdem ging etwas von ihnen aus... Sie waren ganz einfach anders. Sie zeichneten sich durch etwas Subtiles aus, was Nicholas nicht definieren konnte. Er sah Droll, einen Mann mittleren Alters in einer alten schwarzen Lederjacke und einer Denimschirmmütze, wie er rauchte und lächelnd den Qualm fortwedelte.
Nicholas beobachtete sie mit einer Sehnsucht, die so stark war, daß er Kopfschmerzen davon bekam. Er wünschte sich verzweifelt, ihrer Unterhaltung folgen zu können, und er war kurz davor, sich näher an sie heranzuschleichen, als sich die Tür hinter ihm öffnete und zwei Lehrer eintraten. Sofort schlüpfte er hinter ihrem Rücken auf die Straße hinaus.
Abgesehen von dem Gefühl, daß er es nicht hätte ertragen können, so schnell wieder in die Banalität alltäglicher Konversation zurückgestoßen zu werden, meinte Nicholas, daß auch er durch diese gerade gemachte begeisternde Erfahrung in irgendeiner Weise körperlich gezeichnet sein müßte. Und er befürchtete, daß das, was er fühlte, unbeholfen und unsensibel hinterfragt werden könnte.
Als er nach Hause kam, waren glücklicherweise schon alle zu Bett gegangen. Er betrachtete sich in dem Spiegel, der in der Küche hing, und über die Unsichtbarkeit seiner Veränderung war er gleichermaßen überrascht und enttäuscht. Sein Gesicht war blaß, und seine Augen schimmerten, aber abgesehen davon sah er genauso aus wie immer.
Dennoch: Er war nicht mehr derselbe. Er setzte sich an den Tisch und kramte das Glas, die Blume, die Luftschlange und die Gratisbesetzungsliste hervor. Er glättete das Papier und ging von oben bis unten die Liste der Darsteller durch. Droll wurde von Roy Smith gespielt. Nicholas malte behutsam einen Kreis um den Namen, dann spülte er sein Glas und trocknete es ab, stellte die Rose hinein, legte das Papier und die Luftschlange dazu und ging in sein Zimmer. Er lag auf seinem Bett und erlebte jeden Moment des Abends immer wieder von neuem, bis der Morgen graute. Am nächsten Tag ging er in die Bücherei und erkundigte sich, ob es im Ort eine Schauspielgruppe gab. So kam er an die Adresse vom Latimer. Er ging noch am selben Abend in das Theater und erklärte dort, er wolle Schauspieler werden, und er wurde sofort engagiert, um den Requisiteuren bei Französisch ohne Tränen zu helfen.
Nicholas entdeckte schnell, daß es solche Theater und solche Theater gab, und er betrachtete es philosophisch. Er mußte sehr viel (wenn nicht alles) lernen, und er mußte irgendwo damit anfangen. Es tat ihm leid, daß außer Dierdre keiner von der CADS den Traum gesehen hatte. Nicholas spürte allerdings auch sehr schnell, daß der Versuch, die Wirkung zu beschreiben, die das Stück auf ihn gehabt hatte, mißverstanden wurde. So bastelte er Requisiten zusammen oder lieh sie aus, war überall dabei und machte sich so nützlich, daß er immer wieder engagiert wurde. Für das nächste Stück, Einmal im Leben, stand er schon auf der Besetzungsliste. Den ersten Versuch zu soufflieren verpfuschte er zwar und zog sich damit Esslyns Zorn und Harolds müde Verachtung zu, aber er nahm das Stück mit nach Hause und las es wieder und wieder, nahm den schnellen Rhythmus auf, erarbeitete sich den Sinn der Pausen, machte sich mit Abgängen und Auftritten vertraut und wurde wesentlich besser. Bei Das kleine Teehaus half er, das Bühnenbild zu bauen, und Tim brachte ihm die Grundbegriffe des Lichtsetzens bei, teilte mit ihm die Kabine und klopfte ihm ab und an wie geistesabwesend auf den Po. Er sorgte für die Toneffekte und die Musik zu Die Schneekönigin, und in Hexenjagd hatte er endlich seine erste Sprechrolle.