»Und sie wissen auch«, fügte der alte Graf Monthermer bei, »daß sowohl ich als mein Neffe von Anfang an erklärt haben, daß wir Euch für rein von aller Mitwisserschaft des Umstandes halten, selbst wenn sich dessen Wahrheit erweisen sollte.«
»Welches Umstandes?« fragte Richard mit leiser Stimme und mit unsicher schweifendem Auge, was einen nicht sehr günstigen Eindruck auf die übrigen Anwesenden machte, die sein Gesicht beobachteten. »Welches Umstandes, mein Lord? - Aber jede Anschuldigung von einem Monthermer oder von einem aus dem Gefolge der Monthermer gegen einen Ashby sollte, dünkt mich, mit einiger Vorsicht betrachtet werden!«
»Gewiß!« stimmte ihm Alured de Ashby nachdrücklich zu.
Aber zur Überraschung beider sagte auch der alte Graf von Monthermer: »Gewiß! Alte Fehden, selbst wenn sie glücklich beigelegt wurden, lassen doch immer einen fortwuchernden Argwohn zurück.
und dies mag zu einer Anschuldigung geführt haben, der ich nicht einen Augenblick mein Ohr geliehen haben würde, hätte nicht mein guter Freund Lord Ashby hier darauf bestanden, daß sie untersucht wird. Die Anschuldigung geht dahin, Sir Richard, daß Ihr unter Euren Dienern einen - Spion des Königs habt. Diese Entdeckung wurde mir von meinem Yeoman Blawket berichtet, der beteuert, er habe den Mann bei Euch gesehen. - Sir, Ihr scheint aufgeregt, und ich weiß, daß eine solche Anschuldigung notwendig jeden Gentleman sehr treffen muß. Aber Lord von Ashby weiß wohl, daß ich vom ersten Augenblick an meine Überzeugung von Eurer Schuldlosigkeit bei dem ganzen Handel erklärt habe.«
»Ich versichere Euch, mein Lord... bei meiner Ehre, Ihr Herren ... glaubt mir...«, rief Richard de Ashby stockend. »Es ist nicht... nicht wahr... Der Mann ist ein Lügner!«
»Nein, Sir Richard, nein!« sagte Hugh de Monthermer rasch. »Der Mann ist kein Lügner, sondern ein so ehrlicher Yeoman, als nur je einer lebte. - Ihr könnt hintergangen worden sein, Sir Richard«, fuhr er fort, und ein leises Lächeln zuckte um seinen Mund. »Es kann uns allen gelegentlich begegnen, daß wir hintergangen werden. Auch Blawket kann getäuscht worden sein. Aber das, sollte ich meinen, kann bald festgestellt werden; denn Blawket hat erklärt, die Leoparden Heinrichs von Winchester würden sich auf der Brust Eures Dieners Richard Keen finden.«
»Der Narr!« murmelte Richard de Ashby betroffen; aber in diesem Augenblick rief sein Vetter Alured: »Laßt Keen herbeiholen -laßt ihn holen!«
»Ich will ihn unverzüglich rufen«, sagte Richard de Ashby, der sich schnell gefaßt hatte und rasch zur Tür ging. »Aber ich erkläre, wenn dieser Mann je in des Königs Diensten gestanden, so ist das mehr, als ich weiß!«
»Bleibt, Richard!« rief Lord Alured. »Laßt einen andern gehen und ihn rufen, und man soll ihm kein Wort sagen von der vorliegenden Anklage.«
»Setzt Ihr Zweifel in mich, mein Lord?« fragte Richard de Ashby, sich mit zornigem Stirnrunzeln gegen ihn kehrend. »Wenn mir nicht einmal Beistand geleistet wird von meinen eigenen Verwandten ...«
»Ein ehrlicher Mann bedarf keines andern Beistands, Sir, als seiner eigenen Ehrlichkeit«, unterbrach ihn Lord Alured. »Nicht, daß ich an dir zweifelte, Richard«, fuhr er milder fort. »Aber ich wünschte sehr, du erzähltest mir, wie dieser Bursche in deine Dienste kam, während ein anderer ihn herbeiruft. - Sir Charles Le Moore, seid so gut und laßt den Richard Keen durch jemand hierherholen. - Und nun, Richard: Wie ist dieser Mann zu dir gekommen? - Richard Keen? Ich habe den Namen nie gehört?«
»Wie er zu mir gekommen ist«, versetzte Richard de Ashby zögernd. »Ich glaube, das trägt wenig zur Klärung der Sache bei. In London habe ich ihn gedingt. Man sagte mir, er sei ein brauchbarer Knappe, sei in Frankreich und Deutschland gewesen und -aber da kommt schon Sir Charles Le Moore. - Habt Ihr ihn nicht gefunden?« Bei diesen Worten heftete er seinen Blick lebhaft, aber mit einem finsteren, triumphierenden Lächeln auf das Gesicht des Eintretenden.
»Die Leute sind gegangen, ihn zu suchen«, sagte Sir Charles. »Er ist irgendwo draußen auf dem Rasenplatz.«
Einige Augenblicke verstrichen, da erschien einer der Diener des Grafen de Ashby und meldete, daß Richard Keen nirgends zu finden und daß sein Pferd und Mantelsack auch verschwunden sei.
Richard de Ashby gebärdete sich wütend über diese Nachricht. »Der Schurke hat mir das Pferd gestohlen«, schrie er, »und ohne Zweifel auch noch andere Sachen. - Mein Lord«, fuhr er, sich zu dem Grafen von Monthermer wendend, fort, »ich bitte Euch um Verzeihung. Ohne Zweifel hat Euer Diener recht gehabt, und dieser Mann ist geflohen, weil er einen Wink bekommen über die gegen ihn erhobene Anschuldigung. - Hat ihn einer von euch wegreiten sehen?« fragte er dann den Diener, der die Nachricht gebracht.
»Nein, Sir«, antwortete der Yeoman. »Wir waren alle noch auf dem Rasenplatz, als ihn der Wirt nach dem Stall hat gehen sehen. Es war gerade, als der Pfeil abgeschossen wurde, der in Eurem Hute steckenblieb.«
Richard de Ashby runzelte die Stirn, denn der Ton des Mannes war nicht gerade der ehrfurchtsvollste. Aber ehe er ein Wort sagen konnte, hörte man draußen ein Getöse und Gelärme, und im nächsten Augenblick stürzte der Wirt, sein volles, rundes Gesicht dunkelrot von Zorn und Jammer, in das Zimmer. »Edle Lords und Herren«, rief er, »ich flehe Euch an um Gerechtigkeit und Hilfe! Sie haben mir meine Tochter weggeschleppt, sie haben meine arme Kate geraubt und verführt! - Ihr, Sir, Ihr steckt hinter dem allen!« fuhr er fort, sich wütend gegen Richard de Ashby wendend. »Ich habe wohl Euer Geflüster und Geplauder gesehen! Meine guten Lords und Gentlemen, ich flehe um Gerechtigkeit und Beistand!«
»Was!« schrie Richard de Ashby. »Ihr erfrecht Euch zu behaupten, ich hätte irgendeinen Anteil an dieser Sache? Eure leichtfertige Tochter hat diesen Abend schon genug Unheil angestiftet. Laßt uns nichts weiter von ihr hören. Ohne Zweifel werdet Ihr sie in irgendeiner Hütte mit ihrem Liebhaber finden.«
»Nein, Sir!« erwiderte der Wirt aufgebracht. »Das ist nie und nimmer möglich! Man hat sie vor einer Stunde gesehen, wie sie zum Ort hinausging, und Euer Diener war bei ihr. Ein Knabe sagt zudem, er habe auf der Landstraße, keine Viertelmeile von hier, ein schwarzes Pferd an einen Baum gebunden gesehen. Ihr Herren, ich bitte Euch, verhelft mir zu meinem Recht und gebt nicht zu, daß mir mein Kind auf solche Weise von irgendeinem entrissen werde, er sei vornehm oder gering!«
»Ging Eure Tochter freiwillig?« fragte der Graf de Ashby.
»Ich weiß nicht, Sir, ich weiß nicht!« rief der Wirt, die Hände ringend. »Alles, was ich weiß, ist: Sie haben sie mir weggenommen. Und ich bin überzeugt, der da ist der Mann, der es veranlaßt hat!«
»Ich weiß nichts von ihr, Mann!« versetzte Richard de Ashby. »Ihr müßt Eurer Tochter Schönheit sehr hoch anschlagen, wenn Ihr glauben könnt, ich würde mir die Mühe geben, sie zu entführen!«
»Na, Richard, Ihr seid nicht allzu wählerisch!« sagte sein Vetter.
»London und Winchester«, rief nun ein anderer Edelmann mit Lachen, »sind ihm für die Einfuhr von mehr als einer Schönen verpflichtet! «
»Sein Geschmack geht auf stämmige Bauerndirnen«, setzte ein dritter ironisch hinzu. So machten sie ihre Späße, ohne Rücksicht auf den Jammer des unglücklichen Vaters.
»Wenn diese Angabe wahr ist«, sagte Hugh de Monthermer, der mit gerunzelter Stirn zu Boden geschaut hatte, »so möchte ich dem Sir Richard de Ashby den ernstlichen Rat geben, sein Pferd zu besteigen, ihm die Sporen einzusetzen und die Zügel nicht anzuziehen, bis er wohlbehalten in Nottingham angekommen ist. Es gibt wohl Leute hier in der Nähe, in Betracht deren es ratsam sein möchte, ein solches Verfahren einzuschlagen.«
»Ich werde das nimmermehr tun, Sir«, versetzte Richard de Ashby. »Dieses guten Mannes Argwohn ist falsch, soweit er mich betrifft, obgleich es gar nicht unwahrscheinlich ist, daß der Knappe Keen, der mich, wie es scheint, betrogen hat, überdies auch noch ein kokettes, leichtsinniges Bauernmädchen zum Narren macht.«