»Nun gut, mein Lord de Ashby«, sagte da der alte Graf Monthermer trocken, »da Euer Vetter nichts mit der Sache zu schaffen hat und sein eigener Diener nicht nur ihn betrogen und bestohlen, sondern auch an dem Wirt ein schweres Unrecht begangen hat und verdächtig ist, ein Spion zu sein, so will ich mit Eurer Genehmigung ihm ohne weitern Verzug einige meiner Leute nachschicken. - He! Ist Blawket draußen?«
»Hier, mein Lord«, meldete sich Blawket, aufrecht wie eine Lanze vortretend.
»Steigt binnen einer Minute zu Pferd«, sagte der alte Graf. »Nehmt drei oder vier Männer mit Euch, die die frischesten Pferde haben, verfolgt diesen Richard Keen nach den zuverlässigsten Nachrichten und Angaben, die Ihr bekommen könnt, und bringt ihn aufs schleunigste samt dem Mädchen, das er weggeschleppt hat, hierher zurück.«
»Ich werde ihn bringen, mein Lord«, versetzte Blawket und entfernte sich, gefolgt von dem Wirt, der, bis der Mann im Sattel saß, nicht aufhörte, ihm Fingerzeige zu geben, wie er seine Tochter finden könne.
»Jetzt«, sagte der Graf, nachdem sie allein waren, »laßt uns von wichtigeren Dingen sprechen.«
Da aber in diesem Augenblick gemeldet wurde, daß das Essen fertig sei, schlug der Graf von Ashby vor, jede weitere Besprechung bis nach der Mahlzeit zu verschieben. Der alte Monthermer, wohl wissend, daß Ashbys gute Laune und Willigkeit gar sehr von dem Zustande seines Magens abhängig war, stimmte zu. Zur Mahlzeit wurden, wie gewöhnlich in jenen Zeiten, unter vielen Spaßen der jüngeren Männer ungeheure Mengen Speisen vertilgt. Auch dem Wein wurde reichlich zugesprochen, trotz einer Ermahnung des alten Grafen, mäßig zu sein. Malvasier löste den Bordeaux ab, und der gewürzte Wein, damals Claret genannt, folgte auf den Malvasier; ein Becher Hippokras ward herumgereicht, um den Claret zu versüßen, und der Graf von Ashby sank in dem Augenblick in Schlummer, da die Besprechung beginnen sollte.
V
UNTER ALL DEN Veränderungen, die seit jenen Tagen, in denen diese Erzählung spielt, eingetreten sind, ist eine sehr markant: daß nämlich heute aus den meisten Gegenden Europas die Wälder verschwunden sind und kaum eine Schlucht übriggeblieben ist, wo der scheue Hirsch eine Zuflucht finden oder der beschauliche Mann unter dem Schatten uralter Bäume weilen kann.
Damals war der größere Teil jedes Landes in Europa mit alten, herrlichen Waldungen bedeckt, England nicht ausgenommen. Kein englischer Wald aber war wohl wilder und abwechslungsreicher als der Sherwood-Forst, der sich in seiner gewaltigen Ausdehnung über verschiedenartige Gegenden Mittelenglands erstreckte und Dörfer, ja Städte einschloß und in seinen lichteren Gebieten gar manchen Weiler enthielt, dessen Bewohner von dem Ertrag des Waldes lebten.
Dieser Forst bot einen vielgestaltigen Anblick. An manchen Stellen standen nur vereinzelt Bäume, weithin dehnte sich von niedrigem Buschholz bewachsener Grund; anderswo traf man auf weitgedehnte Ebenen mit nichts als hohem Farnkraut und alten, knorrigen Weißdornbüschen bedeckt; aber in dem größten Teil des Waldes drangen die Sonnenstrahlen selbst während der Sommermonate selten bis auf die Pfade, so dicht war das Dach von grünem Laub in der Höhe, während die Pfade selbst in der Regel so schmal waren, daß nicht zwei Menschen nebeneinander gehen, geschweige denn reiten konnten.
Zwar führten auch breitere Wege durch den Wald, teils Karrenwege für die Holzhauer, teils Landstraßen von einer benachbarten Stadt zur andern; aber die letzteren waren weder sehr zahlreich noch viel betreten, und manche Geschichte wußte man zu erzählen von Reisenden, die im Forst von Sherwood um ihr Gepäck erleichtert worden waren, so daß viele sich, wenn sie konnten, lieber an das offenere Land hielten.
Doch war es ein schönes Reiten durch den Waldgrund, wo sich bei jedem Schritt prachtvolle Wechsel der Landschaft darboten, und die Leute waren für diesen Genuß nicht unempfänglich. Es erforderte aber eine sehr kühne Entschlossenheit oder einen Fall von großer Dringlichkeit, wenn Bürger der benachbarten Städte sich entschließen sollten, durch den Forst zu ziehen. Manche brachten wirklich Striemen auf den Schultern und leere Säcke mit nach Haus. Die so Betroffenen indessen gehörten fast nur besonderen Ständen an. Reichen Mönchen und lustigen Klosterbrüdern erging es gelegentlich sehr übel, auch die kleinen Tyrannen der Bezirke liefen große Gefahr, wenn sie sich weit in das grüne Laub hineinwagten; der reiche und prahlerische Kaufmann mochte oft um ein ziemliches leichter heraus- als hineingehen - aber der Bauer, der ehrliche Freisasse, die Dorfjungen und die Frauen hatten in der Regel sehr wenig zu berichten, außer daß sie hier und dort einen Waidmann gesehen, der ihnen ein freundliches Wort gegeben oder ihnen in irgendeinem Falle der Not mit geschickter Hand und gutem Willen geholfen.
So war denn unverkennbar, daß die Bewohner des grünen Waldes sich den verschiedenen Reisenden gegenüber unterschiedlich verhielten. Es waren nur wenige, die sich beklagten, gegenüber den vielen, welche rühmten und lobten, so daß der Ruf der Waidmänner vom Sherwood bei allen niederen Ständen vortrefflich war.
Mitten in diesem Sherwood-Forst, in der Gegend um Nottingham, erreichte am 2. Mai 1265, ungefähr um zwei Uhr, ein Trupp von fünf Reitern eine Stelle, an der die Straße - nachdem sie beinahe zwei Meilen lang durch den dichtesten Wald geführt hatte - einen sanften, sandigen Abhang hinablief und in offenes Gelände führte. Vier der Reisenden waren Yeomen, die zu einem Adelshause gehörten, denn sie trugen, dem damaligen Brauch zufolge, an ihrer Kleidung das Wappen ihres Herrn, woran sie einander erkennen konnten bei den in jenen Zeiten häufigen Streitigkeiten und Kämpfen. Jeder der Yeomen war mit Schwert und Schild bewaffnet und trug einen Bogen und ein Bündel Pfeile.
Der fünfte war kein anderer als Ralph Harland, der kräftige junge Freisasse aus Barnesdale. Auch er hatte Schwert und Schild, doch trug er, an einer grünen Schnur an seinem Halse hängend, ein langes gekrümmtes Messer, eine den Gemeinen von England und Flandern eigentümliche Waffe, mit der oft auf dem Schlachtfeld die schwersten Rosse der Ritter und Gewappneten niedergestochen wurden.
Die fünf Männer zogen, als sie an einen kleinen Bach kamen, der die Straße durchschnitt, die Zügel an, um ihre Tiere zu tränken und selber zu rasten, denn sie waren von einem langen, heißen Ritt sichtlich ermüdet. Nachdem sie ihre Pferde versorgt hatten, machten sie es sich ein wenig bequem. Unter munteren Reden durchmusterten sie ihre Waffen, prüften sorgfältig die Schärfe ihrer Pfeilspitzen und spannten, ihre Stärke zu messen, mit spielerischer Kraft den Bogen. Nur der junge Harland blieb teilnahmslos stumm und blickte mit einer Miene voll trüber, finsterer Starrheit in den Bach.
Als sie sich zum Weiterritt fertigmachten, brach plötzlich dicht vor ihnen eine fette Damgeiß aus dem Buschholz und lief dem dichteren Teil des Waldes zu. In demselben Augenblick hörten sie eine laute, klare Stimme: »Na, na, Lady! Niemand tut Euch etwas zuleide im Monat Mai. - Guten Tag, ihr Herren. Wohin wollt ihr?«
Überrascht erblickten jetzt die fünf Männer den, der sie angesprochen hatte. Wie aus dem Boden gewachsen stand vor ihnen auf der Straße ein stattlicher Waidmann. Wie er dahin gekommen, wußte keiner zu sagen, denn soeben noch war auf eine Viertelmeile weit nichts auf der Straße zu sehen gewesen, und weder Busch noch Baum schien in unmittelbarer Nähe groß genug zu sein, einen Mann zu verstecken.
Der Fremde war etwa fünf Fuß elf Zoll (Etwa 1,80 Meter) groß, aber nicht ungeschlacht. Obgleich seine Hand stark und sehnig war, war sie doch gut geformt und die Finger schlank. Sein Gesicht war ausdrucksvoll, die Stirn hoch und breit, die etwas über die Augen hervorstehenden Brauen gaben seinem sonst offenen und sanften Aussehen einen scharfen, adlerartigen Zug. Das Kinn war von einem kurzen, krausen Bart von hellbrauner Farbe bedeckt; die blauen Augen mit den dunklen Wimpern und der schalkhafte Zug um seinen Mund gaben ihm einen irgendwie fröhlichen Ausdruck, der jeden für ihn einnehmen mußte.