In seiner Tracht glich er den Waidmännern; auf dem Kopf saß eine kleine Samtmütze mit einem goldenen Knopf und einem Busch Schnepfenfedern an der Seite. Vorn am Gürtel trug er sein Schwert, überdies hing ihm an der Seite herab eine Tasche von Scharlachtuch, auf der ein mit Silber eingelegtes Jagdhorn lag.
Vor Überraschung gab keiner der fünf Reiter eine Antwort auf seine Frage.
»Was!« begann er wieder mit einem Lächeln. »So stumm, als hätte ich euch darüber betroffen, wie ihr den Bogen abdrücktet gegen des Königs Wild? Ich bitte euch, gute Herren, sagt mir, wer ihr seid und wohin ihr um Mittag durch den lustigen Sherwood reitet; denn ich kann euch nicht weiterziehen lassen, bevor ich es weiß.«
»Könnt uns nicht weiterziehen lassen?« rief jetzt Blawket, der sich als erster faßte. »Ihr müßt ein kecker Mann sein, das uns fünfen zu sagen!«
»Ich bin ein kecker Mann«, versetzte der Waidmann, einen Anklang von Schärfe in seine Stimme legend, »so keck wie Robin Hood. Ich erkläre euch noch einmal, daß ich es wissen muß.«
Blawket wollte gerade zu einer groben Antwort ansetzen, denn er hatte einen nicht kleinen Begriff von seiner Wichtigkeit und ein nicht geringes Vertrauen auf seine Kraft; da legte sich Ralph Harland ins Mittel und rief: »Halt Blawket! Das muß der Mann sein, den wir suchen. Ich habe sein Gesicht früher schon gesehen, dessen bin ich fast gewiß. Laßt mich mit ihm sprechen.«
»Hm, ja, sie zeigen sich allerdings in allen möglichen Gestalten. Einer von ihnen täuschte mich kürzlich erst als Bauer«, brummte Blawket, während Harland abstieg und sich dem Fremden näherte.
Er händigte ihm ein kleines Stückchen Pergament ein, das mit großen, deutlich lesbaren Schriftzügen bedeckt war, aber doch konnte den Sinn des Textes nicht jedermann verstehen. Die Worte lauteten: »Scathelock, Nummer eins, fünf, sieben, dem Manne vom Sherwood.« Dann kam das Zeichen eines Pfeiles, und dann die Worte: »Ein Freund, so gut wie mündlich. Helft, helft, helft!«
Das war alles, aber es schien den Waidmann völlig zu befriedigen; denn er drückte, kaum daß er einen Blick darauf geworfen, das Pergament in seiner Hand zusammen und sagte: »Ich dachte mir das! - Reitet noch eine halbe Meile und folgt dann dem Manne, den ihr an der Wegbiegung finden werdet. Sprecht nicht mit ihm, aber haltet, wo er hält, und nehmt euren Pferden das Gebiß aus dem Maul, denn sie müssen noch etwas fressen, ehe ihr ankommt. - Nun fort!« fügte er hinzu. »Verliert keine Zeit!«
Ralph Harland bestieg sein Pferd und ritt mit den übrigen weiter, während der Waidmann einen schmalen Pfad durch das Buschholz einschlug, der in den dichteren Wald führte. Sie verloren ihn bald aus dem Gesicht; aber als sie fast eine halbe Meile zurückgelegt hatten, hörten sie aus der Richtung, die er eingeschlagen, den Ton eines Hornes.
Nach wenigen Augenblicken gelangten sie an die bezeichnete Wegbiegung und erblickten einen Mann in der Tracht eines Müllers, der sich auf einen derben Stab stützte. Als er ihrer ansichtig wurde, wandte er sich um und schritt langsam vor ihnen her, ohne sich zu vergewissern, ob sie ihn bemerkt hatten. Harland ritt ihm als erster auf dem schmalen Pfad, den er einschlug, nach, und die übrigen folgten schweigend in langsamem Schritte.
So legten sie etwas über eine Meile zurück, mehr als einen Pfad kreuzend, die alle einander so ähnlich waren, daß das Auge sehr geübt sein mußte, um den Weg auf die Landstraße wiederzufinden.
Endlich langten sie an einem kleinen ausgehauenen Platz im Walde an, auf dem eine einfache Hütte stand.
Hier machte ihr Führer halt, wandte sich um und maß sie von Kopf bis Fuß, ohne ein Wort zu sprechen.
»Ha, Müller, ist das Eure Mühle?« fragte Blawket, der jetzt rasch heranritt.
»Ja«, antwortete der Fremde rauh, seinen Stock gegen den Yeoman schüttelnd. »Und das ist mein Mühlrad, das aus jedem die Kleie herausmalmen soll, der mir verfängliche Fragen vorlegt.«
»Bei meinem Leben, das möchte ich gern probieren!« schrie Blawket, von seinem Pferde springend.
»Ruhig!« rief Harland. »Ihr wißt doch, man verbot uns, mit ihm zu sprechen.«
»Und das war eine gute Warnung«, sagte der Müller ernst. »Ihr werdet bald jemand finden, mit dem ihr sprechen könnt. Dann sprecht mit ihm aber deutlich und vernünftig.« Darauf lehnte er sich, ein Lied vor sich hin summend, mit dem Rücken an die Rasenwand der Hütte und schwang seinen Stock zwischen dem Zeigefinger und dem Daumen, als wäre er bereit, die Stunden auf dem Kopf eines jeden schlagen zu lassen, der ihm zu nahe käme.
Es blieb jedoch ohnehin keine Zeit zu weiteren Fragen; denn plötzlich erschien hinter der Hütte der Waidmann, dem sie zuerst begegnet waren. Seine Miene war nicht mehr so heiter und frei wie zuvor. »Kommt, kommt, Meister Müller«, sagte er. »Ihr sollt mit Korn zu tun haben. Schafft etwas Hafer herbei für die Pferde dieser Männer, denn sie müssen rascher, als sie gekommen, zurückeilen.«
»Sie werden Hafer genug in der Hütte finden, Robin«, versetzte der andere. »Aber ich will doch Eurer Aufforderung gehorchen, obwohl ich ein widerspenstiger Köter bin.«
»Noch schneller zurückreiten, als wir hergeritten sind?« fragte Ralph Harland. »Dazu habe ich keine Neigung, wenn nicht...«
»Wenn ich Euch nicht triftige Gründe zeige«, unterbrach ihn der Waidmann. »Aber das zu tun, bin ich nicht gesonnen. Ihr selbst, Harland, sollt eine Zeitlang bei mir bleiben. Die anderen Männer können wieder zurück; denn wir bedürfen ihrer nicht. Sie mögen über Mansfield zurückreiten. Nur dort haben sie Aussicht, diejenigen zu treffen, die sie suchen.«
»Ich glaube, ich kenne Euch«, versetzte der junge Freisasse. »Und ich will Euch in jedem Falle vertrauen. Aber warum soll ich bleiben und nicht mit diesen gehen, wenn doch die Möglichkeit ist, die Leute, die wir suchen, auf der Straße von Mansfield zu treffen?«
»Weil die Wahrscheinlichkeit doch nur sehr gering ist, und weil es hier etwas für Euch zu tun gibt, was - so glaube ich - jetzt besser für Euch ist, als daß irgend etwas für Euch getan werde.« Sich an den Müller wendend, der einen Sack Hafer anschleppte, fuhr er fort: »Rasch! Schneidet den Sack mit Eurem Messer auf und laßt die Pferde fressen. Ich wünsche, daß die Männer schnell zurückgehen. -Yeoman! Ist Euer Name Blawket?«
»Jawohl, Meister Waidmann«, versetzte der Yeoman. »Was wollt Ihr von mir?«
»Ich habe von Euch durch Scathelock gehört und weiß, Ihr seid ein treuer Gesell. Ihr müßt mit einem Auftrag von mir zu Eurem Gebieter, Lord Monthermer, zurückkehren. Sagt ihm, daß ich ihn zwischen Bloodworth und Nurstead übermorgen nachmittag um drei Uhr treffen will. Sagt ihm, er möge seine ganze Gesellschaft mitbringen, denn ich habe Mitteilungen zu machen, die für alle von großer Wichtigkeit sind.«
»Sucht Euch einen andern Boten, guter Mann«, versetzte Blawket. »Mein Lord hat mich abgeschickt, um Richard Keen und Kate Greenly zu suchen, und mir befohlen, nicht zurückzukommen, ehe ich sie gefunden hätte.«
»Pah!« sagte der Waidmann. »Hab' ich Euch nicht gesagt, Ihr würdet sie, wenn überhaupt, dann nur auf der Straße nach Mansfield finden? Wenn Ihr sie dort nicht trefft, so haben sie Euch an der Nase herumgeführt und sind jetzt längst schon in Nottingham. Fort jetzt, Meister Blawket, ohne weitere Worte! - Gebt dem Mann einen Becher Wein, Müller; sein Magen ist sauer vom langen Fasten!«
»Ich weiß nicht«, murmelte Blawket, immer noch sich bedenkend, aber doch von dem befehlsgewohnten Ton des Waidmanns in seinem Selbstvertrauen erschüttert. »Aber von wem soll ich meinem Herrn die Botschaft ausrichten? Ich muß doch einen Namen nennen.«