»Nun, so sagt ihm«, versetzte der Gefragte mit halbem Lächeln, »es sei Robert von den Lees, der Euch schickt.«
»Sagt ihm doch gleich, es sei Robin Hood!« rief der Müller mit lautem Lachen.
»Sagt Robert von den Lees«, wiederholte der Waidmann. »Unter diesem Namen wird er mich kennen von Begegnungen in früheren Tagen. - Und hört!« fuhr er eindringlicher fort. »Daß ja gewiß der Graf von Ashby mit ihm kommt, und äußert kein Wort von dem, was dieser närrische Müller soeben gesagt hat!«
»Ich verstehe - ich verstehe!« rief Blawket mit völlig verwandeltem Benehmen. »Ich will Euren Auftrag unverzüglich ausrichten, Meister Robin von den Lees, aber dies Pferd frißt so verzweifelt langsam.«
»Es wird bald fertig sein«, sagte Robin Hood ruhig. »Gebt ihm den Wein, Müller.«
Eine große Kanne Wein, die aus der Hütte herbeigebracht worden war, ging herum; dann stiegen die vier Yeomen auf, und wieder schritt ihnen der Müller voran. Robin Hood blieb allein mit dem jungen Freisassen zurück.
Der Waidmann ging eine Zeitlang wortlos vor der Hütte auf und ab, blieb plötzlich stehen, ergriff des jungen Harlands Hand und sagte ernst: »Kommt, Harland, seid ein Mann!«
»Ihr habt böse Zeitung?« fragte der junge Freisasse, ihm unruhig ins Gesicht blickend. »Sagt es mir schnell! Ist der ärgste Schlag gefallen? Sind sie nicht auf der Straße nach Mansfield?«
»Es ist kaum wahrscheinlich«, sagte Robert von den Lees. »Ich glaube, sie sind schon vor zwei Stunden durchgekommen, und ...«
»Und was?« fragte Ralph in leisem, aber heftigem Tone.
»Und Richard de Ashby befindet sich in Nottingham, ihrer wartend.«
Ralph Harland bedeckte die Augen mit den Händen, während der stattliche Waidmann daneben stand, ihn voller Mitleid anschaute und murmelte: »Armer Junge!«
»Oh, Ihr könnt Euch nicht denken!« rief Ralph Harland, die Hände zu Fäusten ballend, »Ihr könnt Euch nicht denken, was es heißt, geliebt zu haben, wie ich geliebt habe, vertraut zu haben, wie ich vertraut habe, und dann erfahren zu müssen, daß sie am Ende nur ein leichtsinniges, schlechtes Mädchen ist. Ihres Vaters Haus freiwillig verlassen, fliehen mit einem nichtswürdigen Fremden -die verlobte Braut eines ehrlichen Mannes!«
»Es ist ein harter Fall!« sagte der Waidmann. »Ich bemitleide Euch tief; aber es gibt ein noch härteres Schicksal als das Eurige -das ihres Vaters, meine ich. Euch kann sie nichts mehr sein; denn sie hat das Band getrennt, das Euch verbunden hatte. Aber sie wird immer seine Tochter bleiben. - Es wäre gut, wenn wir sie von ihrem Verführer trennen könnten, Ralph, und sie der Obhut ihres Vaters zurückgeben. Das ist, fürchte ich, alles, was uns noch für sie zu tun übrigbleibt. - Hätte ich die Sache zwei Stunden früher so gewußt«, fuhr er fort, »Nase und Ohren von Richard de Ashby wären in diesem Augenblick an die Pfosten genagelt, wo die vier Straßen zusammenlaufen. Aber der Eilbote, den mir Scathelock gestern abend sandte, wurde jenseits der Abtei lahm, und ich erhielt die Nachricht erst eine Stunde, bevor Ihr kamt. Mittlerweile umging der Schuft heute morgen den Wald bei Southwell, so daß nun alles zu spät kommt. Die Zeit der Strafe für seine Verbrechen wird jedoch kommen, daran dürfen wir nicht zweifeln.«
»Aber wie können wir ihn strafen, wenn er in der Stadt Nottingham ist? Dort können wir ihn nicht einmal dazu bringen, das unglückliche Mädchen herauszugeben und sie ihrem Vater zurückzuschicken!«
»Wir selbst können das nicht, aber wir können es durch andere bewirken. Habt Ihr nicht die Botschaft gehört, die ich an den guten alten Lord von Monthermer bestellen ließ?«
Ralph Harland schlug enttäuscht die Augen nieder. »Wenn das Eure einzige Hoffnung ist, so ist alles nichtig«, sagte er. »Monthermer ist mit dem Grafen von Ashby verbunden durch eine gemeinsame Sache, und bei den großen Absichten und Plänen von solchen Herren werden die Gefühle und selbst die Rechte von uns geringeren Leuten nie beachtet. Der alte Graf, so gut er ist, wird mit Richard de Ashby nicht Streit anfangen um John Greenlys Tochter, damit daraus nicht eine Fehde zwischen ihm und dem andern Lord entstehe.«
Der Waidmann lächelte. »Ich habe auch den Grafen von Ashby gebeten. Vielleicht können wir bei dem etwas mehr ausrichten.«
Ralph Harland schüttelte den Kopf. »Schwerlich, bevor Ihr seinen Hals unter Euren Gurt gebeugt habt«, sagte er.
»Das ist vielleicht bis dahin geschehen«, entgegnete der Waidmann. »Ich meine«, fuhr er ernster fort, »ich werde vielleicht bis dahin im Besitz eines Mittels sein, das ihn nötigt, seine Macht dazu zu gebrauchen, dies leichtsinnige Mädchen in ihres Vaters Haus zurückzuschicken. Ihr selber müßt nun aber alles vernünftiger ansehen lernen. Ihr habt sie geliebt - sie hat sich falsch gezeigt. Vergeßt sie - sucht eine andere. Ihr werdet manche ebenso Schöne finden.«
»Ja, manche ebenso Schöne, aber nicht die, die meine erste Liebe besaß...«
»Das ist alles wahr«, sagte Robert von den Lees geduldig. »Aber wie der Frühling das Obst bringt und der Herbst das Korn, so hat jede Periode des menschlichen Daseins ihr Gutes und Schlimmes. Ich habe es immer so gefunden, von der Kindheit an bis auf diesen Tag, achtunddreißig Jahre lang. Und Ihr werdet es ebenso finden.«
»Was den Grafen von Ashby betrifft«, sagte der junge Harland, wenig getröstet, »womit könntet Ihr Euch Macht über ihn verschaffen?«
»Werft den Zügel Eures Rosses über Euern Arm«, versetzte der Waidmann, »und kommt mit mir. Ich will Euch bald mehr erzählen. Ihr bedürft erst einmal der Ruhe. Vor morgen kann ohnehin nichts geschehen; so haben wir Zeit genug, die Mittel zu besprechen und den Plan in Ordnung zu bringen.«
VI
AN DER GRENZE des Sherwood, nicht weit von dem kleinen Fluß Lind und eingeschlossen von Wäldern, erhob sich in jenen Zeiten das normannische Schloß Lindwell, ein Kastell von beträchtlicher Größe. Es war in der Regierungszeit des William Rufus erbaut, auf Befehl Heinrichs II. zum Teil seiner Befestigungen beraubt und unter der Herrschaft des schwachen Tyrannen Johann wiederhergestellt worden. Da es nicht weit von Nottingham entfernt lag, wurde es häufig besucht von Edelleuten und Angehörigen der königlichen Familie und war oft der Schauplatz der glänzenden und prunksüchtigen Gastlichkeit der alten Baronenschaft Englands.
Das Schloß, das auf einer sanften Erhöhung lag, war nun im Besitz des Grafen von Ashby. Das Gebiet gehörte eigentlich noch zum Sherwood, aber damals besaßen häufig gewisse Ritter Privatwaldungen im königlichen Forst, und dies war auch der Fall bei dem Grafen von Ashby auf seiner Besitzung Lindwell. Mochte er nun ursprünglich ein begründetes Recht auf die Jagd daselbst haben oder nicht, so war doch ein solches Privileg während der Regierung Johanns erteilt worden, und die Sage ging, es sei zwischen ihm und dem König zu manchen Streitigkeiten gekommen, weil er die Ausübung dieser Rechte über die gebührenden Grenzen ausgedehnt habe.
Am Tage nach den soeben beschriebenen Vorfällen zog eine heitere Gesellschaft auf frischen, feurigen Pferden aus den Toren des Schlosses und schlug den Weg in Richtung Nottingham ein. An der Spitze ritt des Grafen Tochter, Lucy de Ashby, mit ihren zwei Dienerinnen. Die drei jungen Frauen, die alle kaum zwanzig Jahre zählten, waren reich und farbenprächtig gekleidet. Außer einem Pagen folgten ihnen vier Yeomen.
Lucy de Ashby sah nicht älter aus, als sie den Jahren nach war; denn sie war klein von Gestalt und zart, doch offenbarte sich schon in jeder Linie die weibliche Fülle. Ihr Angesicht hatte eine warme und gesunde Farbe. Stirn, Nase, Mund und Kinn waren insgesamt schön geschnitten, die Augen groß und von schwarzen Wimpern beschattet. Ihr Mund war voll schalkhafter Heiterkeit; denn der Kummer hatte hier nur einmal, beim Tode ihrer Mutter, gewohnt, und Tränen waren sehr seltene Gäste in diesen dunklen, glänzenden Augen.