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»Mein Lord von Ashby«, sagte Hugh de Monthermer, sich zu dem Vater Alureds wendend, »ich bediente mich des Wortes ,wir' nur, weil ich als Euer Freund so innigen Anteil an der Angelegenheit nehme. Ich und meine Leute stehen zu Eurem Befehl, und wir wollen uns bemühen, Euch bei den Nachforschungen so gute Dienste zu leisten wie Eure besten eignen Leute, wenn Ihr es uns erlauben wollt.«

»Aber gewiß«, erwiderte der Graf. »Alured ist zu unbesonnen! -Vor drei Stunden, sagt man, sei dies vorgefallen? Sollten sie sich in den Wald gewandt haben, so können sie noch nicht weit gekommen sein. Wenn einer von uns zurückginge bis zu der zweiten Biegung der Straße, so muß er, wenn er den Reitpfad einschlägt, entweder dem Trupp selbst begegnen oder die Pferde finden, falls sie diese haben laufen lassen, um sich zu Fuß weiterzubegeben.«

»Sie sind nicht in den Wald hinein«, schrie Alured de Ashby aufgebracht. »Verlaßt Euch darauf, es sind Leute des Königs oder des Bischofs! Es ist weit besser, wir durchstreifen das offene Land, den Ufern des Trent entlang. Ihr werdet bald an den Brücken erfahren, ob jemand diesen Weg gekommen ist.«

»Tretet vor, Jakob«, sagte der Graf. »Ihr seid einer von den Toren, die sich irreführen ließen. Was für Menschen waren es, die Euch von Eurem Fräulein weglockten?«

»Ich glaube, es waren verkleidete Waffenleute«, antwortete der Diener bekümmert. »Sie waren so geübt in der Handhabung ihrer Waffen, daß sie uns alle zusammenschlugen. Zudem hörte ich, als ich einem von ihnen einen Streich versetzte, etwas klirren wie eine Rüstung.«

»Es scheint, daß Ihr recht habt, Alured«, sagte der Graf nachdenklich. »Aber doch tun wir am besten, die ganze Gegend zu durchstreifen. Ihr übernehmt mit einem Teil der Männer die Ufer des Trent - ich mit den andern will den Saum des Waldes von Nottingham bis Lindwell durchstöbern. Und unser junger Freund Hugh de Monthermer mit seinen zwei Dienern und zwei von den unsrigen wird vielleicht den Wald selbst, von der zweiten Biegung der Straße gegen Southwell zu, durchforschen.«

Alured de Ashby schien nicht sehr zufrieden mit der getroffenen Anordnung, denn seine Stirn blieb noch immer umdüstert. Aber er machte keine Einwendimg, und nach wenigen weiteren Worten trennte sich die Gesellschaft.

Es ist ein merkwürdiger Umstand und zugleich ein auffallender Beweis von der Gesetzlosigkeit jener Zeiten, daß keiner der Beteiligten annahm, das Verschwinden von Lucy de Ashby könne ganz gewöhnlicher Zufall sein. 

VII

DIE SONNE war seit etwa dreieinhalb Stunden über die Mittagslinie vorgerückt, aber der Tag war noch warm und schön. Der Monat Mai war tatsächlich in älteren Zeiten ein wärmerer Freund als jetzt, falls wir den alten Erzählungen und Chroniken Glauben schenken dürfen. Die Jahreszeiten scheinen sich wahrhaftig, so wie die Welt älter geworden, völlig verändert zu haben, die Witterung scheint kälter und launenhafter geworden zu sein. Jetzt findet man keine Weingärten mehr in Northumberland, und doch trägt noch mancher Ort in den nördlichen Grafschaften einen Namen, der deutlich auf den Weinbau hinweist. Vielleicht ist eine Ursache dieser Veränderung das Niederhauen jener prächtigen alten Wälder, die Englands Boden schützten und die heftigen Winde von See her fernhielten.

Wie dem sei, der Monat Mai war zu jener Zeit in England wirklich ein Monat voller Sonnenschein und reich an Blumen.

Allerdings waren gerade am Morgen des vierten Mai im Jahre 1265 gegen neun Uhr zwei oder drei Regenschauer niedergegangen. Vor Mittag jedoch hatten sich die Wolken schon gänzlich wieder verzogen.

Die Straße von Sheffield führte ungefähr eine Meile hinter der Stadt in einen großen Waldgrund hinein, der mehrere kleine offne Plätze hatte, wo zwei bis drei Acre (Acre = 0,4047 Hektar) Grasboden frei von Bäumen waren, auf allen Seiten von schönen alten Eichen und Buchen umschlossen.

Auf einer dieser Lichtungen schritt, die Arme über der Brust gekreuzt, die Augen auf den Boden geheftet, die Stirn etwas umwölkt, Robert von den Lees hin und her, während nicht fern von ihm, unter dem Schatten einer sich weithin ausbreitenden Eiche, ein Knabe stand, ein weißes Pferd und einen Bogen haltend. Ab und zu murmelte er unbewußt ein paar Worte vor sich hin:

»Nottingham so bald zu verlassen! Auffällige Eile, die Richard de Ashby mit seiner Kate an den Tag legt. Sie müssen gehört haben, daß ich die Jagd in meine Hand genommen. Oder hat sie der Graf nachdrücklicher verfolgt, als sie erwarteten?«

Nachdem er eine Weile Stillschweigen bewahrt hatte, sagte er plötzlich: »Der König hat de Montfort bewogen, nach Cambridge zu gehen? - Das kann nicht ohne Grund sein; er will ihn täuschen. -Gloucester befestigt auch seine Schlösser - das sieht schlimm aus! Man kann dem Gloucester nicht trauen! Man konnte es nie! Horch, der Hufschlag eines Pferdes! Da kommen die Grafen!«

Der nächste Augenblick jedoch zeigte ihm, daß er sich getäuscht hatte, denn das Pferd, dessen Schritt er gehört hatte, kam von Nottingham, nicht von Yorkshire her. Es war ein tüchtiger brauner Wallach mit einem Stummelschwanz, der Reiter ein wohlhäbiger, dickleibiger Mann in der Tracht eines Handelsmannes, und als Robin Hood seiner ansichtig wurde, rief er: »Ha, unser guter Freund, der Marketender von Southwell! Was veranlaßt Euch, in den Wald zu reiten, Barnaby? Ihr sucht den Sherwood nicht umsonst heim!«

»Ich suche Euch, Robin«, antwortete der Marketender. »Einer, von dem Ihr wißt, gab mir dies für Euch. Es sollte in keine anderen Hände kommen als in die meinigen und die Eurigen. Aber schaut! Da kommt ein stattlicher Zug. Jetzt wird es bald rauhe Arbeit geben zwischen den seidnen Kapuzen und den Männern in Lincolngrün! Ich will deshalb gleich fort, Robin; denn ich liebe die Schläge nicht.«

Aber Robert von den Lees achtete weder auf seine Worte noch auf sein rasches Wegreiten, sosehr nahm ihn die Nachricht in Anspruch, die ihm soeben eingehändigt worden war. Er las sie zweimal und schien kaum das Herannahen eines großen Zuges zu Pferd zu bemerken. Als er jedoch endlich aufblickte, sah er etwa zwanzig wohlbewaffnete Reiter auf sich zukommen, an ihrer Spitze den alten Grafen von Monthermer.

Seine Begleitung bestand nur aus seinen Dienern, da er alle übrigen Edelleute, mit denen er in Yorkshire zusammen gewesen war, in abgesonderten Trupps hatte ihres Weges ziehen lassen, damit die sich zu ihren Freunden in London begäben.

Etwa zwanzig Schritt von der Stelle, wo der Waidmann stand, hielt der Graf sein Pferd an und stieg, Befehl zum Haltmachen erteilend, ab. Dann schritt er auf Robin zu und streckte ihm die Hand hin, die dieser ehrerbietig, doch ohne die mindeste Spur von Unterwürfigkeit, ergriff.

»Willkommen im Sherwood, mein guter Lord«, sagte er. »Aber warum kommt Ihr allein? Wollte sich der edle Graf von Ashby nicht in diese Schatten hereinwagen?«

»Er hatte midi verlassen, Robin«, antwortete der Graf, »ehe ich Eure Botschaft erhielt. Mit seinem Sohn Alured und meinem Neffen Hugh brach er gestern, gleich nach der Morgenmesse, nach Nottingham auf.«

»Das ist seltsam!« rief der Waidmann, und seine Stirn verfinsterte sich. »Nach Nottingham gegangen, gleich nach der Morgenmesse? Er hätte bis Mittag dort sein können, und doch war er nicht da!«

»Nein, er konnte bis Mittag nicht dort eintreffen«, versetzte der Graf. »Er hatte unterwegs Dinge von Wichtigkeit zu besorgen. Aber lag es Euch denn so am Herzen, mit ihm zu sprechen?«

»Ja«, antwortete der Waidmann rasch. »Aber es liegt jetzt nichts daran - ich will ihm eine Botschaft schicken. Und nun, mein Lord, wollt Ihr wieder Euer Pferd besteigen und mit mir kommen? Ich habe Euch viele Dinge zu erzählen, die Ihr zum Teil sicher noch nidit wißt.«