»Nein, nein, nein!« sagte der alte Edelmann, abwehrend den Kopf schüttelnd. »Die Ashbys sind der Verräterei unfähig. Stolz und jähzornig sind beide, Vater und Sohn; aber eben ihrem Stolz liegt das Unehrenhafte fern, obwohl...«
»Obwohl der Stolz die unehrlichste von allen unseren Leidenschaften ist«, unterbrach ihn der Geächtete, »und die niedrigste dazu! Aber ich glaube auch, mein guter Lord, sie werden nicht Euch verraten, sondern sich selbst. Ihr schurkischer Vetter Richard aber wird Euch und sie allesamt verraten. Ihr seid vielleicht der Meinung, er sei nur hergekommen, um ein Bauernmädchen zu entführen, aber sein Geschäft in Barnesdale war von noch schwärzerer Art. Obgleich der König jetzt ein Gefangener ist und der Prinz bewacht wird, haben sie doch ihre Agenten im ganzen Lande.«
»Aber könnt Ihr beweisen, daß dieser Richard de Ashby einer von den Königlichen ist? Für niederträchtig habe ich ihn immer gehalten, aber ich hielt ihn doch für einen kleinen Schelm, nur geeignet, im Würfelspiel und dergleichen zu betrügen. Ich denke nicht, Robin, daß er den Mut hat, sich mit größeren Dingen zu befassen. Oder habt Ihr Beweise von seiner Verräterei in diesem Handel?«
»Einiges weiß ich, mein Lord«, antwortete der Geächtete, »und viel mehr argwöhne ich. Er war zuerst bei Mortimer und dann bei Gloucester. Sodann, einen Umweg machend, damit es schiene, als käme er von Norfolk her, besuchte er Leicester in Northampton und brachte dort zwei Tage zu, wo er dreimal den König und ebenso oft den Prinzen sah. Von dort ging er zurück nach London, versah sich mit einem Spion, einem gewissen Richard Keen, einem Diener des Königs, und in dessen Begleitung folgte er Euch nach Pontefrakt.«
»Ich will ihm das in Gegenwart seiner Verwandten vorhalten«, sagte Monthermer. »Lord von Ashby fehlt es nicht an Verstand. Er drang selbst eifrig auf die Untersuchung des Handels, aber die Flucht des Mannes mit dem leichtfertigen Mädchen Kate machte der Nachforschung ein Ende. Meint Ihr, Richard de Ashby habe wirklich Anteil an den Umtrieben?«
»Anteil?« rief der Waidmann. »Wohl etwas mehr als nur Anteil! Aber, mein Lord, glaubt Ihr, der Spitzbube habe von Euren Geheimnissen etwas erlauscht?«
»Nein«, versetzte der Graf. »Ich konnte mich jedoch des Argwohns nicht erwehren, daß er sich alle Mühe gebe, den Bruch zwischen dem Haus Ashby und dem unsrigen zu erneuern. Beim Vater gelang es ihm nicht, doch beim Sohn schien er einige Fortschritte zu machen. - Aber was ist denn das, Robin?« unterbrach sich der alte Graf plötzlich. »Ihr habt ja den Wald so schmuck gemacht wie eine Maientagsbraut!«
VIII
DIE WORTE des alten Grafen zeichneten nicht übel die Szene, die sich jetzt, da sie auf eine größere Waldlichtung hinausritten, seinem Auge bot. Auf dem Platz standen sechs alte Eichen, drei auf jeder Seite, und bildeten eine Art von natürlicher Allee. Ihre langen Äste erstreckten sich über den Zwischenraum und berührten fast einander. Unter diesem natürlichen Baldachin war ein langer Tisch gedeckt, während oben, von Zweig zu Zweig, in verschiedenen anmutigen Schwingungen sich durchkreuzend, unzählige Girlanden schwebten. Uber den Tisch war so feines Linnen gebreitet als nur je von den Webstühlen Irlands oder Sachsens kam. Blumensträuße bezeichneten den Platz, wo jeder Mann sitzen sollte. Der Grasboden war mit Binsen und grünen Blättern bestreut, um auch den Füßen einen weichen Ruheplatz zu bereiten. Unter den Bäumen waren Bogenschützen in ihrer eigentümlichen Tracht versammelt, nebst vielen Landmädchen von den benachbarten Dörfern, alle im Feiertagsaufzug. Auch eine Anzahl junger Landleute war anwesend, ein Beweis, daß die Freibeuter des Waldes sich nicht viel Mühe gaben, ihren Versammlungsort geheimzuhalten; denn ihre trotzige Auflehnung gegen die ungerechten Gesetze fand Gunst in den Augen von vielen, und ihre Sicherheit hing vor allem von dem Vertrauen und der Neigung der niederen Stände ab.
»Wünscht ihm guten Morgen - gebt dem edlen Grafen einen schönen Morgengruß!« rief Robin Hood den Leuten zu, indem er sein Horn an den Mund setzte.
Alle folgten seinem Beispiel, und nun widerhallte der Wald von den Klängen der zahlreichen Hörner. Das langsame Schwellen und Sinken der weichen Töne wirkte in dieser wilden, aber schönen Szenerie nicht wenig ergreifend.
»Gut so, Ihr Yeomen!« schrie Robin Hood. »Das ist die Art, mein Lord, wie wir einen aufrichtigen Freund der englischen Gemeinen empfangen. Gefällt es Euch, abzusteigen und unser Mahl zu kosten?«
Ein ungeheurer Scheiterhaufen von loderndem Holz, groß genug, um einen ganzen Ochsen zu rösten, prasselte und zischte so nahe an einem Ausläufer des Waldes, daß die Flammen das grüne Laub weithin versengten. Daneben waren etwa fünf Männer in sauberen weißen Jacken damit beschäftigt, große Fleischstücke von sehr einladendem Duft am Spieß zu braten.
Etwa fünf Schritt von diesem brennenden Berg entfernt war ein kleinerer Vulkan, über dem an drei langen Pfählen einige Kessel von riesenhaftem Umfang hingen, während an einer schattigkühlen Stelle unter den Bäumen der nicht minder willkommene Anblick von zwei großen Fässern das Auge erfreute, eines mit einer Girlande von jungem Rebenlaub, das andere mit einem Eichenkranz umflochten. Eine Menge Trinkbecher, geeignet, ein Heer damit zu bedienen, lagen daneben, und ein Mann mit einem Hammer war eifrig beschäftigt, den Spund zu öffnen.
»Wo ist der ,kleine John'«, rief Robin Hood, sich im Kreise umschauend. »Ein winziger Freund von mir, mein Lord, der Meister unsrer Lustbarkeiten, den Ihr kennen müßt. - Bei meinem Leben, er beträufelt die Kapaunen! Hallo, Freund John!«
Jetzt näherte sich ein Yeoman, etwa sechs Fuß vier Zoll (Etwa 1,90 Meter) hoch, mit Schultern, die gemacht schienen, den Stier so gut wie das Kalb fortzutragen. Sein runder Kopf war mit nußbraunem Haar bedeckt, und sein Gesicht glänzte von guter Laune.
»Ich glaube, wir haben uns früher schon getroffen, ,kleiner John'«, sagte der Graf, ihm die Hand schüttelnd, «und zwar an einem ebenso warmen Festtag wie heute!«
»Wärmer, mein Lord, um einen ganzen Eimer voll wärmer«, antwortete John Naylor. »Bei einem jener Feste, wo man ebensogut in die Pfanne gehauen werden kann als einhauen.«
»Ich erinnere mich Eures Gesichts wohl«, sagte der Graf.
»Der von Andelys würde sich desselben noch besser erinnern, mein Lord, wenn er sich noch an etwas erinnern könnte, der arme Kerl!« versetzte der Yeoman. »Als er und ich und Ihr uns zuletzt trafen, hatte er Euch bei der Kehle gepackt, um Euch den Dolch durch das Visier zu stoßen. Ich klopfte ihm gerade noch zu rechter Zeit auf den Kopf, ihn zu ermahnen, dergleichen Dinge gehen zu lassen. Und ob er fortging oder nicht, weiß ich nicht, aber wenn er es tat, so hat er gewiß sein Hirn nicht mitgenommen.«
»Ja, Ihr leistete mir dort einen guten Dienst«, versetzte der Graf, »Ich wäre wenigstens um ein Auge gekommen. - Da ist ein Juwel, mein guter Freund«, fuhr er fort, einen Ring vom Finger ziehend. »Ich habe es selbst mit schweren Streichen errungen und gebe es Euch für einen so tüchtigen Streich als je ein englischer Yeoman einen führte.«
»Ich will es in meine Mütze setzen, mein Lord«, erwiderte der »kleine John«, »und vielleicht eines Tages...«
»Jetzt keine Prahlereien, John!« rief Robin Hood. »Laßt den Grafen sich zum Mahl setzen. Es ist die Jahreszeit, mein guter Lord, wo man weder Hirsch noch Hase schießt, wo das Rebhuhn freien Paß hat des Brütens wegen und selbst die wilde Trappe ungefährdet läuft. Deshalb kann ich Euch kein Jägermahl vorsetzen. Aber ich will Euch traktieren wie ein Baron, wenn nur die guten Köche dort ihre Schuldigkeit tun. Keine Schloßhalle in ganz England soll ein besseres Essen aufzuweisen haben, als heute das Eurige sein wird.«