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»Ist sie eigentlich schön?« fragte Robin mit einem schalkhaften Lächeln.

»Wahrhaftig, das ist sie!« antwortete Hugh de Monthermer überzeugt. »Und mehr als schön. Sie hat jene Art von Zauber an sich, der sich mit nichts vergleichen läßt als mit dem hellen Morgensonnenschein, der alles, was er berührt, mit neuer Lieblichkeit erfrischt.«

»Seid Ihr gewiß, ob dieser Zauber nicht Liebe ist?« fragte Robin Hood. »Aber laßt uns von andern Dingen sprechen. Hier müssen wir von der Straße abbiegen, und ich werde Euch nun durch Pfade führen, die keinem Richter bekannt sind. Obgleich ich Eurer ritterlichen Ehre vertrauen könnte, muß ich hier doch von Euch eine Zusage verlangen, die jeder gibt, der diesen Weg geführt wird. Die nämlich, daß Ihr alles, was Ihr seht oder hört, bis ich Euch wieder auf diese Straße führe, vergessen wollt, sobald Ihr mich verlaßt, und es niemand mitteilen wollt. Niemand, selbst nicht Eurem Beichtiger!«

Hugh de Monthermer gab das von ihm verlangte Versprechen ohne das mindeste Bedenken, und nachdem dies geschehen, geleitete ihn der Waidmann auf einem schmalen Pfade in ein Walddickicht, wo schöne alte Eichen über einer unermeßlichen Menge von Gesträuch und Buschwerk emporragten. Da und dort sah man allerdings Striche grünen Grasbodens, und ein paar sandige Bühle lugten unter dem Buschwerk empor.

Nach etwa einer halben Meile war alle Spur eines Weges zu Ende; aber ohne das mindeste Besinnen ritt Robin Hood weiter voran, mit nie fehlender Sicherheit die verschiedenen grünen Linien treffend, die eine Masse Buschwerk von der andern trennten, jetzt seinen Begleiter durch eine tiefe Schlucht, dann um eine sandige Erhebung herum geleitend.

Als die Sonne unterging, hatten sie den niedersten Punkt der Waldgegend erreicht und näherten sich einem mehrere Acres bedeckenden Walddickicht. Hier war auf einer Seite ein durch das Unterholz gehauener Pfad, den Robin und sein Begleiter einschlugen, und eine Strecke weit im Dunkel weiterziehend - denn die Bäume ließen nichts von dem noch übrigen Tageslicht eindringen gelangten sie endlich auf eine Lichtung.

Gegenüber der Mündung des Weges, auf dem sie kamen, befand sich ein Gebäude von eigentümlicher Bauart. Es bestand aus runden Steinen, die aufeinandergetürmt und zusammengekittet waren, während Fenster und Türen Simse von behauenem Stein zeigten, überall von kurzen, schmalen Säulen unterstützt. Efeu hatte den größten Teil des Gebäudes überwuchert, aber es drang Lichtschein aus den Fenstern, und einen Augenblick hielt Robin Hood sein Pferd an, als wollte er lauschen.

»Hier«, sagte er schließlich, »lebte und herrschte ein angelsächsischer Recke, als die Bäume im Sherwood noch jung waren. Die Erinnerung an das Gebäude ist entschwunden samt den Menschen, die darin wohnten, und es ist endlich der Wohnsitz eines Sohns desselben Stammes geworden, als er geächtet ward wegen seiner Liebe zu seinem Vaterland.« 

X

ZWEITÖNE oder - wie man damals sagte - zwei Worte auf dem Horn waren das Signal, womit Robin Hood seine Rückkehr ankündigte. Sofort fuhr etwa vier Meter über dem Boden ein großer und seltsam geformter Kopf zu einem der Fenster des Hauses heraus. Hugh war nicht wenig überrascht, als der Leib mit außerordentlicher, schlangenähnlicher Geschmeidigkeit nachfolgte, bis die Knie den Fenstersims erreichten. Dann schwangen sich die Füße herüber, und die ganze Gestalt hing an dem Hause, während eine Hand an dem Steinwerk des Fenstersimses sich hielt und die andere eine Mütze im Kreis schwenkte. Im nächsten Augenblick ließ das Wesen den Griff der linken Hand fahren und kam trotz des tiefen Falles auf die Füße zu stehen.

Hugh glaubte anfänglich, einen riesenhaften Affen vor sich zu haben, so außerordentlich war die Gelenkigkeit des Knaben. Seine Arme waren von ungewöhnlicher Länge und schienen länger als der ganze Körper zu sein. Im Augenblick jedoch, wo die Gestalt den Boden erreichte, hörte der junge Ritter eine menschliche Stimme von auffallend angenehmem Ton:

»Ho, Robin, ho!« sagte der Knabe auf englisch (Zu jener Zeit war das normannische Französisch die Sprache des Hofes). »Seid Ihr endlich doch heimgekommen? Ihr habt ein festliches Mahl gehalten im Walde, ich weiß, und Tangel zurückgelassen bei den Weibern. -Wen bringt Ihr denn da mit in dem gestickten Wams? - Wünsche Euch guten Tag, Sir«, und die Mütze in der Hand, machte er dem jungen Lord eine tiefe und groteske Verbeugung.

»Er will Euch das Pferd abnehmen, mein Lord«, sagte Robin zu Hugh gewandt. Dann ging er zur Tür des Hauses und rüttelte daran. Sie war jedoch verschlossen, und der Waidmann war genötigt, zu dem Klopfer zu greifen.

Die Tür ward schleunigst geöffnet, als man Robins wohlbekannte Stimme vernahm, und Hugh de Monthermer folgte ihm durch einen langen, dunklen Gang in einen Raum, dessen Wände mit Teppichen behängt waren.

»So, Cicely«, sagte Robin Hood zu der hübschen jungen Frauensperson, die sie eingelassen hatte, »gib Befehl, ein Zimmer für diesen jungen Lord bereitzuhalten, und sage der alten Martha...«

Seine übrigen Worte konnte der junge Edelmann nicht mehr hören, und nachdem das junge Mädchen fortgegangen war, blieb der Geächtete, wie es schien, in sehr nachdenklicher Stimmung am Fenster stehen, bis endlich der Ton einer zarten, singenden Stimme ihn aus seiner Versunkenheit riß. Er lauschte ein paar Augenblicke und sagte dann laut, obwohl er offensichtlich mit sich selbst redete: »Es ist am Ende doch kaum gerecht, Unschuldige zu strafen statt der Schuldigen, und eine Strafe ist es, obgleich sie sie leicht trägt. Ich muß aber zuerst mit ihm sprechen.«

»Ihr seid nicht allein, guter Robin«, sagte Hugh von Monthermer, der nicht Lust hatte, ein Teilnehmer der Geheimnisse des Geächteten zu werden.

Robin Hood lachte. »Es war oft mein Fehler«, versetzte er, »daß meine Zunge eine verräterische Hüterin meiner Gedanken war. Aber kommt, mein Lord, Ihr habt noch nicht gegessen. Und da ich mich noch mit einem jungen Freund über wichtige Angelegenheiten beraten will, muß ich Euch eine Weile allein lassen. Ich bitte Euch aber, verlaßt das Haus nicht, ehe ich zurück bin, was in etwa zwei Stunden geschehen wird.«

»Gut«, antwortete Hugh. »Inzwischen will ich, statt zu essen, mich lieber etwas ausruhen, nachdem ich erst, mit Eurer Erlaubnis, nach meinem Pferde gesehen und für seine Pflege gesorgt habe.«

»Überlaßt das ganz meinen Leuten«, versetzte Robin Hood, »und folgt meinem Rat. Nehmt ein Abendessen an; denn Ihr müßt vielleicht heute nacht noch weit reiten. Essen und Trinken mit Maß gibt Kraft, wo nicht gar Mut.«

Während er noch sprach, zündete er eine kleine silberne Lampe an einer der Kerzen an, die in einem großen, metallenen Wandleuchter aufgesteckt waren, und den jungen Lord ersuchend, ihm zu folgen, ging er ihm durch einen langen, schmalen Gang voran. Keine Türen waren zu sehen, weder rechts noch links, bis eine plötzliche Windung sie an eine schwerfällige, hölzerne Treppe brachte. Auf beiden Seiten war ein Seil an eisernen, in das Steinwerk der Wände eingelassenen Stützen befestigt, das als Geländer diente.

»Da«, sagte Robin Hood, indem er dem jungen Lord die Lampe reichte, »wenn Ihr hinaufgeht und die Tür gerade vor Euch droben öffnet, weidet Ihr ein Essen bereit finden. Falls Ihr müde seid und zu Bett zu gehen wünscht, ruft Cicely oder Tangel; sie werden Euch den Weg weisen. Ich muß jetzt fort, sonst versäume ich meine Zeit.«

Hugh de Monthermer nahm die Lampe und stieg mit langsamen Schritten die Treppe hinan. Als er oben war, sah er vor sich die ihm von Robin bezeichnete Tür. Obgleich aber die Weisung des Geächteten sehr klar und bestimmt gewesen war, zögerte Hugh de Monthermer doch, einzutreten; denn er hörte weibliche Stimmen drinnen sprechen. So glaubte er an ein Mißverständnis, da der Geächtete ihm keine Andeutung gemacht hatte, daß ihn jemand erwarte. Nach einer Pause der Ungewißheit näherte er sich jedoch der Tür und pochte. Eine Stimme sagte: »Kommt herein; denn wir haben keine Mittel, irgend jemand auszuschließen.«