»Aber wenn Euer Vater tot wäre, könnte Euch dann nicht Euer Bruder zu dem kalten Schatten des Klosters verdammen?«
»Das kann er nicht, Hugh - das darf er nicht!« versetzte Lucy.
»Er hat dazu keine Macht. Die Ländereien, die ich besitze, sind weder von ihm noch vom König von England. Allerdings - man könnte mich derselben berauben, Hugh, das ist wahr, und Lucy de Ashby würde eine Braut ohne Mitgift sein...«
»Um so willkommener, teuerste Lucy!« unterbrach sie Hugh. »Wollte Gott, daß Euer Vater gleich jetzt einwilligte, mir diese schöne Hand zu gewähren, nur mit dem Ring daran, der Euch zur Meinigen macht!«
XI
DIE STRASSEN der alten Stadt Hereford waren damals so schmal, daß kaum vier Reiter nebeneinander reiten konnten, und doch war in Wirklichkeit der Raum für Fußgänger viel breiter, als es schien; denn - wie es damals besonders an den Grenzen von Wales üblich war - die Hälfte des Erdgeschosses der Häuser ward eingenommen von einem langen, offenen Bogengang, der die Fußgänger zu gewissen Jahreszeiten vor dem Regen und zu andern vor allzu heißen Sonnenstrahlen schützte.
Eine Gruppe von drei Männern und einer Frau ritt eine dieser belebten Straßen hinunter, an deren Ende ein Gasthaus zweiten Ranges, benannt »Zum Maienbaum«, lag. Sie verfügten über zwei Pferde und ein störrisch aussehendes Maultier. Auf dem einen Pferd ritt ein großer, stämmiger Mann in der Tracht eines Dieners, auf dem andern allem Anschein nach ein Bediensteter desselben Herrn. Auf einem Reitkissen saß hinter ihm eine unverkennbare weibliche, dicht verschleierte Gestalt.
Auf dem Maultier, die Beine bequem herunterhängen lassend und den dicken Bauch behaglich auf den Sattel stützend, trottete ein behäbiger Mönch daher, ganz in Grau gekleidet und die Kapuze zurückgeschlagen. Sein Gesicht war groß und fröhlich, und ein Zug spitzbübischer Schalkheit lag um die Winkel der kleinen, grauen Augen. Er schien einer jener bequem dahinlebenden Mönche zu sein, die selbst keinen Kummer und keine Entbehrung kennen und Gram und Leid anderer nicht allzu ernst nehmen. Seine rosigen Backen, sein Doppelkinn - alles zeugte davon, daß er wohl Ursache hatte, zufrieden zu sein.
Gerade als sie den Eingang der Herberge »Zum Maienbaum« erreichten, brachte der Mönch durch eine falsche Lenkung das Hinterteil seines Maultiers in zu nahe Berührung mit dem allein auf einem Pferde reitenden Diener, und indem er scheinbar versuchte, sein Tier in eine günstigere Stellung zu bringen, reizte er es zu heftigem Ausschlagen, wobei der Reiter einen Schlag gegen das Schienbein erhielt, der ihn vor Schmerz laut brüllen machte. Der Sitz auf dem Rücken des ausschlagenden Maultiers war nicht behaglich, aber doch behauptete sich der fette Mönch ganz gut im Sattel, bis er das Tier wieder beruhigt hatte. Dann glitt er behend auf der Seite herunter, und erst als er sich nach seinem Begleiter umsah, schien er das schmerzverzogene und wütende Gesicht des verletzten Dieners zu bemerken.
»Gott tröste meine Seele!« rief er. »Hat er dich berührt, der nichtsnutzige Schelm? Ich will ihn dafür züchtigen!«
»Wenn Euer Maultier mir nicht das Bein zerschmettert hat, so ist das nicht seine Schuld«, erwiderte der Mann absteigend und um sein Pferd herumhinkend. »Ihr aber, toller Priester, müßt auch seine Hinterhufe dort hinstellen, wo sie gar nichts zu schaffen haben.«
»Nein«, erwiderte der Mönch, »ich habe seine Hinterhufe nicht so gestellt, sondern das Tier hat sich selbst so herumgedreht. Es wollte mich abwerfen, und ich werde es streng dafür bestrafen. Es soll für seine schlechte Aufführung fünf Gerstenkörner weniger Futter bekommen.«
»Ihr macht elende Späße, Mönch!« entgegnete der Diener erbost. »Ich bereue, daß ich Euch mit uns habe reiten lassen.« Die nicht gerade einladend aussehende Fassade der Herberge hinaufschauend, fuhr er fort: »Ist das das Wirtshaus, von dem Ihr rühmt, daß es so guten Wein habe? Es scheint zu ärmlich zu sein, um solches Lob zu verdienen!«
»Du wirst ein besseres Getränk finden als in irgendeinem Haus in Hereford«, erwiderte der Mann in der grauen Mönchskutte. »Versuche und koste, und wenn ich dich getäuscht habe, darfst du mich in zollgroße Stücke zerhacken. Kannst du einem Mönche nicht trauen?«
Der Mann brummte eine Antwort, die eben kein hohes Lob des Standes enthielt, dem sein fetter Begleiter angehörte, und wenige Minuten später saß die ganze Gesellschaft in der Gaststube, in der sich sonst niemand befand. Die gewöhnliche Stunde des Abendessens war vorüber, aber der Wirt war ein mitleidiger Mann und kannte überdies recht gut das Augenzwinkern des lustigen Bruders, so daß er, der alten Freundschaft zuliebe, ihnen manche duftige und schmackhafte Speise vorsetzte nebst einer großen Flasche Wein.
Unter dem Einfluß solcher Stärkungen vergaß der Diener seine Verletzung, und das Frauenzimmer, ihren Schleier zurückschlagend, zeigte das hübsche Gesicht der Kate Greenly. Sie schien dem Aussehen nach drei bis vier Jahre älter zu sein als noch vor wenigen Wochen; denn es lag einige Traurigkeit auf ihrem Gesicht, und das fröhliche Lächeln war dahin.
Nachdem sie ihren Schleier abgelegt hatte, um an der Mahlzeit teilzunehmen, heftete sich das Auge des Mönchs auf sie, bis sie unter seinem Blick mit halb zorniger, halb beschämter Miene errötete; aber ihr Erröten wurde noch stärker, als er sagte:
»Mich dünkt, schöne Dame, ich habe dies holde Gesicht schon früher gesehen.«
»Vielleicht«, antwortete sie ausweichend, »ich weiß es nicht. Mancher wandernde Mönch kommt an meines Vaters Tür.«
Der Mönch lachte und fuhr munter fort: »Versucht einmal diesen gedämpften Aal, Hübsche! Versucht ihn - er ist gut für die Hautfarbe. - Und jetzt, Meister Dienstmann, was sagt Ihr zu dem Wein? Habt Ihr je etwas Besseres gekostet?«
Der Dienstmann mußte anerkennen, daß er selten ein so gutes Getränk genossen, und allmählich die üble Laune überwindend, die noch geschärft worden war durch einen geheimen Argwohn, die Hufe des Maultiers hätten ihn doch nicht zufällig getroffen, ließ er sich sein Nachtessen behagen und lachte und plauderte mit dem Mönch.
Mittlerweile saß Kate Greenly schwermütig in dem lustigen Kreis. Die Gedanken an ihre Heimat waren durch die Worte des Mönchs in ihrem Herzen geweckt worden, und nachdem sie einige Zeit die Qual fremder Fröhlichkeit erduldet hatte, stand sie auf und sagte, sie wolle sich in ihr Schlafgemach begeben, da sie morgen sehr früh aufbrechen müßte.
Die beiden Dienstmänner bezeigten der Geliebten ihres Gebieters keine große Achtung, denn sie blieben faul am Tisch sitzen und ließen sie allein ihren Weg suchen. Aber der lustige, fette Mönch fuhr von seinem Sitz mit einer Rüstigkeit auf, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, und sagte: »Wartet, meine Schöne! Ich will den Wirt oder die Wirtin rufen, Euch zu geleiten.« Und er schritt neben ihr der Tür zu.
Wären die Blicke ihrer beiden Begleiter ihr gefolgt, so hätten sie das Zusammenschrecken des Mädchens bemerken müssen, als sie mit dem Mönch das Zimmer verließ. Aber sie waren zu sehr mit der Flasche beschäftigt, und schon einen Augenblick später hörte man die volle, metallene Stimme des Mönchs nach Wirt und Wirtin rufen. Gleich darauf wälzte er sich ins Zimmer zurück und nahm wieder seinen Sitz am Tisch ein.
»Aufs Wohlsein deines Herrn, wer er auch sei!« rief der Mönch, seinen Becher zu dem Dienstmann hebend, den sein Maultier geschlagen hatte. »Gott steh ihm bei zu seinen guten Taten und vereitle seine schlimmen, wenn er solche begeht!«
»Darauf trinke ich nicht«, versetzte der Ehrenmann. »Ich sage, Gott stehe meinem Herrn bei in allen seinen Werken und Taten -guten, schlimmen und gleichgültigen. Ich bin nicht befugt, Ausnahmen zu machen.«