»Still, Mann, still, trinkt den Toast und singt uns ein Lied!« schrie der Mann mit der grauen Kutte.
»Sing du selbst erst, fetter Mönch«, antwortete der Dienstmann.
Der Mönch versetzte: »Das will ich!« Nachdem er noch einen tiefen Zug getan hatte, stimmte er in vollem Ton das Lied an:
Der Gesang fand den Beifall der beiden Gesellschafter des Mönchs, die sich hinlänglich mit Trinken gütlich getan hatten, um zu jeder Art von Fröhlichkeit aufgelegt zu sein. Auch sie brüllten nun nacheinander ein paar Strophen.
Während so die drei Männer beim fröhlichen Gelage saßen, wurde Kate Greenly in ein Zimmer geführt, wo eine ins Fenster gestellte Lampe einen tiefen, über die Straße gehenden Vorsprung zeigte, der einen Erker bildete. Die Wirtin begleitete Kate Greenly in ihr Gemach und machte sich darin eine Zeitlang zu schaffen - zum großen Mißbehagen des Mädchens. Vergebens versicherte sie, sie habe alles, wessen sie bedürfe; immer fand die Wirtin noch etwas in Ordnung zu bringen, einen Tisch zurechtzurücken, einen Stuhl abzustäuben, während sie jeden Augenblick erklärte, ihre Mägde seien unordentliche Dirnen und ihr Hausdiener ein fauler Schlingel. Endlich wandte sie sich zur Tür, und Kate Greenly glaubte nun, von ihrer Anwesenheit befreit zu werden; aber es war nur, um ihren Eheherrn zu rufen und ihm mit der lautesten Stimme zu sagen, er sei »erstaunlich träge und langsam.«
Kate Greenly konnte es nicht länger aushalten, sondern näherte sich dem Erker, wo die Lampe im Fenster stand, stellte sich dicht neben das Licht und entfaltete ein Papier, das sie in ihrer Hand hielt. Zuerst konnte, sie kaum die Worte sehen, aber die Augen mit der Hand beschattend, las sie mit gespanntem Eifer die Zeilen:
Kehrt zu Eurem Vater zurück, laßt ihn nicht allein mit gebrochenem Herzen! Wenn Ihr dazu geneigt seid, will ich Mittel dazu finden; denn ich habe mehr Hilfe bei der Hand, als Ihr ahnt. Sagt nur der Wirtin ein Wort, so sollt Ihr morgen vor Tagesanbruch auf dem Wege nach Barnesdale sein. Ich erkläre Euch, daß Ihr hier die letzte Hoffnung habt. Wenn Ihr umkehrt, mag Euch Frieden und Behagen noch zuteil werden, wenngleich Ihr Euer Glück weggeworfen habt. Wenn Ihr weiterzieht, habt Ihr ein Leben voll Elend, Verachtung, Verlassenheit und Verzweiflung vor
Der Mönch
Kate zitterte heftig und konnte kaum einen Gedanken fassen, aber in diesem Augenblick näherte sich ihr der Wirt, einen kleinen silbernen Becher mit warmem Wein und einen Teller mit vielfarbigen Süßigkeiten in der Hand.
»Ich bitte Euch, kostet diesen Schlaftrunk«, sagte er. Während sie mechanisch den Becher ergriff und, dem Brauch jener Zeit folgend, einige Süßigkeiten hineintauchte, bemerkte sie, wie die Augen beider Wirtsleute mit teilnehmendem, fragendem Blick auf ihr hafteten, und erkannte, daß auch diese in ihre Geschichte eingeweiht sein mußten.
Brennende Glut der Scham trat Kate Greenly in die Wangen, aber sie erweckte nur ihren Stolz. Nach, einer kleinen Pause sagte sie mit der Miene und Haltung einer Königin:
»Ihr könnt gehen! Wenn ich noch etwas bedarf, werde ich rufen!«
Der Wirt und die Wirtin entfernten sich, ihr gute Nacht wünschend; aber sie glaubte, um den Mund des Mannes ein verächtliches Lächeln zu bemerken.
Nachdem sie weg waren, faltete das Mädchen die Hände und brach in Tränen aus, aber es waren Tränen des leidenschaftlichen Verdrusses darüber, daß sie mit diesem letzten Angebot der Rückkehr von Seiten der Wirtsleute eine vielleicht gütigere Behandlung erfahren hatte, als sie verdiente. Dann sprang sie auf, näherte sich der Lampe und las noch einmal die erhaltenen Zeilen.
Sie schienen ihren Gedanken wieder eine andere Richtung zu geben; denn ihr Auge starrte ins Leere hinaus, das Papier entsank ihrer Hand. »Umkehren? Nein!« rief sie endlich aus. »In meines Vaters Haus zurückkehren? Das Lächeln und Höhnen meiner Gespielinnen mir gefallen und mit Fingern auf mich deuten lassen? Auf dem Spaziergang und in der Kirche gemieden werden wie eine Aussätzige? Nein, nein! Nimmermehr kann ich zurückkehren!«
Dann murmelte sie, sich selbst gleichsam tröstend, vor sich hin: »Richard wird mich nie verlassen! Er wird gewiß nicht so niederträchtig sein! Und doch - warum schickt er mich mit Dienern weiter und begleitet mich nicht selber? Wenn er notwendigerweise nach London muß, warum nimmt er mich nicht mit? Aber er hat gewiß ein höchst wichtiges Geschäft vor, das augenblickliche Erledigung erheischt. Ohne Zweifel war seine Reise zu schnell und zu anstrengend für ein Weib. - Ach ja! Er wird bald wieder zu mir zurückkommen!«
Sie beeilte sich nun, Toilette zu machen, und begab sich zu Bett. Aber auch in ihren Kissen waren Dornen, und ihre Nächte hatten den besten Teil ihres Friedens verloren.
Der folgende Morgen brach hell und glänzend an; Kate Greelys Selbstanklage und Reue waren mit den Schatten der Nacht verschwunden. Sie hörte Gesänge von den Straßen, hörte unten fröhliche Menschen lachen und plaudern. Ihre einzige Sorge, als sie sich am Morgen ankleidete, war nur, wie sie dem Bruder Graurock begegnen sollte. Aber das war bald entschieden. Sie nahm sich vor, ihn finster anzusehen und ihn mit schweigender Verachtung zu behandeln. Ohne Zweifel würde er dann aus Furcht vor ihren zwei Dienern kein Wort weiter wagen. Es blieb ihr jedoch alle Unruhe in dieser Hinsicht erspart; denn der Mönch war vor Tagesanbruch abgereist. Sie hatte ihm durch die Wirtin keine Antwort geschickt, und ihr Schweigen war Antwort genug.
Nach einem eiligen Frühmahl machten sich das Mädchen und ihre Begleiter wieder auf den Weg und ritten, ohne anzuhalten, etwa fünfzehn Meilen fort.
Als sie auf einer ansehnlichen Erhöhung des Waldes angekommen waren, zeigte sich schließlich ein kleiner befestigter Turm mit einigen Hütten, die unter seinen Mauern Schutz suchten. Der Dienstmann, der neben Kate ritt, deutete darauf hin und sagte: »Dort ist das Kastell, Madame.«
Kate schaute hin, und ihre Augen funkelten vor innerer Erregung. Nach wenigen Minuten ritten sie in den Bogengang unter dem Gebäude ein.
Das Kastell war kleiner, als sie es zu finden erwartet hatte, und bestand eigentlich nur aus einem jener starken Türme, wie man sie ein Jahrhundert früher zum Schutz gegen die Einfälle der Normannen in diesem Teil der englischen Insel erbaut hatte. Es focht indessen Kate wenig an, ob die Burg groß oder klein war; es war sein Kastell - des Mannes, dem jetzt alle ihre Gedanken und Empfindungen gehörten.
Ihre Enttäuschung begann jedoch schon auf der Schwelle. Ein alter Torwächter, der sie einließ, erklärte nicht nur in rauhem Ton, Sir Richard de Ashby sei noch nicht angekommen, sondern betrachtete auch den weiblichen Gast voll mürrischen Mißvergnügens. Er murmelte etwas vor sich hin, was sie zum größten Teil nicht verstand. Aber die Worte »die neue Geliebte« erreichten ihr Ohr und machten sie zusammenfahren. Die Augen von zwei oder drei Bogenschützen, welche ums Tor herumlungerten, hafteten auf ihr, und wie gejagt lief sie hinter dem alten Torwächter drein, der sagte, er wolle ihr das Gemach zeigen, das für sie auf Befehl seines Gebieters eingerichtet worden sei. Sie fand es bequem und mit aller Behaglichkeit ausgestattet.
In der Folgezeit wurde sie gut behandelt, doch war bei den Männern, die sie umgaben, ein Mangel an Achtung zu bemerken. Aber Kate tröstete sich mit der Hoffnung, sie würde Richard de Ashby leicht vermögen können, solcher Mißachtung ein Ende zu machen. Aber Tag um Tag verstrich, ohne daß er erschien, und schwermütige Erinnerungen und nichtige Reue bestürmten stärker und stärker ihr Gemüt, bis sie die Last ihrer eignen Gedanken kaum mehr zu tragen vermochte.