Endlich, eines Abends sah sie von den Zinnen aus einen kleinen Trupp Reiter über den Berg daherkommen. Mit einer Ungeduld, die keinen Zwang duldete, rannte sie hinunter, ihm entgegen; denn sie war fest überzeugt, daß Richard de Ashby unter ihnen war. Der alte Torwart wollte sie hindern, das Tor zu passieren, aber sie gebot ihm mit so finsterem und gebieterischem Ton, zurückzutreten, daß er sich nicht widersetzte.
Kate Greenly hatte sich nicht getäuscht. Die Gesellschaft bestand aus ihrem Verführer und vier Soldaten, die er sich in Hereford verschafft hatte, um seine kleine Besatzung zu verstärken, da jetzt der Ausbruch des Krieges drohte und der Posten, den er zu behaupten hatte, als nicht unwichtig galt.
Richard de Ashby sprang vom Pferd, sie zu begrüßen, und küßte sie zu wiederholten Malen unter vielen Ausdrücken der Zärtlichkeit. Zwar redete er nur in oberflächlichem Ton mit ihr, aber Kate Greenly erkannte nicht ihre wirkliche Stellung; denn das Glück, ihn wiederzusehen, verdeckte alle anderen Empfindungen.
Im Laufe der Zeit jedoch kamen ihr Zweifel an Richard de Ashbys Liebe. Er ritt oft aus und ließ sie den ganzen Tag allein. Kehrte er zurück, war er ermüdet, herrisch und reizbar. Über ihre Tränen lachte er nur und wandte sich von ihren Liebkosungen ab.
Indessen war doch noch so viel ungesättigte Leidenschaft in seinem Wesen übrig, daß er immer wieder bemüht war, es nicht zu einem Bruch kommen zu lassen.
XII
HUGH DE MONTHERMER und Lucy de Ashby vernahmen in ihrem vertrauten Zwiegespräch kaum den Schritt auf der Treppe. Erst das Pochen an der Tür brachte sie in die Wirklichkeit zurück, und es lag nicht wenig Verdruß in dem Ton, mit dem Hugh »Herein!« rief.
Die Tür ging langsam auf, aber statt eines Mädchens von Lucy erschien die affenähnliche Gestalt des Knaben Tangel, der mit einer seiner seltsamen Gebärden Hugh zum Zimmer hinauswinkte.
»Was wollt Ihr?« fragte Hugh, ohne von seinem Sitz aufzustehen.
»Ich möchte, daß Ihr Euch auf Eure Gehstecken stellt«, versetzte Tangel, »und mit mir kommt.«
»Ich muß zuerst wissen, warum«, antwortete Hugh de Monthermer. »Geht schon immer, guter Tangel. Ich werde gleich kommen.«
»Nein, Ihr müßt sofort kommen«, sagte der Zwerg. »Robin wartet auf keinen Menschen. Er und der andere Geselle schickten mich, um den mit dem gestickten Wams zu holen. Robin hat Gegenstände der Beratung für Euer Ohr, obgleich ich wohl ahne, daß es rein nichts anderes ist, als wenn man eine Blume in den Schwanz eines Hahnes steckt.«
»Ich finde die Ähnlichkeit nicht, guter Tangel«, antwortete Hugh, die Augenbrauen hochziehend, indem er langsam aufstand.
»Beide fallen bald wieder aus«, sagte Tangel grinsend. »Der Rat, meine ich, und auch die Blume, mein Herr Gewappneter. Was hat es für einen Sinn, einem Mann in einem gestickten Wams Rat zu geben? Aber kommen müßt Ihr und ihn annehmen, Ihr mögt wollen oder nicht.«
»So muß es denn wohl sein, denke ich«, antwortete Hugh. Aber Lucy hielt ihn am Ärmel zurück und fragte ängstlich: »Ihr kommt doch zurück, Hugh?«
»Glaubt Ihr, ich könnte Euch jetzt hier allein lassen, Lucy?« entgegnete er mit einem Lächeln. »Nein! Wie ich zuvor gesagt: Wenn ich Euch nicht mit mir nehmen kann, will ich bleiben und mein Leben mit Euch im Walde hinbringen.«
»Hoho!« rief der Zwerg, als hätte er eine Entdeckung gemacht. »Mich dünkt, ich wäre besser weg!«
Hugh mußte lachen. »Wir haben Euer auch wirklich nicht begehrt, Tangel. Aber jetzt geht nur voran. Wo ist Robin Hood?«
Der Zwerg schwenkte einen seiner langen Arme nach der Treppe, und Hugh de Monthermer folgte dem Knaben hinunter in dasselbe Gemach, in das ihn der Geächtete unmittelbar nach ihrer Ankunft geführt hatte. Es waren jetzt zwei Männer darin: der kühne Geächtete und ein zweiter, der mit dem Rücken zur Tür stand. Als jedoch der junge Lord eintrat, wandte sich der letztere um. Es war der Freisasse Ralph Harland.
Hugh de Monthermer fuhr überrascht zurück; denn seit er ihn zuletzt auf dem Rasenplatz von Barnesdale gesehen hatte, war sein Gesicht blaß geworden und eingefallen.
Er ergriff ihn augenblicklich bei der Hand und rief: »Ralph, was fehlt dir? Du scheinst krank, mein Freund!«
»Krank am Gemüt, mein Lord Monthermer«, versetzte Ralph Harland düster, »sonst nicht.«
»Nein, nein, Ralph!« rief Hugh. »Ihr müßt nicht so förmlich sprechen. Wir haben als Knaben miteinander gerungen, sind miteinander durch den Wald galoppiert. Ich habe Eures Vaters Brot gegessen und seinen Wein getrunken - deshalb muß Hugh de Monthermer eine brüderliche Antwort haben von Ralph Harland. Was fehlt dir denn? Bei meiner Ehre, wenn mein Schwert oder meine Stimme dir einen Dienst leisten kann... Aber ich weiß, was es ist«, fuhr er fort, sich plötzlich der Vorfälle am Maientag erinnernd. »Ich weiß, Ralph, was für eine Schlange dich gestochen hat. Aber das ist eine Wunde, die zu heilen mir der Balsam fehlt!«
»Dafür gibt es keinen auf Erden«, versetzte Ralph Harland.
»Ja«, sagte nun Robin Hood, der bisher stillschweigend den Wortwechsel verfolgt hatte, »aber wenn es auch keinen Balsam gibt, sie zu heilen, so gibt es doch wohl einen zur Linderung, mein Lord, und Eure Hand muß es sein, die ihn reicht. Ich will die Wahrheit entdecken. Wir halten hier eine gewisse junge Dame gefangen, die wir, wie Ihr seht, mit aller Achtung behandeln; denn wir suchen keine Rache. Was wir begehren, ist eine geringe Genugtuung: Man sende Katy Greenly zurück in ihre Heimat, man gebe sie ihrem Vater wieder. Und Ihr, mein Lord, müßt dies von dem Grafen von Ashby verlangen - er allein kann es tun. Euch vertrauen wir, daß Ihr den Lord Ashby veranlassen werdet, uns Landleuten Gerechtigkeit zu verschaffen.«
Hugh de Monthermer wußte zunächst nicht, was er sagen sollte. Daß Robin Hood, der nicht nur durch seine Kühnheit, sondern auch durch seinen Sinn für Gerechtigkeit bekannt war, Lucy hier gefangen hielt, um die doch offenkundig freiwillig entlaufene Kate Greenly von Richard de Ashby zurückfordern zu können, machte ihn betroffen. Schließlich sagte er zögernd: »Ich kann an den Grafen keine mit Drohungen verbundene Forderung bestellen, mein guter Freund.
Ihr habt hier eine wilde Art von Gerechtigkeit geübt; denn weder das Fräulein Lucy de Ashby noch ihr Vater haben Euch beleidigt. Ihr reißt sie gegen ihren Willen von ihrer Familie weg als Geisel für die Rückkehr einer andern, die aus freien Stücken dahin ging, wo sie jetzt ist. Wenn sie dort bleiben will, wer kann sie zurückschicken? Ich kann in dieser Sache nichts tun, solange Ihr Lucy hier zurückhaltet. Ich erkläre Euch offen, daß auch ich hier bleiben werde; denn als Ritter und Edelmann muß ich versuchen, sie in Freiheit zu setzen.«
»Und als Liebhaber obendrein«, fügte Robin Hood lächelnd hinzu. »Aber, mein Lord, wir wollen Euch nutzlose Mühe ersparen. Alle Männer des Hauses Monthermer und die des Hauses Ashby dazu vermögen das Fräulein nicht zu befreien, wenn ich sie gefangenhalten will. Es liegt jedoch etwas Wahres in Euren Worten, und diese Wahrheit hat sich mir aufgedrängt, noch ehe Ihr sie ausspracht. Deshalb habe ich Euch vorhin verlassen und diesen schwer gekränkten jungen Mann aufgesucht, um ihm zu gestehen - was ich mich niemals schäme zu gestehen, wenn es so ist -, daß ich zu rasch gehandelt habe, daß ich nicht das Recht hatte, ein schuldloses Fräulein den Frevel eines Verräters entgelten zu lassen. Aus diesem Grunde soll sie schon morgen früh unter Eurem Schutz zurückkehren. Dennoch, mein Lord, erwarte ich von Euch, daß Ihr den Grafen von Ashby auffordert, seinen Vetter zu veranlassen, die leichtfertige Kate Greenly in ihres Vaters Haus zurückzuschicken. Ich erwarte, daß er durch eine Mitgift für ein Kloster eine - allerdings armselige - Vergütung leistet, die wenigstens den bettelhaften Schurken Richard de Ashby einigermaßen den von ihm begangenen Frevel büßen macht. Ihr seid als Ritter und Edelmann verpflichtet, mein Lord, dies zu tun.«