»Ich will es tun«, antwortete Hugh de Monthermer, »weil mein Herz mir sagt, daß es recht ist, und mein Rittereid mich dazu verpflichtet.«
»Ach, mein Lord!« sagte Robin Hood. »Wollten nur die Edelleute von England immer das Gebot ihres Herzens zu Rate ziehen und dies Herz sich unverhärtet bewahren, wollten sie nur immer ihres Rittereides eingedenk bleiben und handeln, wie dieser Eid erheischt - es gäbe weniger Trauer im Land, es wäre mehr Glück in den Hütten, und mehr Achtung herrschte gegen Männer von hohem Stande!«
»Ihr habt unrecht«, sagte Hugh de Monthermer, seine Hand auf den Arm Robin Hoods legend. »Ihr habt unrecht und gebt Euch mehr dem gewöhnlichen Vorurteil hin, als ich gehofft und erwartet hatte. Es gibt gewiß unter uns Männer, die den Namen des Edelmanns schänden, deren schnöde Taten, wie die des Richard de Ashby, Elend in andere Stände und Schmach über ihren eigenen bringen. Aber in einem Punkt laßt uns Gerechtigkeit widerfahren. In diesem Jahrhundert sind die Edelleute von England der Tyrannei kühn entgegengetreten. Haben sie etwa nicht ihr Blut zur Verteidigung der Rechte des Volks vergossen? Ist es nicht mit ihr Verdienst, daß auf unserer Insel die Leibeigenschaft mehr und mehr verschwindet? Wir haben wohl Anhänger, Gesinde und Männer, die verpflichtet sind, uns im Fall der Not Dienste zu leisten, aber wir haben keine Leibeigenen mehr. Selbst in der gegenwärtig sehr unruhigen Zeit werden Abgeordnete aus den Reihen des Volks zu dem hohen Parlament der Nation berufen, um die Rechte und Interessen derjenigen Stände zu vertreten, die bisher keine Stimme bei der Gesetzgebung für das Land hatten. Dafür stehen die Edelleute von England ein, und ich müßte mich sehr irren, wenn nicht auch in kommenden Zeiten der englische Adel - obwohl darunter Schlimme sein mögen und immer sein werden - sich zwischen das Volk und die Tyrannei des Köngis stellen wird, unsere Verfassung zu schützen.«
»Vielleicht ist es so«, sagte Robin Hood nachdenklich. »Aber dennoch denken Leute von hohem Rang nicht immer daran, daß sie bei ihren Privilegien auch Pflichten und Obliegenheiten haben. Es wäre recht gut, wenn der Adel bedenken wollte, daß jeder, der sich selbst entehrt, auch seinen ganzen Stand entehrt. Wenn aber die ehrlichen, aufrichtigen Edelleute Gemeinschaft halten mit den lasterhaften, so machen sie deren Sünden zu den ihrigen.«
»Ich kann nicht umhin, Euch beizustimmen«, sagte Hugh de Monthermer zögernd. »Aber...«
»Ja, mein Lord, da gibt es manches Aber«, erwiderte der kühne Geächtete, nachdem er aus Höflichkeit einen Augenblick gewartet hatte, um den Schluß des Satzes des jungen Lords zu vernehmen. »Es wird immer ein Aber geben, solange es Menschen gibt mit menschlichen Leidenschaften und menschlichen Torheiten.«
Hugh de Monthermer fühlte keine Neigung, das Gespräch fortzusetzen. Er wandte sich daher an den jungen Freisassen und sagte:
»Ich fürchte, Ralph, daß Ihr nach all dem Leid, das Ihr von einem meines Standes erduldet habt, nicht sehr geneigt sein werdet, uns noch ein Verdienst in irgendeiner Hinsicht zuzugestehen. Wollt Ihr mich dennoch in den Westen begleiten und teilnehmen an dem Kampf, den ich herannahen sehe? Wir haben unruhige Zeiten vor uns, Ralph, Zeiten, wo Gefahren für unsere Freiheiten und Rechte wohl mit persönlichen Kümmernissen sich in das Herz von Männern teilen dürfen.«
»Ich will Euch gern folgen, Hugh«, erwiderte Ralph Harland. »Aber ich darf nicht vergessen, daß ich einen Vater habe. Ich muß mit ihm sprechen, ehe ich mit Euch gehe. Er wird mich nicht zurückzuhalten suchen, und ich will Euch bald folgen, aber dann nicht allein. Ich kann Euch manchen Mann mitbringen, der bereit ist, unter einem Banner mit Euch zu fechten. Wo werde ich Euch finden, mein Lord?«
»Sobald ich Lucy de Ashbys Befehle empfangen«, sagte Hugh de Monthermer, »und sie dahin geleitet haben werde, wohin sie zu gehen wünscht, werde ich den Weg direkt nach Hereford nehmen, und zwar über Gloucester, wo ich meinen Oheim und den Grafen von Ashby einzuholen hoffe. Sollte ich bei dem letzteren seinen Vetter Richard treffen, so soll er mir Rechenschaft ablegen für mehr als eine niederträchtige Handlung.«
»Nein, mein Lord«, versetzte der junge Freisasse beschwörend. »Ich bitte Euch dringend, fangt keinen Streit an um meinetwillen. Ich weiß, welche Herzenswünsche Ihr aufs Spiel setzen müßtet. Außerdem aber glaube ich, daß noch die Zeit kommt, wo ich diesen Schurken allein treffe und er mir Rede stehen muß, obgleich ich weder Ritter noch Edelmann bin. Aber um eines bitte ich Euch: Sagt Lucy de Ashby, warum sie hierhergebracht wurde.«
»Ja, sagt es ihr«, fügte Robin Hood hinzu. »Sagt es ihr um ihrer selbst willen; denn ich fürchte, der Tag wird kommen, wo die Kenntnis dieser Umstände ihr ein Schutz sein dürfte gegen Richard de Ashby, der jetzt machtlos scheint. Spottet nicht darüber, mein Lord, glaubt nicht, er wäre zu jämmerlich und gering, um Anlaß zur Besorgnis zu geben. Der Skorpion ist ein kleines Tier, und doch wohnt der Tod in seinem Stachel. - Und jetzt: Gute Nacht! Morgen früh sollt Ihr jemand haben, der Euch auf Eurem Wege als Führer dient.«
XIII
EINE STUNDE nach Tagesanbruch standen Hugh de Monthermer und Lucy de Ashby bei ihren Pferden, bereit aufzusteigen und aufzubrechen. Das gelbe Morgenlicht breitete sich hell über der Waldlandschaft aus, jeder Grashalm funkelte wie von tausend Diamanten, jeder Baum ertönte vom Gesang der Vögel. Lucys Herz schlug hoch vor Freude über ihre Befreiung durch den Geliebten. Die Gewißheit ihrer Neigung, die gesteigerte Hoffnung, Lucy zu gewinnen, erfüllten auch Hugh mit frohen Empfindungen.
Robin Hood trat aus dem Haus, in einem eng anschließenden Anzug gekleidet, der seine muskulöse Gestalt noch hervorhob. Sein nußbraunes Haar kräuselte sich wirr um seine nachdenkliche Stirn. Als er die beiden Liebenden betrachtete, flog ein Lächeln über sein Gesicht, und er verhielt unwillkürlich den Schritt.
Nachdem Hugh de Monthermer Lucy auf ihr Pferd gehoben hatte, wandte er sich, um ihrem Wirt Lebewohl zu sagen, und bot ihm herzlich die Hand.
»Fahrt wohl, Hugh de Monthermer«, sagte Robin, sie ergreifend. »Wir werden uns bald auf einem bewegteren Schauplatz wieder treffen, wenn meine Vermutungen richtig sind. Aber wo bleibt Tangel, der Euch führen soll? - Tangel! Tangel! Wo bist du?« Bei seinem letzten Ruf kroch der Zwerg hinter dem Haus hervor, mit gesenktem Haupt und in gebeugter Stellung seinem Gebieter sich langsam nähernd und ihn fragend anblickend.
»Was ist?« fragte Robin Hood ungehalten. »Gab ich Euch nicht Befehl? Wo ist das Pferd?«
»Ich möchte lieber nicht gehen!« rief der Zwerg eigensinnig. »Laß mich bei dir bleiben, Robin! Schicke das Glattgesicht oder Harry, den Pagen. - Wenn der Narr in seinem gestickten Wams nicht für sich selbst sorgen kann und einen Knaben haben muß, der ihn durch die Welt geleitet, so schicke den jungen Schweinfleisch mit ihm. - Warum soll er mich mitnehmen?«
»Laß den Jungen bei dir bleiben, mein Freund«, sagte Hugh de Monthermer, als er den Waidmann im Begriff sah, zornig zu antworten. »Er hängt sehr an dir. Ich werde meinen Weg schon finden.«
»Nein, er hat zu gehorchen«, versetzte Robin Hood. »Und, mein guter Lord, nicht bloß, um Euch den Weg zu zeigen, schicke ich Tangel mit Euch. Ihr müßt ihn mit nach Hereford nehmen und ihn bei Euch behalten, bis wir uns wieder treffen. Ihr werdet ihn treu, schlau und anstellig finden, obgleich er sich jetzt so unbotmäßig zeigt. In diesen gefährlichen Zeiten kann es von großem Nutzen sowohl für Euch als auch für mich sein, wenn Ihr jemand bei Euch habt, der jeden meiner Männer kennt. Ich habe vielleicht Euch und Eurem Oheim Nachrichten mitzuteilen; denn ich erhalte eher Kenntnis von allem, was im Lande vorfällt, als selbst der Lord von Leicester bei all seiner Macht. Dazu ist es aber notwendig, daß Ihr erkennt, welche Boten in Wahrheit die meinigen sind und welche nicht; denn menschliche List und Tücke ist geschäftiger, glaub' ich, heutzutage, als man es je in der Welt erlebte. Wenn jemand zu Euch kommt in meinem Namen, so ruft Tangel und laßt Euch von ihm sagen, ob es einer von meinen Leuten ist. - Geht nun, Tangel, und laßt mich hören, daß Ihr Eure Pflicht getan habt!«