»Kommt, mein Junge«, sagte Hugh de Monthermer freundlich. »Ich will dich gut behandeln, und du sollst mich lieben, du magst wollen oder nicht.«
»Wahrhaftig, ich habe dich schon jetzt recht gern«, antwortete der Knabe, »obgleich ich keine besondere Vorliebe für Männer in gestickten Wämsern habe. Aber was sein muß, muß sein. Der arme Tangel ist immer des Schicksals Spielball gewesen. Nun gut, ich will mein Pferd holen.«
Mit diesen Worten streckte er seine langen Arme aus, legte seine Hände plötzlich auf die Schultern von Lucys Dienerinnen, die ganz nahe beieinanderstanden, und über die laut aufkreischenden Mädchen mit einem Satz hinwegspringend, verschwand er um die Ecke des Hauses. Gleich darauf erschien er wieder, ein kleines braunes Pferd am Zaum führend.
Sobald die ganze Gesellschaft zu Pferde saß, trat der Geächtete noch einmal zu Hugh de Monthermer und sagte leise einige Worte zu ihm, die großes Erstaunen bei dem jungen Ritter zu erregen schienen.
»In der Tat!« rief er. »Aber seid Ihr Eurer Sache auch gewiß?«
»So gewiß, als daß auf diesem Baume hier eine Elster sitzt.«
»Dann müßt Ihr Vorkehrungen getroffen haben, sie hinters Licht zu führen«, sagte Hugh de Monthermer.
»Ich nicht«, antwortete Robin Hood. »Ich lasse immer Narren sich selbst hinters Licht führen; gewiß tun sie es jederzeit geschickter, als ich es irgend könnte. Indessen ist es notwendig, daß Ihr mit dem Umstand bekannt seid. - Gott sei mit Euch, Sir. Wir werden uns bald wieder begegnen.«
Nach wenigen Augenblicken bewegte sich die kleine Kavalkade durch die schmalen Waldwege. Tangel ritt voran, ihm folgten in einer Entfernung von etwa zwanzig Schritt Lucy und ihr Geliebter, und zwischen ihnen und den ihnen folgenden Mädchen blieb wieder ein angemessener Abstand. Sie ritten nicht rasch, kamen aber bald aus dem dichten Wald heraus und zogen nun in langsamen Windungen abwechselnd durch Savannen und Gehölze, bis sie eine Heerstraße mit einem Wegweiser erreichten.
Hugh de Monthermer hatte mit der Vergeßlichkeit eines Liebenden gar nicht daran gedacht, ihrem kleinen Führer Weisungen zu erteilen, und das erste, was ihn an diese Notwendigkeit erinnerte, war der Wegweiser.
»Ich fürchte, teure Lucy«, sagte er, »Lindwell wird nicht mehr weit sein, und dahin muß ich Euch ja führen, obgleich es traurig ist, so glückliche Augenblicke wie diese zu einem Ende zu bringen.«
»Ihr habt recht«, antwortete Lucy mit einem Seufzer. »Mein Vater wird, wie Ihr Euch denken könnt, in Sorge sein, bis er mich wiedersieht.«
»Wenn Ihr um seinetwillen nach Lindwell gehen wollt«, versetzte der junge Edelmann, »so werdet Ihr Eure Erwartung getäuscht finden, liebe Lucy, denn er ist nicht dort. Er und Euer Bruder sind nach Gloucester hin aufgebrochen, in der übereilten Annahme, Ihr müßtet durch Leute von des Königs Partei entführt worden sein, um Euren Vater von unserer Sache abzuziehen.«
»Oh, dann will ich nicht allein in Lindwell bleiben!« rief Lucy, nicht unzufrieden, daß sie einen guten Vorwand hatte, unter des Geliebten Schutz noch weiterzureisen. »Zudem, wer weiß, was mir zustoßen könnte? Die ausländische Partei ist stark in Nottingham. Nein, Hugh, wenn Ihr ein guter Ritter und treu seid, so werdet Ihr mich bis zu meinem Vater geleiten.«
»Liebe Lucy, ich muß Euch abraten, weiterzureisen, obgleich noch zwei oder drei weitere Tage an Eurer Seite zu reiten mir mehr gälte als ein ganzes Jahr meines sonstigen Lebens. Aber ich kann Euch nicht verschweigen, daß zwischen hier und Gloucester manche Gefahr zu bestehen sein wird. Der Graf von Gloucester, Gilbert de Clare, dessen Treue lange zweifelhaft gewesen, ist jetzt bereit, die Waffen gegen de Montfort zu ergreifen. Er kann es bereits getan haben, und eines ist gewiß: daß im Forst von Dean sich bewaffnete Männer in großer Anzahl scharen, ohne daß man ihr Vorhaben kennt.«
»Ich habe keine Furcht, Hugh, wenn ich Euch an meiner Seite weiß. Auch können wir einige Leute von Lindwell mitnehmen. Ich möchte jedenfalls nicht allein hier bleiben.«
»Wenn dies Euer Wille ist«, antwortete der Liebhaber, »bleibt für mich keine Wahl übrig, obwohl vielleicht Euer Bruder die Stirn runzeln und Euer Vater ein frostiges Gesicht dazu machen wird. Indessen besteht noch die Möglichkeit, daß wir meinen Oheim in Torwel einholen. Seine ernste Gesellschaft und seine kräftigen Gewappneten können uns gegen alle Vorwürfe sicherstellen. In jedem Fall wird er einige zuverlässige Bogenschützen zurücklassen, und wenn wir ebenso viele von Lindwell mitnehmen können, sind wir ungefährdet.«
Ihre Pferde zu rascherer Gangart antreibend, wies er Tangel an, sie nach Torwel zu führen. Als sie jedoch dort gegen neun Uhr morgens anlangten, erfuhren sie, daß der Graf schon weitergezogen war und sechs Bogenschützen für seinen Neffen zurückgelassen hatte. Hugh hielt nun eine längere Rast für notwendig; denn obgleich Lucy imstande war, noch mehr Anstrengungen zu ertragen, mochte sie doch ermüdet sein von dem vierstündigen Ritt.
Die Zeit, die sie in Torwel zubrachten, verfloß schnell, und gegen Mittag machten sie sich auf den Weg nach Schloß Lindwell. Groß war dort die Freude, als man Lucy unversehrt zurückkommen sah, und alle Männer hätten sie gern begleitet, um sie unterwegs zu schützen. Die Verteidigimg des Platzes selbst durfte nicht vernachlässigt werden, und da Lucys Entschluß feststand, noch am Nachmittag weiterzuziehen, wurden sechs tüchtige Gewappnete aus den übrigen ausgewählt. Dann brach die Gesellschaft auf und schlug den Weg nach den Grenzen von Derbyshire ein.
Tangel hatte sich zum Nachtrab gesellt, da man ihn als Führer nicht mehr benötigte. Als sie jedoch Lindwell etwa sieben Meilen hinter sich hatten, ritt der Knabe in raschem Trab zu Hugh de Monthermer heran und sagte: »Habt acht! Es kommen Männer schnell hinter uns her!« Sich umwendend, gewahrte dieser etwa sieben Reiter, die, eine halbe Meile von ihnen entfernt, einen Hügel heruntergaloppierten.
Lucy schaute sich ebenfalls nach den Verfolgern um.
Plötzlich rief sie: »Es ist mein Bruder, Hugh! Gewiß, er ist es, ich erkenne ihn!«
»Ich glaube es auch«, versetzte Hugh de Monthermer und zog den Zügel an. »Aber auch wenn es nicht so ist, haben wir nichts zu fürchten.«
Die Reiter kamen in vollem Jagen und, wie es schien, nicht mit den friedlichsten Absichten heran. Bei jedem Sprung der Pferde ließ sich deutlicher die Gestalt Alured de Ashbys erkennen. In einiger Entfernung ließ er sein Pferd in Schritt fallen, als wollte er die Gruppe genauer besichtigen, die jetzt seine Ankunft erwartete. Sein Gesicht drückte weniger Freude aus, als man hätte erwarten dürfen, da er doch seine Schwester befreit und in Sicherheit sah.
»Was ist denn das?« rief er, nachdem er herangeritten war. »Warum seid Ihr nicht in Lindwell geblieben, Lord? Und wohin wollt Ihr die Güte haben, meine Schwester zu führen?«
»Wir wollten den Grafen Ashby einholen, mein Lord«, versetzte Hugh, »der, wie wir erfahren haben, nach Gloucester geritten ist.«
»Mich dünkt aber, Sir«, antwortete Alured de Ashby hochmütig, »daß allein Lindwell der passendste Ort war, wohin Ihr Lucy geleiten konntet, nachdem Ihr sie so geschickt aufgefunden, während sonst niemand wußte, wo sie war.«
»Aber setzt den Fall, Alured«, sagte Lucy, ehe noch Hugh de Monthermer Zeit hatte, die etwas scharfe Erwiderung auszusprechen, die sich auf seine Zunge drängte, »setzt den Fall, daß Eure Schwester nicht dahin geführt sein wollte. Nehmt an, daß sie, nachdem sie in Lindwell gewesen, es angemessen gefunden, diesen edeln Gentleman zu bitten, sie schützend noch weiter zu geleiten, bis sie ihren Vater einholte.«