»Ohne Zweifel ließ er sich sehr gern bereit finden«, versetzte Alured mit einem Hohnlächeln.
»Ohne alle Frage«, antwortete Hugh de Monthermer, so kühl er es nur vermochte. »Und ebenso bereitwillig, es zu tun, als berechtigt dazu. Aber Ihr beliebtet soeben, Euch eines Wortes zu bedienen, welches Erklärung heischt. Ihr sagtet, Sir, ich hätte Eure Schwester gefunden, während sonst niemand gewußt habe, wo sie sei. Wollt Ihr damit zu verstehen geben, daß ich es gewußt habe?«
»Wahrhaftig«, erwiderte der junge Edelmann hitzig, »es kommt mir wohl nicht zu, zu sagen, daß Ihr es gewußt habt. Es ist jedoch überaus sonderbar, daß Ihr sie aufzufinden imstande waret, sobald ihre Verwandten weg waren.«
»Nicht halb so sonderbar«, sagte Lucy, sich schnell wieder ins Mittel legend, voller Angst vor den Folgen dieses Streits, »wie Euer undankbares Verhalten, Alured! Statt ihm herzlichen Dank zu zollen, der ihm von Euch wie von mir gebührt, scheint Ihr so zornig, als hättet Ihr gewünscht, daß ich im Wald gebheben und umgekommen wäre.«
»Gut, gut«, sagte Alured de Ashby, sich seiner Reizbarkeit und Hitze nun doch etwas schämend. »Das sind müßige Worte, die wir verschwenden. Wo seid Ihr gewesen, Lucy? Was war der Grund Eurer Entführung? Wie ist es Euch ergangen?«
»Drei Fragen in einem Atem«, rief Lucy. »Was die erste betrifft: Ich bin im Walde gewesen. Um die letzte zu beantworten, bedürfte es eine volle Stunde, deshalb will ich Euch zu gelegener Zeit davon erzählen. Was aber die Frage nach dem Grund meiner Entführung betrifft, so muß ich sagen: Ich weiß es nicht!«
»Ihr vielleicht, Sir?« sagte ihr Bruder, sich zu Hugh wendend.
Der junge Edelmann schaute ihm unerschrocken und etwas finster ins Gesicht und antwortete? »Ich, ja!«
»Dann seid so gut und erklärt es.«
»Ihr müßt mich entschuldigen«, versetzte Hugh. »Ich werde zuvor alles Eurem Vater erklären, da er es ist, der in dieser Sache handeln muß. Ich habe eine Botschaft an ihn zu bestellen, über die er allein entscheiden kann.«
»Mächtig geheimnisvoll, mein guter Lord«, rief Alured. »Aber da ich jetzt auf dem Platze bin und aufs eiligste den Grafen von Ashby einzuholen im Begriffe stehe, wird meine Schwester Eures gütigen Schutzes nicht länger bedürfen.«
»Da wir jedoch denselben Weg haben«, sagte Hugh de Monthermer ruhig, die Unhöflichkeit Alureds übersehend, »wird es für alle sicherer sein, wenn wir zusammen...«
Aber Lucys Bruder unterbrach ihn und sagte: »Ich bin andrer Meinung, mein guter Lord. Ich glaube, daß es sicherer für uns sein wird, gesondert zu reisen. Unsre beiden Trupps bilden zusammen einen Haufen, der der Beobachtung nicht entgehen kann und doch zu klein ist zur Verteidigung. Daher ist es besser für uns, wenn wir uns trennen. Ich danke Euch sehr für den Beistand und Schutz, den Ihr diesem Fräulein gewährt, und erwarte mit ergebungsvoller Geduld die Aufklärungen, die mir zu geben Ihr nicht passend gefunden.«
Hugh de Monthermer biß sich auf die Lippe. Aber er war entschlossen, mit dem Bruder seiner Geliebten jeden Hader zu vermeiden. Daher riß er, ohne Alured de Ashby zu antworten, sein Pferd herum, ritt neben Lucy hin und fragte mit leiser Stimme: »Soll ich gehen?«
»Es ist besser«, sagte Lucy mit einem Seufzer. »Lebt wohl, Lord Hugh! Ich wenigstens bin dankbar, und dankbar werdet Ihr gewiß auch meinen Vater finden. Lebt wohl!«
Mit diesen Worten bot sie ihm ihre Hand. Hugh de Monthermer wandte sein Roß und hieß seine Leute ihm folgen. Dann ritt er, ohne den jungen Edelmann noch eines Blickes zu würdigen, davon.
Sein Weg führte etwas nördlich von dem, den Lucy und ihr Bruder verfolgten, auf Gloucester zu. Mehrere Tage ritt er nun beinahe parallel mit der anderen Gesellschaft. Von Zeit zu Zeit bekam er von ihren Bewegungen Nachricht. Gegen Ende des fünften Reisetages näherte er sich mit seinem kleinen Trupp der Stadt Charlton, in der er seinen Oheim zu finden hoffte; aber der alte Graf Monthermer war schon zwei Tage zuvor weitergeritten. Von seinem Wirt erhielt er eine Warnung: Wenn er dem Heere des großen Grafen von Leicester sich anschließen wolle, so werde er gut daran tun, einen großen Umweg zu machen, da die Straße zwischen hier und Gloucester gefährlich sei.
»Gilbert de Clare«, sagte er, »unser Graf von Gloucester, hält den Wald von Dean mit etwa fünftausend Mann besetzt. Wir haben gerade diesen Morgen gehört, daß der junge Graf von Ashby, der uns in der vorigen Nacht verließ, mit seiner ganzen Begleitung gefangen wurde. Auch seine Schwester war bei ihm, das schöne Fräulein Lucy. Man munkelt, der junge Lord sei nicht abgeneigt gewesen, dem Grafen in die Hände zu fallen. Jedenfalls war er vorher gewarnt; denn wir sagten ihm, was geschehen würde, wenn er in dieser Richtung reiste.«
Hugh zerbiß einen Fluch zwischen den Lippen, sann ein paar Augenblicke nach und murmelte dann: »Es ist nicht unmöglich!« Sofort bestieg er sein Pferd und ritt fort, diejenige Straße nach Gloucester einschlagend, die der Wirt als die sicherste bezeichnet hatte.
XIV
SIMON DE MONTFORT, Graf von Leicester, war einer jener klugen Männer, die die politischen Kräfteverhältnisse ihrer Zeit richtig einzuschätzen wußten und dementsprechend handelten. An der Spitze des englischen Adels und des Bürgertums der Handelsstädte war er gegen Heinrich III. zu Felde gezogen und hatte das erste Ständeparlament errichtet, in das er außer dem Hochadel und der Geistlichkeit Vertreter der Städte und des Landvolks berief.
Zu dem Zeitpunkt aber, von dem wir jetzt sprechen, unterlief ihm ein Fehler, der zu seiner Niederlage und zu seinem Tode führte.
Oft schon war er mit geringen Streitkräften von einem Ende des Landes zum anderen gezogen. Unterstützt durch die ihn begünstigende mächtige Volksgesinnung, hatte er alle seine Feinde gedemütigt, während er seinen schwachen und tyrannischen Oberherrn, den König Heinrich III., offensichtlich als Gefangenen mit sich führte. Den Prinzen Edward, einen der klügsten Männer und bedeutendsten Krieger des Zeitalters, hielt er dagegen in ehrenvoller Gefangenschaft. Keine Nachteile waren bisher daraus entstanden, nicht einmal großen Gefahren hatte er sich ausgesetzt. Aber die Zeiten halten sich geändert. Viele von denen, die sich an de Montfort angeschlossen hatten, waren von ihm mit kalter, politisch höchst unkluger Geringschätzung behandelt worden. Andere fürchteten die Folgen seiner wachsenden Macht entweder für sich selbst oder für ihr Land, da sie sich nicht zu dem weitreichenden Standpunkt erhoben, den sein umfassender politischer Blick einnahm; wieder andere waren entrüstet über die Art, wie er ihren König behandelte, den sie, wie schwach, tyrannisch und lasterhaft er auch war, doch noch mit der anerzogenen Ehrfurcht betrachteten. So standen nunmehr viele der Lords aus Wales gegen seine Macht unter Waffen, und Gilbert de Clare, der berüchtigte Graf von Gloucester, ein parteisüchtiger Verwandter des Königs, hatte seit einiger Zeit unter der Maske der Loyalität eine nur schwach verschleierte Feindschaft gegen die Partei de Montforts an den Tag gelegt.
Zu diesem ungünstigen Zeitpunkt hatte der Graf von Leicester den Entschluß gefaßt, aus der Nähe von London, von dessen Bürgern er immer kräftig unterstützt worden war, loszumarschieren und an die Grenzen von Wales zu rücken, in der Absicht, diejenigen, die sich gegen ihn auflehnten, wieder seiner Autorität zu unterwerfen. Da er sich damit von seinen besten Hilfsquellen entfernte, verlor er seine Überlegenheit über die feindliche Macht, und das Kräfteverhältnis war jetzt fast gleich, so daß es nur eines kleinen Zufalls bedurfte, um das Zünglein der Waage zu Seinem Nachteil zu stellen.
Sein Zug wurde aber vom militärischen Standpunkt aus mit der größten Umsicht ausgeführt. Mit einer keineswegs großen Streitmacht zog er - den König und den Prinzen an seiner Seite - in langsamen, bedächtigen Tagesmärschen Gloucester zu und trat hier in Unterhandlungen mit dem Grafen von Gloucester, Gilbert de Clare, seinem derzeit mächtigsten Gegner, um ihn zu vermögen, sich wieder der Partei anzuschließen, die so oft die Rechte des Volks gegen den anmaßenden Heinrich III. verteidigt hatte.