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Mein Lord,

eines Eurer Pferde ist aus Eurem Stall gestohlen worden, nämlich das prächtige normannische Streitroß, der Rotschimmel. Als Ersatz ist dafür ein starkknochiger, langbeiniger Grauschimmel eingestellt worden. Er ist nicht schön anzusehen, aber er ist stark und ausdauernd, und kein Pferd in ganz England tut es ihm gleich an Schnelligkeit. Ihr mögt ihn probieren, gegen welches Pferd Ihr wollt, Ihr werdet gewiß das Rennen gewinnen. Solltet Ihr Lust haben, morgen den Versuch zu machen, so werdet Ihr Zuschauer treffen im Monington-Wald, die Euch am Ziel als Sieger begrüßen. Beachtet dies wohl, denn es kommt von 

einem Freunde

»Daß ich doch seinen Namen wüßte!« rief Edward, nachdem er den Brief gelesen.

»Ich kann ihn Euch sagen, mein Lord«, versetzte Thomas de Clare. »Es ist Richard de Ashby.«

»Ha!«, sagte Edward mit nicht sehr heiterer Miene. »Richard de Ashby! Er ist ein treuer Untertan meines Vaters, glaube ich, aber das ist alles Gute, was ich von ihm weiß. Indessen - ich darf nicht undankbar sein. Horch! Da kommen Tritte die Treppe herauf! Füllt die Früchte in den Korb - schnell!« Und das Billett versteckend, warf sich Edward in den Sessel, den er zuvor eingenommen hatte.

De Clare hatte kaum die Erdbeeren wieder eingefüllt und das Körbchen hingestellt, als ein schwerfälliger, finster aussehender Mann, einer von den vornehmeren Dienern, die der Graf von Leicester dem Prinzen zur Verfügimg gestellt hatte, in das Zimmer trat, mit einer silbernen Schüssel in der Hand.

»Da ein hübsches Fräulein Euch einige Erdbeeren gebracht hat, mein Lord«, sagte er, »so habe ich Euch ein Gefäß gebracht, sie hineinzutun.« Und das Körbchen nehmend, leerte er es langsam in das silberne Geschirr.

»Dank, Ingelby, Dank«, versetzte der Prinz mit gleichgültiger Miene. »Wenn Ihr mir auch etwas Rahm gebracht hättet, so wäre es nicht übel gewesen.«

»Ihr sollt ohne Verzug welchen haben«, antwortete der Mann. »Es sind schöne Beeren, und so früh im Jahre!«

»Sie werden mich recht laben nach dem Fieber«, sagte Edward; »denn ich fühle noch eine Trockenheit im Munde.«

»Ihr sollt den Rahm sogleich haben, mein Lord«, wiederholte der Mann und verließ das Zimmer.

Edward und de Clare sahen einander mit einem Lächeln an und lasen dann den Brief noch einmal, bevor sie ihn vernichteten. 

XVI

ETWA UM ZEHN UHR am Morgen des nächsten Tages saß Simon de Montfort allein an einem kleinen Tisch in einem Zimmer neben demjenigen, dessen er sich als Beratungszimmer bediente. Vielerlei Papiere und Pergamente bedeckten den Tisch. Eine Landkarte von England, so gut die geographische Kunstfertigkeit sie damals zu schaffen verstand, lag unter seiner großen, starken Hand, und der Zeigefinger ruhte auf dem Namen Gloucester. Seine Stirn war finster, die Lippen hatte er zusammengepreßt; abwesend starrte er auf die Wand des Zimmers.

»Sonderbar!« murmelte er vor sich hin. »Mir ist, als ob sich alles von mir abwendete. Doch ist es eine Schwäche, sich solchen Gedanken hinzugeben. - Heda, draußen!« rief er laut.

»Wartet jemand?« fragte er einen Diener, der auf seinen Ruf erschien. 

»Der Konstabier der Wache des westlichen Hofes, mein Lord«, antwortete der Diener. »Er hat etwas zu melden.« 

»Laßt ihn herein«, befahl Simon de Montfort. »Und schickt einen Boten an den Grafen von Ashby, mit vielen höflichen Grüßen, und ich sei bereit, ihn zu empfangen, wenn es seinem Belieben gemäß sei; dieselbe Botschaft an den Grafen von Monthermer und an den Lord Hugh. - Jetzt, Konstabier, was habt Ihr mir zu sagen?«

Der Diener hatte mit einem Wink einen stämmigen Soldaten hereingerufen, der in voller Waffenrüstung an der Tür stand und nun auf de Montforts Frage erwiderte:

»Ihr habt mir gesagt, mein Lord, der Paß sei dem Sir Richard de Ashby entzogen, und er solle weder beim König noch beim Prinzen Zutritt haben.«

»Ich habe überdies gesagt, er müsse Hereford verlassen. Ist er nicht fort?«

»Jetzt vielleicht, mein Lord. Aber heute nacht noch traf ich ihn mehrere Male, in der Nähe des Kastells herumlungernd.«

»Wenn Ihr ihn wiedertrefft, verhaftet ihn auf der Stelle!« rief de Montfort hastig. »Der Mann ist sicher ein Verräter. Ich habe ihn zu seinem eignen Besten von hier weggeschickt. Wenn er zurückkommt, treffe ihn das Unheil!«

Er sprach sichtlich in großer Aufregung, in der man sonst den großen Grafen von Leicester, wie man ihn gewöhnlich nannte, nie sah. Ungestüm war er allerdings in seiner frühen Jugend gewesen, und Stolz und übertriebene Strenge waren Fehler auch seiner späteren Jahre geblieben. Aber solche Gereiztheit bei geringfügigen Anlässen war seinem Charakter etwas so Fremdes, daß der Kon-stabler der Wache, nachdem er sich entfernt hatte, brummte: »Es muß dem großen Grafen etwas völlig danebengegangen sein. Ich hab' ihn noch nie so gesehen!«

Simon de Montfort war aufgestanden, schritt im Zimmer auf und ab und dachte: Dieser erbärmliche Schuft wagt es, mir ungehorsam zu sein. Ich mißtraue diesen Ashbys; sie stehen alle nicht fest für die Sache des Rechts. Diese Besprechung mit Gloucester, unter dem Vorwand, von seinen Truppen angehalten worden zu sein, diente einer Schändlichkeit - das ist klar. Aber wir werden bald mehr hören; denn sie kommen schon, glaube ich.

Die in das Beratungszimmer führende Tür öffnend, schritt er langsam nach dem oberen Ende des Tisches, während der alte Graf von Monthermer ihm entgegentrat und Hugh einen Augenblick zögernd an der entgegengesetzten Seite des Zimmers stehenblieb, ein Billett lesend, das ihm eben eingehändigt worden zu sein schien.

»Öffentliche oder Privatsache?« fragte de Montfort, seinen jungen Freund mit einem Lächeln ansehend.

»Privatsache, mein Lord«, antwortete Hugh, »wenigstens ist es so bezeichnet. Obgleich ich einigen Zweifel in die Ehrlichkeit des Schreibers setze, will ich es doch als solche behandeln - wenigstens vorerst.«

Der Graf wollte noch etwas antworten, aber in diesem Augenblick hörte man den klirrenden Tritt Alured de Ashbys auf dem steinernen Korridor, und gleich darauf erschien er, seinem Vater folgend, im Beratungszimmer.

»Willkommen, mein Lord von Ashby«, sagte de Montfort, vortretend und des Grafen Hand ergreifend. »Ich bin recht erfreut, Euch hier zu sehen. Willkommen auch Ihr, Lord Alured. Ich fürchte, Ihr habt auf Eurem Weg hierher Gefahren durchgemacht und eine etwas rauhe Behandlung erlitten?«

»Gefahren, mein Lord«, antwortete Alured, »habe ich durchgemacht, aber über rauhe Behandlung habe ich mich nicht zu beklagen. Der edle Graf von Gloucester hat mich mit mehr Höflichkeit behandelt, als ich zu erwarten berechtigt war, und mich, wie Ihr seht, die Reise zu Eurer Lordschaft fortsetzen lassen.«

De Montfort bemühte sich vergebens, seine Stirn von finsteren Falten rein zu halten, und versetzte mit einem bitteren Lächeln: »Ohne Zweifel ist der Graf ein kluger Mann!«

Der alte Graf von Ashby begrüßte nun herzlich den Grafen Monthermer und seinen Neffen, und der Anblick ihrer gegenseitigen Höflichkeiten schien für Alured de Ashby nicht gerade angenehm zu sein.

»Nun, Sir«, sagte er, sich sogleich scharf gegen Hugh wendend. »Ihr ließt mich vor einiger Zeit wissen, daß die Ursache, warum meine Schwester von einigen im Forst lebenden Geächteten entführt wurde, meinem guten Vgter hier erklärt werden solle. Bitte, tut dies jetzt in diesem Kreise! Ich bin neugierig wie ein Weib!«

»Still, Alured!« rief sein Vater. »Du bist ein ungeduldiger, hitzköpfiger Knabe! Zuerst laßt mich Dank sagen unserem jungen Freunde für seine mannhafte, wohlangelegte Nachforschung nach unserer teuern Lucy und dafür, daß er sie uns so bald wieder zugeführt hat.«