»Ich wünsche Euer Gnaden einen vergnügten Ritt!« antwortete Thomas de Clare, Edward den Bügel haltend, als dieser aufstieg.
Am Tor des Kastells stand der Graf von Leicester selbst, bereit, dem Prinzen Edward, wie er vorbeiritt, seine Achtung zu bezeigen, und nach wenigen Worten kalter Höflichkeit setzte der Zug seinen Weg fort und ließ bald die Stadt Hereford hinter sich.
»Diese frische, freie Luft stärkt und erheitert mich«, sagte Edward, sich zu einem seiner Begleiter umwendend, nachdem sie etwa eine halbe Meile vor die Stadttore hinausgeritten waren.
»Das freut mich zu hören, mein Lord«, versetzte der angeredete Gentleman. »Ich hoffe, es wird Euch recht gut tun.«
»Wenn ich öfter Erlaubnis zu solchen Ritten bekäme«, fuhr Edward fort, »so würde ich sicher gesund werden. Seht, wie stolz Blundel auf sein Pferd ist! Und doch wollte ich einen silbernen Krug gegen eine Zinnkanne wetten, daß das Pferd Cantelupes oder auch Ingelbys das seinige auf eine Entfernung von einer halben Meile besiegen würde.«
Ingelby, der in der Nähe ritt, lächelte selbstgefällig, und der, zu dem Edward gesprochen hatte, rief aus: »Hört Ihr, was der Prinz sagt, Blundel? Cantelupes Pferd würde das Eurige auf einer halben Meile besiegen!«
»Cantelupe würde nicht einmal den Versuch wagen«, antwortete Blundel. »Sollte ich denken.«
»Doch, doch!« rief Cantelupe. »Dem Prinzen zu Gefallen will ich es gern versuchen. Laßt uns anfangen.«
»Nein, nein«, versetzte Edward. »Warten wir, bis wir auf den Rasen dort auf der Höhe kommen. Dort können wir das Wettrennen arrangieren, und ich will einen goldenen Trinkbecher als Preis aussetzen für das Pferd, das alle übrigen besiegt. Ihr sollt je zwei miteinander reiten, und die Gentlemen, die bei mir zurückbleiben, sollen die Richter bei jedem Lauf sein.«
»Einverstanden, einverstanden!« schrie die ganze Gesellschaft.
»Ich werde den Becher gewinnen!« sagte Blundel überzeugt.
»Ihr gewiß nicht!« brüllte Ingelby mit seiner lauten, heiseren Stimme. »Das Spiel ist jedoch für mich kaum gleich; denn ich bin viel schwerer.«
»Aber Ihr habt ein stärkeres Pferd«, versetzte Edward, während sie langsam die Anhöhe hinanritten. Oben angekommen, befanden sie sich auf einem schönen, trockenen Rasenplatz.
Sobald sie eine offene Bahn vor sich hatten, setzten Blundel und Cantelupe ihre Pferde in einen raschen Schritt und galoppierten drauflos; das Ziel war ein Baum, der in der Entfernung von etwa einer halben Meile einzeln dastand. Cantelupe war leichter als der andre und ritt gut, aber Blundels Pferd war entschieden vorzüglicher, und er war schon über den Baum hinaus, als Cantelupe noch zwei oder drei Pferdelängen zurück war. Der Prinz schien große Freude an der Übung zu haben und ermunterte Männer und Pferde mit Stimme und Hand. Noch zwei weitere Preisbewerber folgten, aber Blundel blieb stets sicherer Sieger. Immer weiter war die Gesellschaft auf dem wilden Rasenboden dahingeritten, da und dort einen Platz zu ihrer lustigen Kurzweil sich wählend.
»Jetzt, Ingelby«, sagte endlich der Prinz, »müßt Ihr es gegen Blundel versuchen. Wenn Ihr auch der Schwerere seid, so habt Ihr doch den Vorteil, daß sein Pferd schon etwas ermüdet ist. Wir wollen Euch auch eine ganze Meile zum Rennen geben, so daß Eures Tieres Stärke mehr in Betracht kommt. Dort, nach jenem Tor, mit der kleinen Dorfkirche dahinter. Wenn Ihr ihn besiegt, will ich den Becher mit Silberstücken füllen. Er ist so stolz auf sein Tier, daß es kaum mit anzusehen ist.«
Blundel klopfte mit selbstgefälligem Lächeln seinem Pferd den gebogenen Hals, und auf das Zeichen ließ er ihm die Zügel schießen. Dahin flogen die zwei besten Pferde der ganzen Gesellschaft und durchrannten die lange Bahn mit ziemlich gleicher Schnelligkeit; anfangs war Blundels Roß voraus, aber nachher gewann Ingelbys stärkeres Tier ihm nahezu den Vorsprung ab. Jedoch erreichte Blundel zuerst das Tor, und Ingelby forderte ihn heraus, sein Glück noch einmal auf dem Rückweg zu versuchen. Diesmal lag Ingelby klar vorn, bis etwa hundert Schritt von dem Prinzen entfernt sein Roß strauchelte und stürzte. Reiter und Roß waren zwar im Augenblick wieder auf den Beinen, aber das Tier war am Knie verletzt und hinkte, als es den Rest der Bahn zurücklegte.
»Ich weiß nicht, wem hier der Preis gehört«, sagte der Prinz, »denn wäre nicht dieser Zufall eingetreten...«
»Er ist mein, nach Recht und Billigkeit!« schrie Blundel.
»Ja, mein Lord, ich denke, er hat ihn gewonnen«, sagten mehrere Stimmen im Kreise.
»Ich habe ihn gewonnen!« wiederholte Blundel, fügte aber lachend hinzu: »Wenn nicht anders Seine Gnaden selbst auf seinem grauen Streitroß einen Wettlauf mit mir bestehen will.«
»Es müßte ein kurzer sein, Blundel«, versetzte Edward, so gelassen er nur konnte. »Aber ich habe nichts dagegen, auf eine Strecke von ein paar hundert Schritten Knochen und Feuer des Tieres zu probieren. Was sagt Ihr zu dem kleinen Baum dort?«
»Mir ist's recht«, antwortete Blundel.
»Drauf denn!« schrie der Prinz und ließ in demselben Augenblick die Zügel schießen, an denen sein Pferd seit der letzten halben Stunde ungeduldig gezerrt hatte. Er setzte dem Tier die Sporen in die Seiten, und wie ein Pfeil vom Bogen schoß das magere, knochige Tier dahin, eine gewaltige Strecke Bodens mit jedem Sprung überfliegend und Blundel und sein gepriesenes Pferd bald weit hinter sich lassend. Mit aller Macht sein Tier spornend, folgte der um den Sieg betrogene Ritter Edwards Fährte. Obgleich die Entfernung bis zu dem Baum gewiß nicht mehr als fünfhundert Schritt betrug, war doch der Prinz volle fünfzig voraus, als er ihn erreichte.
Da Blundel nun sah, daß er vergebens weitere Anstrengungen machen würde, mäßigte er die Schnelligkeit seines Pferdes, aber zu seinem Erstaunen galoppierte der Prinz immer weiter und gewann ihm mit jeder Sekunde einen größeren Vorsprung ab. Als Edward, etwa siebzig bis achtzig Schritt voraus, die ungeheure Schnelligkeit seines Rosses erkannte, kehrte er sich im Sattel um, schwenkte fröhlich seine Hand und rief mit lauter Stimme: »Die höflichsten Empfehlungen meinem Vetter de Montfort! Sagt ihm, er wird bald von mir hören!«
Die Gesellschaft, die langsam folgte, hatte mit angesehen, was vorgegangen war, aber noch nichts begriffen. Ihre Pferde in Galopp setzend, befanden sie sich bald auf der Stelle, wo Blundel sein Pferd angehalten hatte.
»Er ist fort!« schrie Blundel. »Bei St. Johannes, dem Evangelisten, er ist fort!«
»Was sollen wir tun?« rief ein anderer.
»Ihn auf alle Fälle verfolgen!« brüllte Ingelby, der mit seinem lahmenden Pferd erst jetzt herankam, heiser. Nun spornten sie ihre Rösser zur raschesten Eile. Aber es war zu spät. Der ärmlich aussehende Graue, den alle verachtet hatten, zeigte jetzt seine wirkliche Kraft. Jeder Augenblick schien seine Schnelligkeit zu steigern, mit jedem Sprung schien er weiter auszugreifen.
Eine gehörige Strecke weit hatte sich der Prinz nicht nach seinen Verfolgern umgesehen, überzeugt, daß sie weit zurückgebheben sein mußten. Endlich aber, nachdem er wieder eine kleine Anhöhe erreicht hatte, hielt er einen Augenblick sein Pferd an, um es verschnaufen zu lassen, und schaute zurück über den grasbedeckten Boden, den er jetzt bis an den Fluß sich ausdehnen sah. In einer Entfernung von etwa einer Meile erblickte er die acht ihm zur Bewachung mitgegebenen Edelleute. Aber sie folgten nicht mehr seiner Fährte, sondern nahmen ihren Weg in größter Eile nach Hereford zurück; denn sie hatten die Hoffnung aufgegeben, den Flüchtling einzuholen.