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»Wo ist mein Lord von Leicester?« fragte Ingelby, sobald sie in den Hof des Kastells einritten.

»Er hält geheime Beratung und ist nicht zu sprechen«, antwortete der Offizier, an den er sich gewandt hatte.

»Aber ich muß mit ihm sprechen«, versetzte Ingelby, sich aus dem Sattel schwingend. 

»Ihr könnt nicht«, entgegnete der Offizier finster. »Er ist in lebhafter, vertraulicher Beratung mit dem Grafen von Oxford und Lord Ralph Basset.« 

»Und wenn der Teufel bei ihm wäre, ich muß ihn sehen!« rief Ingelby. »Aus dem Wege, Freund, ich nehme die Verantwortung auf mich.« Damit drängte er sich an dem Offizier vorbei und pochte laut an die Tür des Beratungszimmers. Ein Page öffnete, und direkt auf de Montfort zuschreitend, der oben am Tisch saß, flüsterte Ingelby:

»Der Prinz ist entflohen, mein Lord!«

De Montfort wandte sich zornig gegen ihn, schlug mit der geballten Faust auf den Tisch und rief: »Entflohen?«

»Ja, mein Lord, entflohen!« antwortete Ingelby. »Und doch konnte keiner von uns ihn einholen.« Er berichtete nun hastig, wie Edward es angefangen hatte, ihnen zu entkommen.

De Montfort gab kein weiteres Zeichen der Aufregung von sich; nur einen Augenblick war seine gewohnte Kaltblütigkeit überwältigt worden. Nachdem er Ingelbys Bericht angehört hatte, wandte er sich zu dem an der Tür stehenden Pagen: »Sage dem Offizier der Wache, er soll den Thomas de Clare aufsuchen, und wenn er ihn findet, soll er ihn wegen Hochverrats verhaften. Auch muß augenblicklich jemand die Lords von Ashby hierherrufen, wegen wichtiger Staatsangelegenheiten. Schnell, Knabe, fort! - Mein Lord von Oxford, ich muß Euch bitten, sofort nach Pevensey zu reiten, wie wir beschlossen hatten. Aber statt meinem Sohne beizustehen, heißt ihn die Belagerung aufheben und sich sofort mit mir vereinigen, mit aller Mannschaft, die er nur immer aufbringen kann. Er soll den Weg über Winchester und Oxford einschlagen. Wir werden bald genug zu tun bekommen und müssen wach und rüstig sein. Was wollten wir doch eben sagen, Sir Adam de Newfort? - Richtig, wie man die Truppen von ehester herbeiziehen kann.« Damit ging er wieder auf den Gegenstand ein, den sie zuvor besprochen hatten, und es schien, als betrachte er die Flucht des Prinzen als eine Sache von keinem Belang.

Nach etwa einer halben Stunde kehrte der Page zurück, den er mit dem Befehl zur Verhaftung des Thomas de Clare abgeschickt hatte.

»Mein Lord«, sagte der Page, »sie sind nicht zu finden.«

»Sie?« rief der Graf.

»Lord Thomas hat mit allen seinen Dienern das Kastell vor einer Stunde verlassen«, versetzte der Page.

»Das hab' ich mir gedacht!« sagte de Montfort. »Ich hätte sollen klüger sein und keinem von der Brut der Gloucester mein Vertrauen schenken.« 

»Aber die Ashbys, Knabe, sprich von den Ashbys!« schrie der Lord Ralph Basset. »Ich will niemals mehr den Propheten machen, wenn sie nicht auch ein falsches Spiel mit uns spielen!«

»Sie sind eine halbe Stunde, nachdem sie das Kastell verlassen, weggeritten auf der Straße nach Worcester, geben die Leute in ihrer Herberge an«, versetzte der Knabe. »Binnen einer Stunde folgten ihnen alle ihre Leute, und ihr Vogt bezahlte die Zeche.«

»Laßt sie ziehen!« rief de Montfort. »Ein widerstrebender Arm läßt sich immer leicht missen bei einer guten Sache. Zudem löscht der größere Verlust den kleineren aus. Ein Edward ist einen ganzen Laden von Ashbys wert!« Nach dieser verächtlichen Bemerkung wandte er sich wieder ihrem Beratungsgegenstand zu.

XVIII

HUGH DE MONTHERMER, der kurz vor des Prinzen Ausritt das Kastell von Hereford verlassen hatte, nahm dieselbe Straße wie Edward und ritt ungefähr drei Meilen weit sehr schnell. Dann lenkte er sein Pferd auf einen Pfad, der beinahe in derselben Richtung lief, die später der Prinz einschlug. Auch hier ritt er so rasch, daß es seinen fünf Dienern schwerfiel, ihm zu folgen.

Plötzlich jedoch hinkte sein Pferd, und er mußte absteigen, um zu sehen, was ihm fehle. Ein Nagel war dem Tier in das Fleisch über dem Huf eingedrungen, und obgleich er mit leichter Mühe herausgezogen wurde, war es doch unmöglich, das Pferd weiter zu reiten.

»Gebt mir Euer Pferd, Peterkin«, sagte er, sich an den ihm nächstfolgenden Diener wendend, »und führt das meinige langsam nach Hereford zurück.«

Während der Diener die Sättel tauschte, zeigte sich auf der Straße ein Landmann, der einige Schweine vor sich hertrieb. Sofort ging Hugh auf ihn zu und fragte: »Ist dies der Weg zur Monington-Kapelle?«

»Nein«, antwortete der Mann. »Ihr müßt zurück. Ihr hättet die erste Wendung des Weges links einschlagen sollen.«

»Welche Stunde ist es?« fragte Hugh.

»Gerade Mittag«, antwortete der Mann. »Seht Ihr die Sonne nicht?«

»Dann ist es noch Zeit«, sagte Hugh de Monthermer, und seines Dieners Pferd besteigend, ritt er zurück.

Als er sich jedoch dem Weg näherte, den er hätte einschlagen müssen, hörte er ein lautes Kreischen, das ihn veranlaßte, zum Himmel hinaufzuschauen, da er glaubte, ein Adler schwebe über seinem Kopf. Doch nichts dergleichen war zu sehen. Einen Augenblick darauf wiederholte sich das Geschrei, während gleichzeitig einer der Diener ausrief: »Es ist der Knabe, mein Lord, es ist Tangel! Seht, wie er daherkommt in vollem Jagen, wie ein Affe auf einem Renner!«

Hugh de Monthermer blickte die Straße nach Hereford hinunter, auf der der Junge heranritt, nicht auf seinem Waldklepper sitzend, sondern auf dem Rücken eines großen Streitrosses, wo man seinen Kopf zwischen den Ohren des Tieres erkennen konnte. Seine langen ausgestreckten Arme hielten den Zügel etwas kurz, und seine Beine baumelten herunter.

Der Knabe hielt erst hart vor Hugh de Monthermer, schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und sagte: »Ja, Ihr wolltet Tangel nicht hören, Waffenmann. Niemand leiht Tangel ein Ohr, und warum? Weil er nicht eine Haut hat wie ein saugendes Ferkel und nicht ein Gesicht, wie es Knaben aus einer Rübe schneiden. Wenn Euch irgendeiner von den flaschennasigen Biertrinkern gebeten hätte, zu bleiben und ihn anzuhören, würdet ihr wohl die Stunde gewartet haben.«

»Gewiß nicht«, versetzte Hugh de Monthermer belustigt. »Auch jetzt kann ich nicht warten, guter Tangel. So kommt denn mit und beeilt Euch, Eure Geschichte unterwegs vorzutragen. Was habt Ihr mir zu erzählen?«

»Ja, beeilt Euch!« schrie Tangel, sein Pferd wendend und neben dem jungen Lord reitend. »Immer eilig zur Zerstörung und langsam zum Guten! Jetzt reitet Ihr da hinaus, ohne zu wissen, wohin Ihr kommt oder wer es ist, der nach Euch geschickt hat.«

»Nun, Tangel, wenn Ihr klüger seid«, sagte Hugh mit einem Lächeln, »tut mir doch kund, wohin ich komme und wer es ist, der nach mir geschickt hat.« 

»Ihr geht einem Gefängnis entgegen!« schrie Tangel. »Und der nach Euch geschickt hat, ist ein Verräter.«

»Ist das Euer Ernst?« fragte Hugh, sich überrascht dem Knaben zuwendend.

»Nein, nie war mir lustiger zumute in meinem Leben«, antwortete Tangel und grinste, daß man seine schönen weißen Zähne fast bis an die Ohren sah. »Ist es nicht genug, meine Lustigkeit rege zu machen, wenn ich einen Mann, der sich selbst weise nennt, seinen Kopf wie eine Schnepfe in eine Schlinge stecken sehe? Nun will ich Euch katechisieren, wie der Priester eines Tages mit mir tat, als er betrunken war. Habt Ihr nicht heute einen Brief erhalten?«

»Ja, so ist es«, antwortete Hugh.

»Wer hat Euch diesen Brief gegeben?« fragte Tangel.

»Einer der Diener des Grafen von Leicester«, antwortete Hugh.

»Ha!« sagte der Knabe. »Sie sind schlauer als ich gedacht hatte.«

»Überdies«, fügte der junge Edelmann bei, »fragte ich den Diener, von wem er ihn empfangen, und er sagte mir, von einem der Diener des Grafen von Ashby.«