»Und von wem erhielt ihn der Diener des Grafen von Ashby?« fragte der Zwerg. »Ich will es Euch sagen; denn Ihr selbst wißt nichts davon. Er erhielt ihn von dem galanten, holdseligen, ehrlichen, zierlichen Richard de Ashby, ehe der von Hereford davonrannte gestern abend. Ich habe ihn belauscht, als er glaubte, es sei kein Ohr in der Nähe; denn ich habe ihn überall in der Stadt beobachtet, sobald ich erfuhr, daß er in Hereford sei, und bin ihm nachgeschlichen wie ein Schatten. Er gab mir einmal einen Streich in Nottingham und nannte mich Affe und Teufel; aber der Affe war ihm auf den Fersen gestern abend, als er und sein sauberer Vetter Alured den Anschlag schmiedeten, zu Gloucester überzugehen. So hörte ich ihn sagen, er wolle Euch in einem Netz haben, ehe vierundzwanzig Stunden vorüber seien.«
»Er hätte sich getäuscht finden können, Tangel«, versetzte Hugh. »Obgleich ich der Lady Lucy Handschrift nicht oft gesehen, argwohnte ich doch, es sei nicht die ihrige, und obgleich der Brief mich aufforderte, allein zu kommen, nahm ich doch fünf tüchtige Begleiter mit mir, mit dem Vorsatz, sie auf Gehörweite zurückzulassen. Ich denke, wir sechs dürften Manns genug sein für jede Streitmacht, mit der sie in einem Umkreis von sieben Meilen um Hereford sich herbeiwagen dürfen.«
Der Zwerg lachte laut, schwieg und lachte dann wieder; aber in seiner eigensinnigen Weise wollte er den Grund seiner Lustigkeit nicht angeben, was auch Hugh sagen mochte.
»Mächtig schlau!« rief er schließlich. »Wenn Ihr Glück habt, könnt Ihr den Vogelsteller in seiner eignen Falle fangen. Aber wenn Ihr klug seid, reitet Ihr nach Hereford zurück und nehmt einen Imbiß im ,Maienbaum' ein.«
Hugh besann sich einen Augenblick und winkte dann seinen Begleitern, heranzukommen. »Das will ich nicht. Ich gäbe eine Mütze voll Goldstücke darum, wenn ich diesen Verräter mit nach Haus bringen und seine Ohren an die Tore des Kastells nageln könnte. Wir müssen aber unseren Plan mit großer Umsicht anlegen. Der mir bezeichnete Ort ist die Monington-Kapelle, und gewiß muß ein Platz in der Nähe sein, wo ich meine Männer verstecken kann.«
»Ja, mein Lord«, sagte einer seiner Begleiter, »gerade auf dieser Seite davon ist der kleine Bilberry-Wald, und auf der andern Seite ist der große Monington-Wald. Wir können in beiden ein Versteck für tausend Lanzen finden, wenn es nötig wäre.«
»Ich erinnere mich des Platzes nicht mehr, obgleich ich ihn früher oft gesehen habe«, versetzte Hugh. Dann ritt er weiter, bis die Hochstraße in ein kleines Gehölz führte, das von zahlreichen Pfaden durchschnitten wurde.
Die Tiefe des Waldes mochte etwa hundertfünfzig Schritt betragen, und als der junge Edelmann mit seinem Gefolge wieder auf der anderen Seite herauskam, erblickte er in einer geringen Entfernung vor sich eine kleine Kapelle, die gewiß nicht mehr als dreißig Personen fassen konnte.
Hugh de Monthermers Anordnungen waren bald getroffen. Seine Leute stellte er im Walde versteckt auf und ritt dann allein zur Kapelle hin, deren Tür offenstand. Ehe er jedoch eintrat, blieb er stehen und warf einen Blick auf die Landschaft jenseits des kleinen Gebäudes, wo sich dem Auge zuerst ein offener grüner Platz darbot und weiterhin, etwa eine Drittelmeile entfernt, ein dichter, düsterer Wald, der sich zu beiden Seiten in ansehnlicher Ausdehnung hinzog. Das Terrain ringsumher war völlig frei, und das Gehölz, in dem er seine Leute zurückgelassen hatte, so in der Nähe, daß es unmöglich war, das Nahen einer größeren Streitmacht nicht rechtzeitig zu bemerken.
Hugh band sein Pferd an einen Haken in dem Steinwerk, der eigens zu diesem Gebrauche bestimmt schien, und trat in die Kapelle, die er leer fand.
Vor dem Altar beugte er flüchtig das Knie und trat dann zu einem Fenster, das auf den größern Wald im Rücken der Kapelle hinausging. Der Himmel bewölkte sich jetzt sehr schnell, und obwohl die Sonne hoch am Himmel stand, war sie doch durch die gedrängte Masse von Dunstschleiern, die sich von Südwest heranwälzten, stark getrübt. Bald bedeckten die weißen Ränder von Gewitterwolken die Sonnenscheibe und führten eine erstickende Hitze herbei.
Immer noch hielt Hugh de Monthermer seinen Blick auf den Wald geheftet, und nachdem er mehrere Minuten Wache gehalten, glaubte er durch die Baumstämme hindurch eine menschliche Gestalt unterscheiden zu können. Sie verschwand wieder, und einige Augenblicke war nichts mehr zu sehen, so daß Hugh schon anfing zu glauben, er habe sich getäuscht. Doch nach einer kleinen Weile trat schließlich ein Mann zu Fuß aus dem Wald hervor, sich sorgsam umschauend. Zufrieden mit dem Ergebnis seiner Beobachtung, zog er sich nach drei bis vier Minuten wieder in den Schatten der Bäume zurück.
Es war unverkennbar, daß er auf jemand wartete, und Hugh vermutete nicht ohne Grund, daß er selbst der Erwartete sei. Der junge Ritter sann eine Weile nach, wie er handeln solle - einen Augenblick dachte er daran, sich zu zeigen, um die Sache zu einem baldigen Ausgang zu bringen, dann aber meinte er, es werde besser sein, wenn er in der Kapelle bleibe, bis die verabredete Stunde gekommen.
Während er noch überlegte, zuckte ein greller Blitz aus den Wolken hervor, große Regentropfen fielen, und dann kam wieder und wieder ein Blitzstrahl, die Schleusen des Himmels öffneten sich, und nieder stürzte der Strom, Hagel mit Regen gemischt, in jeder Vertiefung der Straße einen schäumenden gelben Pfuhl bildend.
Die armen Burschen dort werden fast ersäuft werden, dachte Hugh de Monthermer. Ich habe gute Lust, sie in die Kapelle hereinzurufen, obgleich mir das meine Absicht zunichte machen könnte. Aber doch, wenn ich gewiß wäre, diesen Schurken zu fangen und ihn nach Hereford zu bringen, und hätte er auch das Doppelte von meiner Streitmacht, ich wollte selbst ein dutzendmal durch den Wyn schwimmen. - Horch! Das war doch gewiß das Stampfen von Pferdehufen!
Ein neuer Donnerschlag übertäubte alle anderen Laute, aber als er vorüber war, unterschied das Ohr Hugh de Monthermers ganz deutlich den Ton von schnell dahereilenden Rossehufen. »Es ist nur einer«, sagte er zu sich. Dann lockerte er sein Schwert in der Scheide und hielt sich in einer Ecke des Gebäudes versteckt, um nicht durch die halbgeöffnete Tür erblickt zu werden.
Im nächsten Augenblick hielt das Pferd vor der Kapelle, und man hörte den Reiter auf den Boden springen. Wenige Sekunden später kamen die Schritte des Fremden die Treppe herauf.
Hugh de Monthermer trat vor, um sich ihm entgegenzustellen, sprang aber augenblicklich wieder zurück und rief voller Erstaunen: »Prinz Edward!«
»Hugh de Monthermer!« rief Edward. »Das ist ein seltsames Zusammentreffen, alter Freund!«
»Das ist es, mein Lord«, versetzte Hugh. »Es kommt mir nicht zu, Euch zu fragen, wie Ihr hierhergekommen seid, aber ich will gestehen, daß es mich freut, Euch in Freiheit zu sehen, obgleich ich nicht zweifle, viele Männer würden sagen, wenn sie von unsrem Zusammentreffen wüßten, ich sollte Euch verhaften und nach Hereford zurückführen.«
»Das müßte ein kühner Mann sein«, antwortete der Prinz, seine stattliche Gestalt zu ihrer vollen Größe aufrichtend, »der es versuchte, Edward von England aufhalten zu wollen!«
»Nun, mein Lord«, versetzte Hugh de Monthermer, »ich habe nicht einmal diese Entschuldigung denen gegenüber, die mich etwa tadeln möchten. Ein Ruf von dieser Tür aus würde das Spiel für Euch sehr ungünstig gestalten; denn ich stehe hier auf der Lauer, um den Erzverräter Richard de Ashby in seinem eigenen Netz zu fangen, und habe Bewaffnete in dem kleinen Wald zurückgelassen, durch den Ihr soeben gekommen seid. Aber noch einmal sage ich: Mich freut es, Euch in Freiheit zu sehen!«
»Dann danke ich Euch, Hugh«, erwiderte der Prinz. »Obwohl ich nicht so schutzlos bin, wie ich erscheine.«
Der junge Edelmann ergriff die Hand, die ihm Edward hinstreckte, und sagte: »Ich würde Euch auch nicht verraten, mein Lord, wenn Ihr allein hier wäret und ich an der Spitze von Hunderten stände. Aber ehe wir uns trennen, muß ich Euch um eine Gunst bitten.«