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Sein Unternehmen ging glücklich vonstatten. Nach der Landung trieb er eine Schar von Feinden zurück und versicherte sich eines Platzes zur ungefährdeten Ausschiffung der übrigen Truppen. Da erreichte ihn ein Bote mit dem völlig unverständlichen Befehl, unverzüglich umzukehren.

Hugh gehorchte sogleich, und als er im Hauptquartier de Montforts eintraf, fand er seinen Oheim und Lord Ralph Basset in Beratung mit dem Grafen von Leicester. Der junge Edelmann wollte die Beweggründe für sein wagemutiges Unternehmen auseinandersetzen, doch de Montfort unterbrach ihn freundlich und sagte: »Ihr tatet ganz recht, mein junger Freund. Aber Ihr müßt wissen, daß ich keinen übereilten Zug wagen darf, wenn wir den Untergang vermeiden wollen. Prinz Edward und ich sind wie zwei Schachspieler, und es ist deshalb notwendig, daß er mein Spiel bis zum letzten Augenblick nicht versteht.«

Unmittelbar darauf wandte sich de Montfort mit seiner Streitmacht nach dem südlichen Wales, besetzte einen Distrikt, der den Anhängern Gloucesters gehörte, und schloß einen Vertrag mit einigen Fürsten von Wales, wodurch er sich den Beistand einer ansehnlichen Masse ihrer leichtbewaffneten Truppen verschaffte. Während er seinen Soldaten nun einige Tage Ruhe gönnte, kamen und gingen unaufhörlich Boten. Der Graf war ständig beschäftigt, entweder mit Schreiben oder mit der Einübung der Truppen. Nachts, wenn das ganze Heer, mit Ausnahme der Schildwachen, in tiefem Schlaf lag, sah man in seinem Zelt noch bis zwei oder drei Uhr morgens Licht brennen.

Während des größten Teils dieser Tage und wohl auch während der wachend zugebrachten Nächte blieben der alte Graf von Mon-thermer ünd der Lord Le Despenser bei de Montfort, manchmal mit ihm sich beratend, manchmal in demselben Zelt schreibend, manchmal in den rohen Landkarten jener Zeit studierend, Entfernungen messend und Linien ziehend. Aber keiner von ihnen äußerte je ein Wort, selbst nicht gegen seine nächsten Verwandten, über die Pläne und Absichten des Feldherrn.

Endlich, eines Nachts gegen elf Uhr, erhielt Hugh de Monthermer eine Einladung von de Montforts eigner Hand. Die letzten Worte waren: »Bringt Euern zwergenhaften Pagen mit.«

Tangel wurde deshalb aus seinem Schlaf in einem Winkel des Zeltes geweckt und folgte Hugh in das Hauptquartier des Grafen, der in Gesellschaft von einigen Edelleuten im äußeren Zelt saß. Die Zeltleinwand war auf beiden Seiten hochgezogen, um frische Luft einzulassen, so gut das in der schwülen Sommernacht möglich war. Am Ende des Tisches, um den die Versammelten herumsaßen, stand ein Mann in der Tracht eines Waidmannes von Yorkshire, bestaubt von der Reise.

»Hier ist ein Brief für Euch, mein Lord Hugh«, sagte de Montfort, kaum daß Hugh eingetreten war, und händigte ihm ein kleines Päckchen ein, das mit gelbem Wachs gesiegelt war.

Hugh nahm den Brief, aber ehe er das Siegel erbrach oder die Seide durchschnitt, trat er an den Tisch und betrachtete genau die Umhüllung beim Licht einer Lampe. 

»Es scheint Euch etwas als ungewöhnlich aufzufallen«, sagte de Montfort. »Was ist es?«

»Ich will es Eurer Lordschaft sogleich sagen«, antwortete Hugh, die Seide nun mit seinem Dolch durchschneidend. Aufmerksam las er den Inhalt des Briefes.

»Das ist soweit schon eine gute Neuigkeit«, sagte er endlich leise. »Ich erfahre, daß mein alter Freund Ralph Harland unterwegs ist, um sich mit uns zu vereinigen, nebst einem gewissen, uns sehr vertrauten Freunde aus dem Walde. Etwa siebenhundert kühne Yeomen und Waidmänner von York und Nottingham werden folgen. Sie sollen schon ziemlich nahe sein. - Aber ich kann nicht umhin zu glauben, mein guter Lord«, fuhr er mit erhobener Stimme fort, »daß dieser Brief, ehe er in meine Hände gekommen, schon geöffnet und gelesen worden ist.«

Bei diesen Worten heftete der junge Ritter sein Auge auf den Boten, der zwar zuvor schon etwas blaß gewesen, aber noch bleicher wurde, als er diese Worte hörte.

»Ich will schwören auf das geheiligte Holz«, rief er, »daß ich das Paket nie geöffnet, sondern es unversehrt hierhergebracht habe, wie man mir den Auftrag gegeben!«

»Wer trug Euch auf, es zu überbringen?« fragte de Montfort, ihn scharf ansehend. 

Der Mann zögerte einen Augenblick, dann antwortete er: »Robin von Barnesdale.« 

»Was bringt Euch auf die Vermutung, daß der Brief geöffnet worden sei, Hugh?« fragte der Graf von Monthermer.

»Nun, Oheim«, antwortete der junge Edelmann, »dies Wachs ist gelb, aber daneben ist ein Fleckchen grün, so daß ich annehmen muß, das Päckchen sei zuerst mit grünem Wachs gesiegelt gewesen.«

»Kann unser Freund Robin schreiben?« erkundigte sich de Montfort.

»Ja!« rief mit gellender Stimme Tangel, der hinter Hugh de Monthermer stand. »So gut wie der Kiel von einem welschen Hahn in der Hand eines Oxforder Gelehrten!«

»Wir werden bald mehr erfahren, mein Lord«, sagte Hugh de Monthermer. »Aber dieser Brief ist nicht von der Hand Robins, sondern von Ralph Harland, dem Freisassen.«

»Aber dieser«, versetzte der Graf, seine Hand auf einen anderen Brief legend, »soll von dem kühnen Waidmann sein, und der bittet mich darin, Euch mit einigen Gewaffneten zu seiner Verstärkung entgegenzuschicken, da Gloucester ihn und seine Männer bedrohe und sie sich deshalb scheuen, weiter vorzurücken.«

»Das beweist sofort, daß es eine Fälschung ist«, sagte Hugh mit leiser Stimme zu Leicester. »Robin sucht nie Hilfe bei irgendeinem Edelmann. Hier liegt eine Verräterei zugrunde, mein Lord. Aber wir haben Mittel an der Hand, diesen Burschen zu überführen. -Jetzt, Freund«, fuhr er fort, sich an den Waidmann wendend, »sagt mir ehrlich, wer Euch geschickt hat, und nehmt Euch wohl in acht! Wenn Ihr mich belügt, so kann es Euch das Leben kosten!«

»Ich habe es Euch schon gesagt«, antwortete der Mann trotzig.

»Gut denn, tretet vor, mein kleiner Zauberer!« rief Hugh, seine Hand auf Tangeis Haupt legend. »Wir hören von morgenländischen Hellsehern, mein Lord, durch die Wahrheit und Lüge entdeckt werden. Dieser Knabe ist solch ein Hellseher, der uns bald sagen wird, wieviel an des Burschen Angabe wahr ist. Jetzt, Tangel, betrachte ihn recht und sag uns, ob er von Robin kommt!«

»Nein«, antwortete der Zwerg, sehr zufrieden über die Wichtigkeit der ihm zugewiesenen Funktion und ganz eingehend auf den Scherz seines Gebieters. »Ich höre, wie Robin ihn verleugnet und erklärt, daß er ihn noch nie gesehen hat!« dann zupfte er den jungen Edelmann am Ärmel und flüsterte ihm zu: »Weiter! Fragt mich noch mehr!«

»Und jetzt, Tangel«, fuhr Hugh fort, »kannst du mir sagen, wessen Mann er ist?« 

»Recht gut!« versetzte der Zwerg, sein scharfes Auge auf das blasse Gesicht des Boten heftend. Nach einer Kunstpause fuhr er langsam fort: »Er ist der Mann Prinz Edwards.« 

Ein leichtes Lächeln schwebte einen Augenblick um das Gesicht des Mannes, aber Tangel fuhr in seiner betont langsamen Sprechweise fort: »Er ist der Mann Prinz Edwards durch den Grafen von Gloucester und des Grafen von Gloucester durch Richard de Ashby. Hahaha! Ich höre sie lachen bei dem Gedanken, wie sie de Montfort täuschen und den Lord Hugh in eine Falle locken. - Und er hört sie auch! Seht nur sein Gesicht - seht sein Gesicht!« 

Wirklich war dies Gesicht jetzt völlig blutleer. 

»Führt ihn fort!« befahl de Montfort. »Führt ihn fort und hängt ihn an den nächsten Baum.« 

»Ich will gestehen!« schrie der Mann, auf seine Knie niederfallend. »Schont mein Leben, und ich will gestehen!«