Ein von Edward erneut befohlener Rückzug vom Schlachtfeld brachte jetzt die Schlacht wieder zum Stillstand. Nur die Bogenschützen fuhren auf beiden Seiten fort, ihre Pfeile abzuschießen, doch mit geringer Wirkung. Plötzlich zuckte ein blasser Blitz blau und geisterhaft am Himmel hin, und dann folgte das ferne Grollen des Donners.
»Ha!« sagte Robin Hood, der in diesem Augenblick neben Hugh de Monthermer stand. »Auf diese Trompete wird man heute nur wenig achten.«
»Das denke ich auch!« antwortete Hugh. »Habt Ihr viele Leute verloren, Robin?«
»Wohl gegen vierzig, fürchte ich«, antwortete Robin Hood. »Der arme Brown war zu hitzig und wagte sich mit seiner kleinen Schar von Mansfielder Männern über die Pfähle hinaus. Es ist keiner zurückgekehrt ...«
»Könnt Ihr Euern Posten noch behaupten?« fragte Hugh.
»Wir wollen uns schon halten«, sagte Robin mit Nachdruck. »Aber ich fürchte für das Zentrum und den rechten Flügel. Schaut dorthin, in der zweiten Linie, wo so viele sich auf einem Fleck zusammendrängen! - Ein bedeutender Mann muß dort verletzt sein!«
»Mein Oheim war vor einem Augenblick dort!« rief Hugh erschrocken. »Ich fürchte, er ist es!«
»Nein, nein, mein Lord!« versetzte ein alter Ritter vom Hause der Monthermer, der ganz nahe dabei zu Pferde hielt. »Euer Oheim ist unverletzt. Ich habe ihn nach dem letzten Angriff gesehen, aber er scheint allerdings entschlossen, sein Leben zu opfern.«
»Ich bitte Euch, Sir John Hardy«, sagte Hugh. »Wenn wir die Schlacht verlieren, so seht nach meinem Oheim und führt ihn mit Gewalt zurück, falls es nötig sein sollte.«
»So bleibt Ihr also auf dem Schlachtfeld, mein Lord?« fragte der alte Ritter.
»Ja«, antwortete Hugh.
»Nun, dann bleibe ich auch«, erwiderte Sir John Hardy.
»Nein, das ist Torheit!« schrie Robin Hood. »Fechte jeder Mann so lange, wie das Fechten Sinn hat. Aber wenn der Tag offenbar verloren ist, rettet der mutige Mann, der gern sein Blut vergossen hätte, ihn zu gewinnen, das Leben, um zu einer anderen Zeit seiner Sache zu dienen! - Aber seht! Alle Anführer drängen sich dort zusammen! Ihr tätet gut, Lord Hugh, hinzureiten und uns Nachricht zu bringen. Wir wollen den Platz bis zu Eurer Rückkehr schon behaupten.«
»So übernehmt den Befehl über die Truppen, bis ich zurück komme, Robin«, sagte Hugh. Dann ritt er unter einem Hagel feindlicher Pfeile die Front der Schlachtreihe hinab und näherte sich der Stelle, wo eine Gruppe von Edelleuten ersten Ranges versammelt war, um, wie es schien, bei der dort aufgerichteten königlichen Standarte Rat zu halten.
Als Hugh jedoch näher kam, sah er, daß es eine traurigere Veranlassung war. Sein Oheim, die Lords Mandeville, Basset, Crespigny, Beauchamp und Le Despenser waren abgesessen und standen um den berühmten Grafen von Leicester herum, der ausgestreckt auf dem Boden lag, Haupt und Schultern unterstützt von dem Knie und dem Arm eines Mönches. Tief in seiner Brust, durch den Stahlharnisch gedrungen, steckte die Spitze einer abgebrochenen Lanze. Er hatte soeben seine letzte Beichte geendigt, und der Mönch murmelte über ihm in Eile die hastige Absolution des Schlachtfeldes. De Montforts Gesicht war blaß, die Lippen waren farblos, und der Mund stand weit offen, als koste ihn das Atemholen schmerzhafte Anstrengung. Aber die Augen waren noch glänzend und klar, und sein Blick flog ernst über die Gesichter aller Anwesenden hin und haftete lange auf denjenigen, die ihm die vertrautesten Freunde waren.
»Zieht die Lanze heraus«, sagte er stöhnend zu seinem neben ihm stehenden Wundarzt.
»Wenn ich es tue, mein Lord«, versetzte der Arzt, »so könnt Ihr nicht über zehn Minuten leben.«
»Das ist lange genug«, sagte de Montfort. »Mein Sohn Heinrich ist tot. Ich habe ihn fallen sehen und möchte nicht lange hinter ihm zurückbleiben. Zieht sie heraus, sage ich; denn ich kann nicht atmen und muß doch notwendig mit meinen Freunden sprechen. Le Despenser, macht, daß er sie herauszieht. Ich werde noch Zeit genug haben für alles, was mir zu tun übrig ist.«
Widerstrebend und nicht ohne Anstrengung zog der Wundarzt die Lanzenspitze aus der Wunde.
Der Verwundete schien augenblicklich eine Erleichterving zu fühlen und sagte, nachdem er versucht hatte durchzuatmen, mit fester Stimme: »Merkt meine Worte und vergeßt nicht, daß Montfort in seiner letzten Stunde erklärt, daß diejenigen ihn verleumden, die ihn des Ehrgeizes anklagen. Ich sage jetzt, wie ich es immer gesagt habe, daß jede meiner Handlungen und jeder meiner Gedanken auf das Wohl meines Landes gerichtet gewesen. Ich kann mich geirrt haben - ich habe ohne Zweifel oft geirrt -, aber meine Absichten sind gut gewesen. Unsere Sache kann ich jetzt nicht mehr verfechten, aber ihr, meine Freunde, erhaltet euch für diese Aufgabe; ich bitte, ich beschwöre euch! Basset, Monthermer, Le Despenser! Diese Schlacht ist verloren. Aber ihr könnt noch, da die Nacht anbricht, euern Rückzug ungefährdet bewerkstelligen. Es ist keine Unehre, von einem tapfer behaupteten, aber allzu ungleichen Feld zu weichen. Zeigt dem Feind eine feste Stirn, sammelt alle eure armen Soldaten und zieht euch so geordnet wie möglich zurück, bis die Nacht euch deckt. Dann zerstreut euch, und jeder Mann eile zu seiner Feste. - Monthermer, Ihr schüttelt den Kopf?«
»Ich habe geschworen, de Montfort«, sagte sein alter Freund, niederkniend und seine Hand fassend, »dies Schlachtfeld nicht zu verlassen, solange noch am Himmel Licht genug ist, um ein Schwert zu zücken, und ich muß mein Gelübde halten.«
»Ihr tretet, mein edler Freund de Montfort«, sagte nun auch Lord Ralph Basset, »eine Reise an, auf der Ihr Begleiter haben müßt. Ich gehe mit Euch, Leicester, und das recht bald.«
»Lebt wohl, de Montfort«, sagte Lord Le Despenser. »Auch ich werde Euch bald folgen.«
Ein schwaches Lächeln schwebte um die Lippen des Sterbenden.
»Muß es so sein?« fragte er. »Nun denn, so ordnet eure Leute und macht den Abtrünnigen, die ihr Vaterland verraten haben, den Tag so heiß und schwer, daß man von der Schlacht von Evesham reden soll, solange die Freiheit den Engländern teuer ist. - Horch, sie rücken an!« fuhr er mit schwacher Stimme fort.
»Nein, mein Lord, das ist der Donner«, sagte der Wundarzt.
»Donner?« murmelte de Montfort halb bewußtlos. »Ich bin sehr durstig!« - Einer lief hin und brachte ihm etwas Wasser vom Bach. Es schien ihn zu erquicken, und sich einen Augenblick auf seinen Arm stützend, sah er sich im Kreis um und rief laut: »Tut eure Pflicht!« Dann sank er tot um.
Ein Dutzend Stimmen antworteten: »Das wollen wir!«, und jeder sprang auf sein Pferd und eilte wieder an die Spitze seiner Truppen. Gerade als Edwards Heer sich in Bewegung setzte, um erneut vorzurücken, ward die ganze Schlachtreihe der Konföderierten entlang der Befehl zum Vormarsch gegeben. Die Trompeter bliesen zum Angriff, und das Heer, das bis zu dieser Stunde seine feste Verteidigungsstellung behauptet hatte, stürmte vorwärts, dem Feind entgegen.
Beide Heere prallten wild gegeneinander, und furchtbar war der Kampf, als sie bald, sich über die ganze Ebene hin in Gruppen auflösend, handgemein wurden. In einer dieser Gruppen befanden sich der junge Lord Monthermer und Robin mit einem kleinen Haufen Bogenschützen.
»Mein Lord, mein Lord!« rief Sir John Hardy, heranreitend. »Euer Oheim ist verwundet!«
»Tragt ihn vom Schlachtfeld, Sir John«, erwiderte Hugh. »Robin, ich bitte Euch, seht nach ihm. Tragt ihn vom Schlachtfeld!«
»Holla, Monthermer!« schrie eine laute Stimme aus einem Haufen von feindlichen Berittenen heraus, die herbeijagten. »Nieder mit Eurer Lanze! Ergebt Euch dem Prinzen!«