»Wenn der Prinz mich fangen kann!« antwortete Hugh, mit der Lanze auf Edwards Schild zielend und die Sporen seinem Roß tief in die Seiten stoßend.
»Zurück!« schrie Edward seinen Leuten zu. »Zurück, alle, bei Eurem Leben!« Dann rannte er in vollem Jagen dem jungen Lord entgegen, und ihre Lanzen splitterten wie bei einem Turnierkampf auf dem Stechplatz.
Hugh de Monthermers Schwert flog im Nu aus der Scheide, während Edward schrie: »Ergib dich, Hugh, ergib dich!« Aber eine Anzahl von Kriegern zu Fuß rannte herbei, und plötzlich erhielt der junge Ritter einen heftigen Schlag mit einer Keule, während sein Pferd verwundet von dem breiten Schwert eines Armbrustschützen, taumelte und niederstürzte. Ein Dutzend Lanzen waren in einem Augenblick gegen seine Kehle gerichtet. Edward sprang vom Pferd, beugte sich über den jungen Ritter und rief: »Jetzt, Hugh, ergebt Ihr Euch ohne Widerruf?«
»Ich habe keine Wahl, mein Lord«, versetzte der andere. »Ich bin in Eurer Hand.«
»Tragt ihn hinter das Treffen«, befahl Edward, »aber behandelt ihn mit aller Sorgfalt und Milde als Eures Prinzen Freund. - Nun, meine Lords«, fuhr er fort, sein Pferd wieder besteigend, »ist, dünkt mich, das Feld unser, und es ist kaum noch hell genug, um einen Streich zu führen. Tapfer ist der Kampf gefachten worden, und die Gerechtigkeit gegen unsere Feinde erheischt die Anerkennung, daß nie mehr Tapferkeit, Geschicklichkeit und Ritterlichkeit bewährt wurde als heute von ihnen. Jemand hat gesagt, de Montfort sei tot. Hat sich die Nachricht bestätigt?«
»Sie ist gewiß, mein Lord«, antwortete einer seiner Begleiter. »Der Lord von Vesci, der schwerverwundet gefangengenommen worden ist, sah ihn sterben.«
»Er war ein großer Mann«, sagte Edward. »Jetzt gebt Euren Rossen die Sporen und säubert das Feld, aber seid barmherzig! Bedenkt, es sind tapfere Männer und Landsleute!«
Mit diesen Worten rückte der Prinz wieder vor. Als er sah, daß nirgends mehr ein ernstlicher Kampf tobte, ließ er sein Banner am Ufer eines kleinen Baches aufpflanzen und seine Trompeter die Streiter zurückrufen.
XXII
WÄHREND an dem prunkvollen Hof Heinrichs III., der nun über seine Feinde triumphiert hatte, Freude und Genugtuung das Herz der Anhänger des Königs erfüllte, während die ausländischen Günstlinge ihren Jubel mit ungeziemender Prahlerei an den Tag legten und selbst die besonneneren Anhänger seines hochherzigen Sohnes Edward der lauten Freude sich nicht enthalten konnten, verbreiteten sich Bestürzung, Entsetzen und Trauer unter den mittleren und niederen Ständen des Volkes. Die Schranke war niedergerissen, die ihre Rechte und Freiheiten geschützt hatte, und die meisten von denjenigen, deren Schwerter solange für die Volkssache entblößt gewesen waren, lagen jetzt in ihrem Blut auf dem Schlachtfeld von Evesham. Nur Flüchtlinge und Geächtete blieben zurück, heimlich und im Verborgenen um sie trauernd.
Heinrich III. hielt nicht in der Hauptstadt des Königreichs seinen Hof, sondern in dem Palast zu Eltham, der einer der schönsten und glänzendsten Residenzen des englischen Königreichs war.
Etwa einen Monat nach der Schlacht von Evesham lag in einem kleinen Zimmer auf dem linken Flügel des Gebäudes auf einem Lager Hugh de Monthermer, eifrig beschäftigt, eine Handschrift zu entziffern, die von einer etwas schweren und zittrigen Hand stammte. Er war ganz in die Tracht des Friedens gekleidet, aber eine tiefe Schramme auf seiner Stirn und eine um seinen Arm gebundene Schärpe zeigten, daß er erst vor kurzem noch mit dem Kriegshandwerk zu schaffen gehabt hatte. Der junge Ritter war nicht ohne Wunden durch die Schlacht von Evesham gekommen, und die Verletzungen waren noch immer nicht völlig verheilt.
Als Gefangener des Prinzen war er im Gefolge des Hofes zunächst nach London, dann nach Eltham gebracht worden. Obgleich man schon vielen anderen Edelleuten gestattet hatte, sich zu unterwerfen und Gnadenbriefe zu empfangen, war mit Hugh de Monthermer noch kein Wort über sein künftiges Schicksal gesprochen worden. Auch die Bedingungen seiner Freilassung hatte man ihm noch nicht genannt. Jedoch wurde er freundschaftlich und achtungsvoll behandelt. Kaum ein Tag war verflossen, an dem er nicht von Edward selbst besucht worden wäre. Aber ein Gespräch über seine jetzige Lage war von dem Prinzen geflissentlich vermieden worden, und Hugh, ungeduldig über den langen Zwang, den er sich hatte antun müssen, lag jetzt in seinem Gemach, des Besuchs des Prinzen harrend und entschlossen, Fragen an ihn zu richten, die zu einer entscheidenden Antwort führen mußten.
Ungefähr eine halbe Stunde nach der gewohnten Zeit hörte man den festen Schritt Edwards im Vorzimmer, im nächsten Augenblick trat der Prinz ein. Sein Aussehen war ernst, aber sein Ton war voll Freundlichkeit gegen Hugh de Monthermer, und er ergriff seine Hand, als er sich nach seinem Befinden erkundigte.
»Ich bin beinahe wiederhergestellt, mein Lord«, antwortete Hugh. »Und wie Ihr, als ich Euch in dem Kastell zu Hereford besuchte, seufze ich nun nach frischer Luft und nach Freiheit, um meine krampfigen Glieder wieder gebrauchen zu können.«
»Aber warum macht Ihr Euch keine Bewegung?« fragte der Prinz. »Ihr solltet jeden Tag ausreiten.«
»Ich glaubte nicht, daß ich dazu Erlaubnis hätte«, antwortete Hugh.
»Nachdem Ihr Euch ohne Widerruf ergeben habt, Monthermer«, sagte der Prinz, »lege ich Euch keine Fesseln an, mein Freund, als die Fesseln Eures Wortes. Die großen Tore stehen Euch offen, und wenn ich Euch nicht die Freiheit gebe, so geschieht dies doch nur Euretwillen. Meines Vaters Zorn auf Euer Haus ist groß, Monthermer. Es ist der einzige Funke, den ich nicht zu löschen vermocht habe. Euch wird er verzeihen in einiger Zeit, aber ich fürchte, gegen Euern Oheim werden wir ihn nie besänftigen. Er meint, auf seinen Rat hin habe de Montfort gehandelt.«
Edward sagte die letzten Worte im Ton einer Frage oder vielleicht als eine Behauptung, die er widersprochen zu hören wünschte. Aber Hugh antwortete ernst: »Seine Majestät hat recht, mein Lord. Auf meines Oheims Rat hörte de Montfort. Aber Euer Gnaden Worte geben mir Trost und Beruhigung. Ich habe keine Nachrichten von meinem Oheim seit jener unheilvollen Schlacht, und obwohl ich Hoffnung hatte, er sei entkommen, so war doch diese Hoffnung schwach. Ich bitte Euch dringend, mir mitzuteilen, was Ihr von ihm wißt; denn nie hat ein Sohn seinen Vater inniger geliebt, als ich ihn hebe, unter dessen weiser Obhut ich von Jugend an aufwuchs.«
»Ich weiß wenig mehr als Ihr selbst«, antwortete der Prinz. »Alles, was ich Euch sagen kann, ist: Weder seinen Leichnam noch seine Waffen fand man unter den Toten. Und so sehr ist mein Vater von seinem Fortkommen überzeugt, daß er über ihn und sieben andere, die sich noch nicht zur Unterwerfung bequemt haben, die Acht verhängt hat.«
Hugh de Monthermers Gefühle waren geteilt zwischen Freude und Schmerz. Freundlich legte der Prinz die Hand auf seine Schulter und sagte ablenkend: »Kommt, alter Spielgenosse, schickt Euch an zu einem Ritt und trefft mich in einer Minute im Hof unten. Es kommen heute Gäste in den Palast, und vielleicht begegnen wir ihnen.«
Die Aussicht, seine Glieder bei einem Ritt wieder regen und frische Luft kosten zu dürfen, erfüllte Hugh de Monthermer mit freudiger Erwartung. So kleidete er sich denn eilig an und war bald an des Prinzen Seite.
Der erste Atemzug in freier Luft gab ihm neue Hoffnung, doch in demselben Augenblick durchzuckte ihn der Gedanke an die vielen tapferen und mutigen Freunde, die jetzt den warmen Sonnenschein nicht mehr genießen konnten, der Gedanke an seinen rechtschaffenen, ritterlichen Oheim, der verwundet und allein als Verbannter und Geächteter umherschweifte.
So war er denn, als sie aus dem Palasttor ritten, düster gestimmt, und die Lustigkeit der jungen Ritter und munteren Knappen von Edwards Begleitung war ihm zuwider. Doch als die Gesellschaft nach einem etwa zweistündigen Ritt zurückkehrte, schien Hugh de Monthermers Lächeln so fröhlich wie das der übrigen.