Obgleich die Anzahl der Gäste sich nur auf siebzig belief, betrug die Zahl der Diener, Vorschneider, Schenken, Keller- und Hausmeister nicht weniger als zweihundert, nicht gerechnet die Harfner, die Trompeter und die Sänger.
Das Bankett war so angeordnet, daß für zwei Personen nur je ein großer silberner Teller vorhanden war. Aber da die Zahl der männlichen und weiblichen Gäste gleich war, gab dies gerade Gelegenheit zur Entfaltung einer höfischen Galanterie; denn jeder Gentleman legte seiner schönen Gesellschafterin die Speisen vor und trug Sorge, daß sie mit allem, was sie wünschte, versehen wurde. Hierbei bot sich oft Gelegenheit für viele kleine Zeichen und Beweise ritterlicher Liebe. Aber von all den Herzen am Tisch pochte keines in höherer Freude als die von Hugh de Monthermer und Lucy de Ashby, wie sie nebeneinander sitzend, aus einem Becher tranken.
Sie waren in der Tat glücklich, daß sie diese Stunden miteinander verbringen konnten nach einer so langen Trennung. Aber wenn irgend etwas noch Lucys Freude hätte erhöhen können, so wären es die Worte gewesen, mit denen ihn Edward an diesem Abend dem König vorgestellt hatte.
»Laßt mich Euch bitten, Sire«, hatte er gesagt, »Eure Gunst dem Freunde meiner Jugend zuzuwenden, der, obwohl einige Zeit von mir getrennt durch unglückliche Fehden, die jetzt für immer zu Ende sind, in einer Zeit der Not unser früheres vertrautes Verhältnis nicht vergaß.«
»Sein Haus hat keine große Zuneigung für unseren Thron an den Tag gelegt«, versetzte der König, Hugh de Monthermer kalt ansehend. »Aber wir heißen ihn willkommen, Euretwegen, Edward.«
»Tut mehr, mein Lord«, antwortete der Prinz, »denn solange ich Gefangener de Montforts war, sprach er immer für meine Freilassung. Als ich dann entfloh, und er hätte mich aufhalten können, wünschte er mir Glück auf meinem Weg.«
»Dann heißen wir ihn um seiner selbst willen willkommen«, versetzte der König mit mehr Wärme und bot ihm die Hand.
Hugh beugte schweigend sein Haupt darüber und zog sich zurück.
Die Lustbarkeit war einigermaßen verrauscht, die Lichter waren etwas trübe geworden und die Kerzen herabgebrannt, als Lucy, ein lautes Gespräch und Getöse in ihrer Nähe benützend, leise zu Hugh sagte: »Ich habe Euch vieles zu sagen, Hugh! Sachen von großer Wichtigkeit!«
»Könnt Ihr es nicht jetzt tun?« fragte der Liebende.
»Ich wage es nicht«, flüsterte Lucy. »Und doch wünschte ich sehr, daß es bald geschähe.«
Hugh schaute sich um. »Dieses Gelage kann nicht mehr lange dauern«, sagte er. »Wenigstens werden die Damen nicht mehr lange bleiben, Lucy. Und ich kann meine kürzlich erhaltenen Wunden zur Ausrede nehmen, um den Tisch früher als die übrigen zu verlassen. Wenn wir uns nur irgendwo treffen könnten.«
Lucy schaute zu Boden, und das Blut stieg ihr in die Wangen bei dem Gedanken an eine heimliche Zusammenkunft mit dem Mann, den sie liebte.
»Ich werde es der Prinzessin sagen«, antwortete sie schließlich, »und sie um Rat und Beistand bitten; denn sie ist so wohlwollend und klug wie kaum ein anderes Weib. Aber was ich zu sagen habe, darf niemand hören außer Euch.«
»Es läuft ein Kreuzgang direkt unter den Zimmern der Prinzessin hin«, versetzte Hugh, sich vorsichtig umschauend. »Dahin will ich gehen, Lucy, sobald ich mich wegstehlen kann, und warten, bis alle Hoffnung, Euch zu sehen, verschwunden ist. Kommt, wenn Ihr könnt! Ihr wißt, Ihr dürft mir vertrauen.«
»Ich will kommen, Hugh«, versetzte Lucy ebenso leise.
Nachdem die Prinzessin vom Tisch aufgestanden war, verließen alle anwesenden Damen mit ihr die Halle. Draußen legte Eleonore ihre Hand sanft auf Lucys Arm und sagte: »Kommt mit mir, ich möchte gern mit Euch sprechen.« Dann schritt sie Lucy voran, ihrem Zimmer zu. Dort bat sie Lucy, Platz zu nehmen, und entließ ihre Dienerinnen. Lucy setzte sich auf einen Schemel zu den Füßen der Prinzessin, bemüht, die Ungeduld zu verbergen, die sich lebhaft in ihrem Herzen regte.
Eleonore sah sie mit einem wohlwollenden, aber nachdenklichen Lächeln an und sagte nach einer kleinen Pause: »Liebt Ihr sehr, mein teure Lucy de Ashby? - Nein, errötet nicht, schlagt nicht die Augen nieder, als ob Ihr dächtet, ich könne daran zweifeln, nachdem Ihr mir gesagt, daß es so ist.«
»Nein«, rief Lucy beunruhigt, »so deutlich denn doch nicht!«
»Deutlich genug, daß ich es verstand«, versetzte die Prinzessin. »Edward hat mir zudem schon früher davon gesagt, und ich versprach ihm, Euch zu fragen, ob Ihr wißt, was Ihr tut.«
Lucy schaute erstaunt auf und antwortete: »Recht gut, teure Lady.«
»Ich hoffe es«, erwiderte Eleonore; »denn mich dünkt, ich sehe hier Schwierigkeiten - mehr vielleicht, als Ihr ahnt. Ihr liebt ihn, das ist klar. Aber liebt er Euch auch, dieser junge gefangene Lord?«
»Ich bin dessen gewiß, Lady«, antwortete Lucy ernst.
»Dann habt Ihr ohne Zweifel schon darüber gesprochen - seid einander verpfändet und verlobt?«
Das Mädchen erblaßte etwas vor Unentschlossenheit und Zweifel. Die Prinzessin sagte deshalb rasch: »Nein, ich will Euer Vertrauen nicht erzwingen. Ich möchte Euch gern helfen, aber das Vertrauen muß, wie die Gnade, frei sein, Lucy, nicht abgepreßt. Obgleich Euer Geheimnis bei mir so sicher wäre wie in Eurer eignen Brust, will ich nicht in Euch dringen.«
Lucy verbarg ihr Gesiebt an den Knien der Prinzessin und sagte: »Mein Vertrauen soll frei und ohne Rückhalt sein! Ja, wir sind einander verpfändet durch jede Zusage, die Herzen binden kann, ausgenommen die letzte vor dem Altar. Und jetzt, nachdem ich Euch soviel gesagt, will ich Euch alles sagen«, fuhr sie aufblickend fort. »In diesem Augenblick erwartet er mich in dem Kreuzgang unten!«
»Wie?« rief Eleonore mit einem Ausdruck von Überraschung und Mißbilligung in der Stimme.
Lucy erriet ihre Gedanken und versetzte stolz: »Ihr mißversteht mich, teure Lady; denn Ihr wißt nicht, welcher Zweck mich zu diesem Schritt veranlaßt hat.«
»Mit ihm zu fliehen vielleicht?« fragte Eleonore.
»O nein!« antwortete Lucy. »Solange mein Vater lebt, werde ich mich nie ohne seinen Segen vermählen. Auch dürft Ihr nicht glauben, daß ich dem Mann meiner Liebe, nur um ihn aufzuheitern und zu trösten, eine Stunde meiner Gesellschaft, und zwar allein, bewilligen wollte. Ich weiß, ich darf Euch sagen, Lady, warum ich gehe, und Ihr werdet es weder weitersagen noch mir weitere Fragen vorlegen. Ich habe eine Botschaft an ihn zu bestellen von jemand, den er liebt und um den er in Sorge ist. - Obgleich nichts Verräterisches daran ist, Lady«, fuhr sie mit einem Lächeln fort, »darf ich die Bestellung doch keinem anderen überlassen.«
Eleonore beugte sich nieder und küßte sie auf die Stirn. »Geht, hebe Lucy«, sagte sie. »Ich gebe Euch Urlaub. Er soll nicht meinetwegen zu lange auf Euch warten.«
Lucy küßte der Prinzessin Hand, und nachdem sie sich nach dem Weg erkundigt hatte, verließ sie das Zimmer und stieg die schmale Treppe hinab, die ihr Eleonore bezeichnet hatte. Immer im Kreis hinabsteigend, bis ihr beinahe schwindlig wurde, und sich fest an der Säule haltend, um die sich die schmalen Stufen herumwanden, erreichte sie endlich das kleine gewölbte Tor, das in den Kreuzgang führte und wie gewöhnlich offenstand.
Vor ihr lag der weite Park im Mondlicht, das auch in den Kreuzgang eindrang und den Boden mit Silber bestreute, während über die schimmernden Steine die dunklen Schatten der schönen normannischen Bögen fielen. Lucy vernahm den Laut von Schritten und erkannte sofort den wohlbekannten Tritt Hugh de Monthermers.