Sie blieb jedoch noch unter dem Schatten des Tores stehen, um ganz sicher zu sein. Aber gleich darauf sah sie die schlanke Gestalt Hughs näher kommen. Die Arme hielt er über der Brust verschränkt und die Augen auf den Boden geheftet, als wäre er gefaßt, längere Zeit Schildwacht stehen zu müssen.
Lucy eilte auf ihn zu, und es war für Hugh nicht leicht, Worte zu finden, um seine Dankbarkeit und Freude über ihre Gegenwart auszudrücken. Obgleich sie entschlossen gewesen war, die ihr aufgetragene Botschaft sofort zu bestellen und dann so schleunig wie möglich zu der Prinzessin zurückzukehren, verging doch eine halbe Stunde über ihrem zärtlichen Geplauder, ehe Lucy sich an den Zweck ihres Kommens erinnerte.
»Ich hatte vergessen, Hugh«, rief sie, ihre Hand aus der seinigen lösend, »daß die Prinzessin mich bald wieder zurückerwartet. Dabei habe ich Euch soviel Wichtiges zu sagen, was noch nicht gesagt ist. -Wir sind, seit ich Euch zuletzt gesehen, in Nottingham gewesen; denn sie schickten mich nach Lindwell, solange das Heer in Worcester lag. Nach jener verhängnisvollen Schlacht bei Evesham, während der ich vor Angst und Bangigkeit beinahe gestorben wäre, da ich einen Bruder, einen Vater und einen Gehebten dort wußte, und zwar auf entgegengesetzten Seiten fechtend, pflegte ich begierig auf Nachrichten zu horchen und selbst die geringfügigsten Gerüchte aufzuhaschen. Von Euch jedoch und Eurem Oheim konnte ich nichts erfahren, bis ich eines Tages in der Nähe des Schlosses allein unter dem Schatten einer Eiche saß. Plötzlich hörte ich es über mir rascheln, und im Augenblick darauf kam an den Zweigen herab der sonderbare Knabe, den uns Robin Hood als Begleiter aus dem Wald mitgegeben hatte. Zuerst war ich erschrocken und wollte in das Schloß laufen. Aber dann fragte ich ihn nach seinem Begehren. Er erzählte mir mehr, als ich je zuvor erfahren hatte: daß die Schlacht sich gegen die englische Partei entschieden habe, daß Hugh de Monthermer verwundet und gefangen sei, daß ich binnen kurzem zu meinem Vater nach Derby würde berufen werden, um mit ihm nach London zu gehen. - ,Und jetzt', sagte der Zwerg wörtlich, ,soll ich Euch mit einer Botschaft beauftragen; denn früher oder später werdet Ihr den jungen Lord Hugh de Monthermer treffen. Sagt ihm, daß sein Oheim lebt und von seinen Wunden beinahe genesen ist. Aber da er weiß, daß sein Leben verwirkt ist, darf er sich nicht zeigen. Ein Gerücht geht, daß er nach Frankreich entflohen sei. Dem ist aber nicht so. Er befindet sich in diesem Augenblick unter den Bäumen des Sherwood und würde dort gern im geheimen seinen Neffen sehen. Dies sagt ihm, wenn kein Ohr in der Nähe ist; denn das Leben von mehr als einem guten und treuen Mann hängt von Eurer Vorsicht ab.' - Dies, lieber Hugh, war die Botschaft, und ich übernahm es gern, sie auszurichten, obwohl ich nicht wußte, wann mir die Bestellung möglich sein würde. Aber ich habe eine Bitte, Hugh, die Ihr Lucy de Ashby nicht abschlagen dürft, wenn Ihr ein echter Ritter seid!«
»Sprecht«, versetzte er. »Wenn es sich mit meiner Ehre verträgt, will ich sie erfüllen.«
»Es ist nur das Versprechen, keinen Anteil mehr zu nehmen an den geheimen Verschwörungen gegen den Thron. Die Sache ist verloren, Hugh, obwohl sie gut war. Und wenn Hugh de Monthermer sich noch weiter damit befaßt, wird er Verderben über sich selbst und Elend über Lucy de Ashby bringen. Versprecht mir um meinetwillen, von aller ferneren Teilnahme an einem Unternehmen abzustehen, das hoffnungslos ist.«
»Ihr müßt eine andere Gunst von mir verlangen, Lucy«, sagte Hugh finster.
»Was, Ihr wollt nicht meine erste Bitte gewähren?« rief Lucy rasch.
»Doch«, antwortete der Geliebte. »Ich habe schon mir selbst das Versprechen gegeben, nie mehr die Waffen gegen Edward Plantagenet zu tragen, sofern er die Rechte des Volkes gegen Heinrichs Tyrannei verteidigt.«
Sie waren so in ihre Unterhaltung vertieft gewesen, daß sie nicht bemerkt hatten, wie einige Gestalten um die entferntere Ecke des Palastes herumgekommen waren, die ihn und Lucy mit lachenden, aber boshaften Mienen beobachteten.
In dem Augenblick jedoch, da Hugh de Monthermer und Lucy de Ashby am südlichen Ende des Ganges stehenblieben, sagte eine Stimme leise, aber deutlich, als wenn die redende Person ganz nahe bei ihnen stünde: »Ihr werdet beobachtet! Geht zurück, oder man wird Euch überraschen!«
Hughs erster Gedanke war, vorzuspringen, um zu entdecken, wer gesprochen hatte. Aber Lucy, erschrocken schon bei dem bloßen Gedanken, hier von einem der zügellosen Günstlinge Heinrichs getroffen zu werden, wandte sich hastig und rief: »Laßt mich fliehen, Hugh! Lebt wohl!« Und den Kreuzgang entlanghastend mit der Schnelligkeit eines gejagten Rehes, eilte sie nach der Tür, die zu der Treppe führte.
Hugh de Monthermer folgte ihr etwas langsamer. Aber als Lucy nur noch wenige Schritte von der Tür entfernt war, kamen vier Männer hinter den Pfeilern hervor und traten ihr mit spöttischem Gelächter entgegen. Mit einem Satz sprang Hugh de Monthermer vor und war an Lucys Seite, ehe die Höflinge sie erreicht hatten.
»Hallo! Hallo!« rief einer. »Wir haben das Wild aufgestöbert!«
»Macht es nieder - macht es nieder!« schrie ein anderer. Und ein dritter, der sichtlich mehr Wein als Witz führte, fügte noch beleidigendere Worte hinzu.
Die Liebenden waren unmittelbar vor der Tür, als einer der Nachtschwärmer sich ihnen in den Weg stellte, als wolle er den beiden den Durchgang verwehren.
»Tretet zurück, Sir Guy de Margan!« schrie Hugh de Monthermer drohend. »Tretet zurück, sage ich!«
Aber als er sah, daß der andere, statt seinen Worten Folge zu leisten, die Arme weit ausbreitete, um Lucy im Vorbeigehen zu haschen, versetzte er ihm mit der geballten Faust einen Schlag, der ihn auf das Pflaster streckte.
Lucy hatte jetzt die Tür erreicht und hastete die Wendeltreppe hinauf. Hugh de Monthermer aber schritt langsam an den Männern vorüber, die ihn zwar mit gerunzelten Stirnen betrachteten, aber ungehindert passieren ließen. Als er vor der Tür angekommen war, die zu seinem Zimmer führte, hörte er ein lautes Gelächter, das offenbar als Reaktion auf den Zorn folgte, den der von ihm ausgeteilte Streich zuerst hervorgerufen hatte.
XXIV
IN EINEM der Vorzimmer des Palastes zu Eltham saßen am folgenden Morgen fünf Gentlemen, übertrieben zierlich und geckenhaft gekleidet, die Haare gekräuselt und zum Teil nach Frauenart geflochten.
»Zum Teufel! Mir einen Schlag zu versetzen!« schrie einer von ihnen. »Ich will Rache nehmen!«
»Wie wollt Ihr das tun, de Margan?« fragte ein anderer. »Mit einem Kräuseleisen?«
»Nein, nein, laßt ihn nur machen!« sagte der dritte. »Er ist ein Mann von Herz und wird diesen stolzen Ritter schon aufs Feld fordern!«
»Der ihn knacken wird, wie man einen Bachkrebs knackt«, fügte der zweite Sprecher spöttisch hinzu.
»Das ist lauter Unsinn«, mischte sich ein anderer ein. »Monthermer ist ein Gefangener und kann keine Herausforderung annehmen.«
»De Margan wird etwas Klügeres tun, als ihn herausfordern«, sagte einer der Höflinge nun ernsthaft. »Er kennt gescheitere Mittel, sich zu rächen.«
»Jawohl!« rief de Margan. »Diese zwei Verliebten würden, so bilde ich mir ein, lieber jeder einen Finger der rechten Hand hergeben, als den Grafen von Ashby um ihre geheime Mondscheinzusammenkunft im Kreuzgang wissen lassen. Dem guten Grafen dürfte es kaum recht sein, daß seine schöne Tochter diesem Lord Hugh solche Gunst gewährt, und Alured de Ashby, habe ich gehört, haßt diese Monthermers ärger als eine Katze das Öl.«
»Ein tüchtiges Giftgericht, wenn Ihr es recht einrührt!« bemerkte einer seiner Kumpane.
»Das will ich schon tun!« sagte Guy de Margan. »Ich warte nur, bis der Hof versammelt ist, um dem Grafen von Ashby zu erzählen, daß seine Tochter gestern abend mit ihrer Gegenwart weniger karg gegen Hugh de Monthermer gewesen, als er sich träumen läßt. Dann wird der alte Lord toben, der König wird die Stirn runzeln, und man wird nach Alured de Ashby schicken...«