»... damit er tut, was Guy de Margan selbst nicht zu tun wagt«, fiel einer der Gentlemen bissig ein.
Was die Erwiderung hierauf gewesen wäre, ist schwer zu sagen; denn obgleich de Margan so viel von der besseren Hälfte der Tapferkeit, der Vorsicht, besaß, daß er sich klüglich enthielt, seine Stärke mit der eines ihm so sehr überlegenen Mannes, wie es Hugh de Monthermer war, zu messen, fehlte es ihm doch keineswegs an Mut, wenn es mit der Klugheit vereinbar war, ihn zu zeigen. Aber seine sicher sehr heftige Antwort wurde auf seiner Lippe gehemmt; denn die Tür zum Gemach des Königs tat sich in diesem Augenblick auf, und William de Valence, der Graf von Pembroke, trat heraus, mit einigen versiegelten Briefen in der Hand.
»Sir Guy de Margan«, sagte er, ihm ein Paket übergebend, »ich bin vom König angewiesen, Euch Befehl zu geben, unverzüglich nach Monmouth Euch zu begeben, wo Ihr diese Ordres öffnen, sie ausführen und Euch dann wieder am Hofe, der nach Nottingham zieht, einfinden werdet. Ihr, Sir Thomas le Strange, werdet Euch mit einer gleichen Sendung nach Chester begeben, und Ihr, Sir Roger de Leiburn, reist mit diesen Depeschen nach Derby. Eilt, Gentlemen! Es ist keine Zeit zu verlieren. Wir haben Nachrichten, daß ein Aufstand im Norden droht, und der ganze Hof bricht binnen zwei Stunden auf.«
»Kann ich nicht eine Audienz beim König haben, mein Lord«, fragte Guy de Margan. »Nur für einen Augenblick? Oder ein Wort mit dem Grafen von Ashby?«
»Unmöglich!« William de Valence winkte unwillig ab. »Der König bespricht mit den Grafen von Ashby, Mortimer und Gloucester in Gemeinschaft mit dem Prinzen die Vorkehrungen und Maßregeln, die man ergreifen muß. Es ist also unmöglich, de Margan. Eilt Euch, Gentlemen, und seht, wessen Sporn am schärfsten ist!«
Am Hofe zu Eltham herrschte nun Geschäftigkeit, Hast und Verwirrung. Der in Northumberland drohende Aufstand war zwar nicht von emstlicher Beschaffenheit, und Edward war sicher, die wenigen Truppen, die er schnell auf dem Wege dorthin zusammenraffen könnte, würden hinreichen, die Unzufriedenen einzuschüchtern. Aber Heinrich, immer begierig nach Aufregung und Machtentfaltung, ergriff den Vorwand, um einen königlichen Zug in den Norden zu unternehmen, da er wohl wußte, daß zur Zeit jeder große Edelmann mit seinem Nachbarn wetteifern würde, ihn mit Pracht und Glanz zu beherbergen.
Edwards Gesicht war ernst und drückte sichtlich Mißbilligung aus. Aber er wagte es nicht, seines Vaters Wünschen Widerspruch entgegenzusetzen, und gegen zwei Uhr des schönen Frühherbsttages setzte sich, begleitet von einem starken Aufgebot Gewappneter, der Hof in Bewegung nach Nottingham.
Obgleich sich in dem Zug mehr als eine von Pferden getragene Sänfte befand, unternahmen doch die meisten die Reise zu Pferd. Aber selbst in ihren Reisekleidern bildeten die beinahe zweihundert Personen einen stattlichen, farbenprächtigen Anblick. Lachend, plaudernd und scherzend ritten sie dahin, keine streng geschlossene Ordnung beobachtend, und jeder wählte sich seine Gesellschaft nach seiner Neigung oder wie die Umstände es gestatteten.
Hugh de Monthermer suchte sich zu Lucy de Ashby zu gesellen, und es traf sich glücklich, daß ein alter Ritter von ihres Vaters Gefolge, so taub, daß das Schmettern der Trompete das einzige war, was er hören konnte, es übernommen hatte, den Knappen und Geleitsmann der Dame zu machen. In dieser Eigenschaft nahm er den Posten auf ihrer linken Seite ein, immerfort plaudernd und sich selbst die Antworten erdichtend, die gar nicht gegeben wurden. Unmittelbar hinter ihnen ritten die munteren Mädchen, die Lucy bedienten, und zwei Pagen. Der Graf von Ashby hielt sich in der Nähe des Königs und schien nichts einzuwenden zu haben gegen die Aufmerksamkeit, die Hugh seiner Tochter erwies. Auch Edward bezeigte Hugh de Monthermer alle Freundlichkeit und bemerkte im Vorbeireiten mit Lächeln den Glanz im Auge des Liebenden.
In Huntingdon stießen zu Hugh de Monthermer einige seiner eigenen Dienstleute und mehrere von denen, die zum Gefolge seines Oheims gehört hatten. Unter diesen war der tüchtige Yeoman Thomas Blawket. Hugh fand bald heraus, daß keiner der Dienstleute des alten Grafen annahm, ihr Lord sei lebend aus der Schlacht gekommen. Besonders Blawket war sichtlich tief betrübt über den vermeintlichen Tod des alten Grafen; doch Hugh vermied es, ihm die Wahrheit mitzuteilen, weil er annahm, es würde dem Willen seines Oheims zuwider sein.
Nun konnte Hugh wieder in jeder Hinsicht die äußere Würde seines Ranges behaupten. Sein Gesundheitszustand besserte sich mit jedem Tag; denn die Brustwunde hatte sich geschlossen, ehe er Huntingdon erreichte. Nichts blieb ihm mehr zu wünschen übrig als die Rückkehr seiner ganzen früheren Kraft und Frische.
So verlief die Reise nach Nottingham für Hugh de Monthermer sehr glücklich, und gern nahm er an allen Vergnügungen teil, die man zur Unterhaltung des Königs durchführte.
Zahllose Schaugepränge, Bankette und Turniere winden unterwegs veranstaltet, und sogar an Plätzen, wo man de Montfort in den Tagen seines Glücks am stärksten angehangen hatte, strömte das Volk zusammen, um den König zu begrüßen, gegen dessen Unterdrückung und Erpressimg es sich erhoben hatte. Doch mochten diese Grüße mehr dem Prinzen gelten, von dessen Einfluß auf den König es sich allerdings einiges erhoffte, da es wußte, daß Prinz Edward schon immer den Ideen und Einrichtungen de Montforts, und damit den Rechten des Volks, grundsätzlich Anerkennung gezollt hatte.
Lange bevor der königliche Zug den Norden erreichte, ging ihm die Kunde von dem Anmarsch beträchtlicher Streitkräfte voraus und, wie Edward vermutet, erstickte schon das bloße Gerücht den Aufstand im Keim. Aber Heinrich blieb bei dem Vorsatz, bis Nottingham vorzurücken, und versprach dem Grafen von Ashby, einige Zeit auf seinem Schloß Lindwell zu verweilen.
Der Graf schickte Boten voraus, um alles zum Empfang des Monarchen vorzubereiten. Zwar war das Schloß damals nur zum Teil bewohnbar, aber in der zugehörigen Priorei fanden der König, der Prinz und einige der Vornehmsten ihres Gefolges ein Nachtquartier, während die übrige Hofgesellschaft in den umliegenden Häusern und in dem Gasthof untergebracht wurde.
Die Mönche der Priorei waren berühmt wegen der Trefflichkeit ihrer Küche, und wirklich boten sie in ihrem Refektorium (Speisesaal) ein Mahl, das alles übertraf, was der König unterwegs gekostet hatte. Heinrich, ein Freund der Tafelfreuden, blieb lange sitzen und probierte von all den feinen Gerichten und Leckereien. Zwischendurch unterhielt er sich mit dem Prior, der das Essen mit Lustigkeit zu würzen verstand und manches leichtfertige Geschichtchen für das nicht allzu empfindliche Ohr des Königs wußte. Es ging auf Mitternacht zu, als der König endlich die Tafel aufhob und sich zur Ruhe begab.
Zu dieser Zeit saßen in dem besten Zimmer des kleinen Gasthofes drei Gentlemen, vor denen noch die Überreste ihres Abendessens standen. Der rote Saft der Bordeauxtraube floß reichlich, und groß war die Lustigkeit und der Lärm am Tisch, als das Geräusch von einigen Pferden, die vor der Tür hielten, die Aufmerksamkeit der Zechenden auf sich zog.
»Wir können hier niemand mehr brauchen«, schrie aufspringend einer der Gentlemen. »Wer es auch sei, er muß sich anderswo ein Unterkommen suchen.«
Aber während er noch sprach, wurde die Tür heftig aufgerissen, und ein Mann in einem Reitanzug, in einen großen, weiten Mantel gehüllt, stürzte in das Zimmer. Der Sprecher wollte ihn scharf zurückweisen, schien aber plötzlich den neuen Gast zu erkennen. Ihm seine Hand hinstreckend, rief er aus: »Richard de Ashby, so wahr ich lebe! Ha, wer hätte gedacht, Euch hier zu sehen? Wir wähnten, Ihr seid bei Eurem Vetter Alured in Westmoreland. Doch in jedem Fall seid Ihr willkommen, obwohl Ihr das Abendessen, das wir Euch noch übriggelassen, knapp und das Weinfäßchen nicht sehr voll finden werdet.«