Richard de Ashby erklärte, daß von beiden ausreichend für ihn vorhanden sei, und machte sich sofort an seine Mahlzeit, von Zeit zu Zeit fragend, was seine Tischgenossen von den Vorgängen am Hof wußten.
»Ein lustiges Leben«, sagte er, »wie ich sehe, zwischen Eltham und Leicester. Ha, das ganze Land widerhallt davon!«
»Wohl mag es widerhallen und sich freuen dazu, daß es solche Schauspiele zu sehen bekommt«, versetzte der andere Gentleman. »Ich habe noch nie dergleichen erlebt, seit ich dem Hof von England folge. Die ganze Zeit über hatten wir allerdings nichts als Bürgerkriege oder die Regierung des uns kaum noch Üppigkeit gestattenden de Montfort. So ist es kein Wunder, daß es traurig herging.«
»Ich hoffe, es wird noch lustiger werden, Sir Grey«, sagte Richard de Ashby. »Es ist auch hohe Zeit, daß meine eigenen Angelegenheiten ein wenig lustiger gehen, und gewiß habe ich alles Recht, dies zu erwarten; denn mir verdankt der Prinz seine Freiheit. Und mir verdanken sie es auch, daß ich den ersten Samen der Zwietracht unter den Leuten de Montforts ausgesät habe. Die Billigkeit würde erfordern, daß man meinen Ansprüchen ein Ohr liehe.«
»Euch ein Ohr leihen«, rief der andere hohnlachend. »Unser guter König und besonders der Prinz scheinen mehr auf ihre Feinde zu hören als auf ihre Freunde. Der junge Monthermer ist einer der Hauptgünstlinge des Hofes.«
Ein boshaftes Grinsen zog über das dunkle Gesicht Richard de Ashbys, aber da in diesem Augenblick der Wirt mit einem Krug Wein eintrat, schwieg er und zerschnitt das Fleisch, das er vor sich hatte. Als jedoch der Wirt wieder hinaus war, rief er mit erzwungenem Lachen: »Ein artiger Günstling, wahrhaftig! - Aber sagt mir, welche schönen Damen dem Hof folgen? Ich höre, man habe nie einen hübscheren Zug gesehen.«
»Ihr habt die Wahrheit gehört, Sir Richard«, versetzte Harry Grey. »Selten hat man einen hübscheren Zug von Damen gesehen. Zwar muß man die Gräfin von Pembroke ausnehmen, denn sie ist häßlich genug, das weiß der Himmel. Aber da sind die junge Lady de Veux und Lord Audleys Tochter und vor allem Hugh de Monthermers Auserwählte, Eure schöne Verwandte Lucy de Ashby.«
Es lag bei den letzten Worten ein gewisser Anstrich von Bosheit in seinem Ton. Vielleicht beabsichtigte Hirry Grey, Richard de Ashby zum Zorn zu reizen. Aber wenn dies so war, wurde seine Erwartung getäuscht.
Zwar verzerrte ein Ausdrude tiefen Grimms für eine Sekunde dessen Züge, doch erwiderte er nicht ein Wort. Er füllte langsam seinen Becher mit Wein, trank aber nicht, sondern starrte nachdenklich auf die Schneide seines Messers.
Harry Grey wollte das Thema aber noch nicht fallenlassen und fragte geradezu: »Was haltet Ihr von der bevorstehenden Vermählung der beiden? Hugh de Monthermer ist reich, berühmt und von untadeligem Aussehen. Wir alle glauben, er paßt recht gut zu Lucy.«
»Meint Ihr?« fragte Richard de Ashby trocken. »Ich dagegen glaube, Sir Harry, es geht eigentlich weder mich noch Euch etwas an, obwohl - die Wahrheit zu gestehen - mir scheint, Ihr irrt Euch und es ist keine solche Vermählung in Aussicht.«
»Es ist aber das Gerede des ganzen Hofes!« rief der andere. »Er ist immer bei ihr oder bei dem Lord von Ashby, und überdies weiß man, daß der Graf gesagt hat...«, und er wiederholte sofort zwanzigerlei Tagesgerüchte über die Wahrscheinlichkeit dieser Heirat.
Richard de Ashby blieb jedoch ungerührt, wenigstens gab er sich den Anschein. Nachdem er sich noch kurz informiert hatte, wer sonst am Hofe weile, und eine etwas ausführliche Antwort erhalten hatte, indem ihm die Namen von fünfzehn oder sechzehn Damen hergezählt wurden, die ihn nicht im mindesten interessierten, stand er auf und sagte: »Ich muß zu Bett, denn ich reise morgen mit Tagesanbruch ab.«
»Wie? Ihr besucht nicht den König?« fragte einer der anderen Höflinge.
»Nein, ich reise weiter nach Nottingham, um ihn dort zu treffen. Bis dahin habe ich wichtige Geschäfte. Gute Nacht!« Damit verließ er das Zimmer.
»Ihr habt ihn erbittert, Grey«, sagte Sir William Geary. »Ihr habt ihn mit der Heirat gehänselt.«
»Ich weiß es wohl«, antwortete Harry Grey. »Aber wenn ich nur einmal eines Menschen Torheit kenne, so will ich ihn alsbald zwicken und stechen, daß er schreit, wenn auch seine Haut so dick und stark ist wie die eines Büffels. - Nicht, daß er daran denkt, Lucy selbst zu heiraten. Aber sein Haß gegen die Monthermers reizt ihn so.«
»Ihr irrt Euch«, versetzte Sir William Geary, der Richard de Ashby durchschaute, »Dieser Mensch hat mehr Ehrgeiz, als Ihr glaubt. Er weiß recht gut, daß bei den vielen wechselnden Geschicken in dieser Zeit Lucy de Ashbys Bruder, der gute Lord Alured, seinen Weg rasch in das Reich der himmlischen Herrlichkeit finden kann, und dann - obschon er jetzt nur der arme Verwandte ist, der nicht einmal so gut behandelt wird wie mancher würdige Vasall des Hauses - wird er der Erbe des Titels, wenn auch vorerst nicht der Ländereien, ausgenommen das kleine Besitztum Ashby. Es würde ihm sehr übel behagen, Hugh de Monthermer als Gatten der Erbin den ganzen Reichtum des Hauses verschlingen zu sehen.- Was er versuchen wird«, fuhr Sir William nachdenklich fort, »weiß ich nicht. Aber sicherlich wird er etwas tun, um die Heirat zu vereiteln - falls an der ganzen Geschichte etwas ist.«
»Dann wird ihm Monthermer den Hals abschneiden«, entgegnete Sir Harry Grey. »Und das wird das Ende vom Lied sein. - Aber was sagt Ihr zu einem Würfelspiel, Geary? Laßt uns ein paar Würfe versuchen.«
»Ich mag nicht«, antwortete dieser gähnend. »Ich fühle mich heute abend nicht wohl und will mich bald zur Ruhe begeben.«
»Ich will mit Euch würfeln«, rief ein junger Mann von der anderen Seite des Zimmers herüber. »Wenn Geary die Flügel hängen läßt wie ein krankes Huhn, so laßt ihn gehen. Ich will Euch bis zum Morgen Gesellschaft leisten, wenn Euer Beutel lang genug und der Wein gut ist!«
XXV
RICHARD DE ASHBY stieg langsam die Treppe zu seinem Zimmer hinauf, blieb aber beim ersten Absatz überlegend stehen und kehrte wieder um. Er trat in die Küche, in der eine große Zahl von Dienstleuten das Nachtessen einnahm, und winkte einem seiner Diener, der in der Nähe des Feuers saß.
Der Mann sprang auf und kam zu ihm an die Tür. Leise sagte Richard zu ihm: »Ihr müßt Euer Pferd besteigen, sobald es gefüttert ist, und durch das Land jagen, als gälte es Leben oder Tod, um einen Brief von mir an Lord Alured zu überbringen. Haltet Euch in einer Stunde bereit.«
»Was? Heute nacht, Sir?« fragte der Diener gedehnt.
»Ja, heute nacht, Schurke!« antwortete Richard herrisch. »Heute nacht, sag' ich! Murrst du etwa?« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich um und schritt wieder die Treppe hinauf.
Der Gasthof war ein rohes, altes Gebäude mit einem viereckigen Hof in der Mitte. Es hatte zwei Stockwerke über dem Parterre, und zwei Reihen übereinanderliegender offner Gänge liefen um das Haus herum.
Nach dem obersten dieser Gänge wandte sich jetzt Richard de Ashby; denn da er spät angekommen, hatte er überhaupt nur schwer noch ein Unterkommen gefunden. Vor dem letzten Zimmer auf der rechten Seite verhielt er den Schritt. Nachdem er eine Minute in finsterem Nachsinnen stehengeblieben war, riß er die Tür auf und trat ein.
Das Zimmer war geräumig; denn es nahm eine Ecke des Gebäudes ein und hatte Fenster nach beiden Seiten. In dem großen Kamin loderte ein Holzfeuer, und in die wechselnde Flamme schauend, saß davor die unglückliche Kate Greenly, den Kopf auf die Hand gestützt.
»Geh zu Bett!« schrie Richard de Ashby zornig, sobald er sie sah. »Habe ich dich nicht vorhin schon zu Bett gehen heißen?«
»Ich hatte über vieles nachzudenken«, antwortete das Mädchen, indem es aufstand. »Ich wollte, du hättest mich zurückgelassen, Richard. Ich komme nicht gern meiner ehemaligen Heimat so nahe.«