Guy de Margan und William Geary eilten gleich darauf hinunter in den Hof, verließen das Kastell und folgten dem jungen Edelmann in die Stadt, die zu jener Zeit schon eine ansehnliche Größe hatte. Die steilen Straßen und Felsentreppen, die an dem seltsamen Bergkegel, auf dem das Kastell steht, hinabliefen, machten den Eindruck, als sei es auf einen Bienenkorb gebaut.
Hugh de Monthermer schritt die vom Kastell hinabführende Straße entlang und schlug dann den Weg nach der ersten Reihe von Stufen ein, um in den niedriger gelegenen Teil der Stadt hinunterzusteigen. Da unten zwei Wege waren, die er wählen konnte, trennten sich die Gentlemen, die sich der ehrenhaften Aufgabe unterzogen, ihm nachzuspionieren.
Sie waren gerade wieder in der Nähe des alten Tores zusammengetroffen, als Hugh, den Guy de Margan nicht aus dem Auge verloren hatte, stehenblieb und sich umsah, als wäre er seines Zieles nicht ganz gewiß. Sofort zogen sich seine Verfolger hinter eine in die Straße vorgebaute Bude zurück, aber gleich darauf schritt er weiter und nahm seinen Weg zum Tor hinaus. Nun sprangen auch sie hervor und folgten ihm so rasch, daß sie fast auf ihn gestoßen wären; denn er war direkt hinter dem Tor stehengeblieben. Dort hatte der Mönch, den sie zuvor gesehen, auf ihn gewartet. Er war jedoch nicht mehr zu Fuß, sondern saß auf seinem starken, störrisch aussehenden Maultier und hielt am Zügel ein großes, knochiges Pferd.
Hugh de Monthermer setzte seinen Fuß in den Steigbügel und saß im Nu auf dem Rücken des Tieres.
»Das sieht so aus, als wenn ein Gefangener entfliehen will«, sagte Guy de Margan. »Soll ich die Leute auffordern, ihn anzuhalten?«
»Aber nein«, versetzte Geary, »er will nicht entfliehen, und wenn, so wäre er fort, ehe Ihr etwas tun könntet. Er hat jeden Tag tausend Gelegenheiten zu entfliehen, wenn er will. Es ist ein Pech, daß wir keine Pferde bei uns haben!«
»Er geht unerlaubten Geschäften nach, wenn er diesen Mönch zum Führer hat. Ich will dem Prinzen berichten, was ich gesehen habe.«
»Es taugt nicht für Eure Zwecke, de Margan, dergleichen dem Prinzen zu berichten«, sagte Geary mit einem sarkastischen Zucken der Lippe. »Der Prinz ist ein sehr kluger Mann und durchschaut Euch. Zudem könntet Ihr nicht, wenn Ihr auch wolltet. Edward ist nicht hier; er brach heute morgen mit fünfhundert Mann nach Derby auf. Sagt es doch dem König! Ihn könnt Ihr alles glauben machen, was Ihr wollt. Aber sprecht zuerst Richard de Ashby und braut miteinander Eure Anschläge. Ich will Euch mit ihm allein lassen; denn ich begehre keinen Anteil an Euren Beratungen. Es wird Spaß genug sein, das Ergebnis zu sehen.«
Sie hatten inzwischen ein mit seltsamen Schnitzereien verziertes hölzernes Haus erreicht. Hier begehrte Sir William Geary Einlaß. Aber bevor die Tür geöffnet wurde, ward seine und seines Begleiters Person einer genauen Besichtigung unterworfen von einem Diener, der durch ein kleines rundes Fenster neben der Tür herausschaute. Endlich öffnete er. Nach einigem Hinundherreden wurde Sir Guy de Margan schließlich der Eintritt gestattet, und Sir William Geary verabschiedete sich von ihm.
XXVII
AM TAGE DARAUF kam Hugh de Monthermer mit glücklichen Nachrichten nach Lindwell-Castle und erzählte Lucy, daß ihr Vater heute, vor seinem Besuch beim König, eine Stunde lang mit ihm zusammen gewesen sei und seine endgültige Einwilligung zur Heirat gegeben habe. Er hätte zwar einige Zweifel blicken lassen, welche Ansicht wohl ihr Bruder Alured von der Sache haben dürfte, habe aber versprochen, es auf sich zu nehmen, seinen Sohn zur Vernunft zu bringen. Es war gewiß, daß der Graf von Ashby fest entschlossen war, die Hand seiner Tochter in möglichst kurzer Frist Hugh de Monthermer zu geben. Und das nicht aus einer plötzlichen Laune heraus, sondern er war immer dem jungen Ritter gewogen gewesen, selbst als in früheren Tagen die Häuser Ashby und Monthermer einander feindlich gegenüberstanden. Verschiedene Umstände hatten ihn inzwischen zwar schwanken gemacht; aber als er nach der Schlacht von Evesham Hugh in hoher Gunst bei dem ritterlichen Prinzen stehen sah, der soeben seines Vaters Thron gerettet hatte, erkannte er, daß im ganzen Land keine bessere Partie für seine Tochter zu finden war.
So hatte er selbst im Verlauf dieses Morgens ein Gespräch eingeleitet, das damit endete, daß er Hugh de Monthermer die Hand Lucys zusagte, und es war verabredet worden, in zwei Tagen die öffentliche Erklärung der bevorstehenden Vermählung zu geben.
Dies waren die glücklichen Nachrichten, die Hugh selbst Lucy überbrachte, und nun standen sie fröhlich plaudernd an einem Fenster des Zimmers und schauten auf die schöne Landschaft hinab. Alles in ihnen war Glück und Freude.
Über die grünen Anhöhen von Nottingham kam jetzt ein langer, prächtiger Reiterzug, der die Heimkehr des Grafen verkündete. Die Liebenden traten auf den steinernen Balkon, um die Rückkehrenden willkommen zu heißen, aber der Graf tat, als sähe er sie nicht, und Hugh bemerkte, daß mit ihm verschiedene Personen ritten, die nicht zu seinem Gefolge gehörten.
Kurze Zeit darauf hörten sie Schritte die Treppe heraufkommen, und da es viele waren, begab sich Lucy durch eine kleine Tür über eine andere Treppe in ihre Wohnung.
Sie hatte kaum das Zimmer verlassen, als Hugh de Monthermer die Stimme des Grafen von Ashby vernahm, der mit seinen Begleitern vor der Tür sprach.
»Bleibt Ihr hier, Gentlemen«, sagte er. »Er wird mit Euch zum König zurückgehen, ich will für ihn bürgen. Laßt mich aber zuerst mit ihm sprechen.« Im nächsten Augenblick trat der Graf in den Saal, die Augen finster auf den Boden geheftet.
Obgleich Hugh sich vollkommener Unschuld bewußt war und von keiner Gefahr eine Ahnung hatte, die ihn bedrohen könnte, war ihm doch schwer ums Herz geworden bei diesen Worten. So trat er denn rasch auf den Grafen zu und fragte in seiner gewohnten offenen Art: »Was gibt es, mein edler Lord? Ihr seht traurig und niedergeschlagen aus und wart doch diesen Morgen so munter und fröhlich?«
»Alles hat sich geändert seit heute morgen, Sir«, antwortete der Graf steif. »Der König verbietet Eure Heirat mit meiner Tochter. Und da meine Einwilligung nur bedingt war...«
»Das ist im höchsten Grade ungerecht und tyrannisch«, versetzte Hugh entrüstet. »Aber ich glaube, jemand hat den König gegen mich aufgebracht. Prinz Edward ist jetzt abwesend, und ein Schurke hat dies benützt, das Ohr des Monarchen mit Lügen zu mißbrauchen.«
»Davon weiß ich nichts«, antwortete der Graf mit verletzender Kälte. »Aber in jedem Fall hat er die Heirat verboten. Demgemäß verlange ich von Euch, daß Ihr mir mein Wort zurückgebt.«
»Nimmermehr!« rief Hugh de Monthermer heftig. »Ihr könnt, mein Lord, wenn Ihr es wollt - aber ich glaube nicht einmal, daß Ihr es wollt -, Eure Zusage brechen. Aber Eure Handlung soll es dann sein, nicht die meinige. Ich stehe hier so redlich und unschuldig vor Euch wie nur je ein Mann. Wenn diesen Morgen kein Grund vorlag, mir Eurer Tochter Hand zu verweigern, so ist auch jetzt keiner vorhanden.«
»Ja, es ist einer vorhanden!« rief der Graf starrsinnig. »Des Königs ausdrücklicher Befehl!«
»Gegeben auf irgendeine erlogene Einflüsterung! Ich will augenblicklich zu ihm gehen und meinen Verleumdern ihre Lügenhaftigkeit nachweisen. Ich bitte Euch, mein Lord, sagt mir, wessen sie mich anschuldigen, damit ich mich rechtfertigen kann.«
»Ich weiß es selbst nicht so genau, Hugh«, versetzte der Graf unsicher. »Ich habe jedoch gehört, Ihr sollt konspiriert haben mit den Feinden des Staates, die im Norden und auf den Grenzen von Wales rebelliert haben.«
»Und Ihr laßt Euch derart beschwatzen?« schrie Hugh. Aber sofort wieder ruhiger werdend, ergriff er die Hand des alten Grafen und sagte: »Verzeiht mir, mein lieber Lord, wenn ich Euch in der Hitze beleidigt habe. Aber versprecht mir zwei Dinge.«