»Ich hoffe, Euch bald in Freiheit zu sehen«, erwiderte Mortimer mit einem zweideutigen Lächeln und verließ das Zimmer. Draußen gab er Befehl, noch eine Wache am Fuß der Treppe aufzustellen.
Hugh rief den tüchtigen Yeoman in das innere Zimmer und hieß ihn die Tür verschließen.
»Seid nicht niedergeschlagen, Blawket«, sagte er, da der Mann ihn mit besorgten Blicken ansah. »Dieser Sturm wird bald vorübergehen. Der Verdacht würde schon zerstreut sein, wäre ich nicht gehindert durch einen Umstand, der für Euch eine frohe Nachricht sein wird.«
»Ich weiß, was Ihr sagen wollt, mein Lord«, versetzte Blawket. »Ich habe schon gehört, daß Euer Oheim im Walde lebt. Der Knabe Tangel, der Euch einige Zeit in Hereford diente, sprang eines Tages, als ich durch den Wald ritt, hinter mir auf und erzählte mir alles.«
»Gut denn, Blawket, es ist keine Zeit zu verlieren. Wirf dich in aller Eile auf dein Pferd und reite die östliche Seite des Sherwood entlang, schlage die Straße von Southwell ein, bis du an die Grenzmarke kommst. Dort wende dich in den Wald hinein und blase drei Noten auf deinem Horn. Wer dir dann entgegenkommt, wird dich zu meinem Oheim führen. Sag ihm, ich sei beobachtet worden, und dieser Umstand in Verbindung mit anderen habe einer Anklage des Hochverrats gegen mich einigen Schein der Wahrheit gegeben. Sag ihm, daß ich nicht anzugeben wage, mit wem ich eine Besprechung gehabt, damit nicht der Wald durchsucht und sein Versteck aufgefunden werde. Nach Ablauf von vierundzwanzig Stunden muß ich jedoch sprechen, wenn ich meinen Kopf vor dem Beil retten will. Bitte ihn, sich bis morgen um diese Stunde so viele Meilen wie möglich von Nottingham zu entfernen; denn des Königs Zorn gegen ihn ist noch so heftig wie je. Fort, guter Blawket, fort! Sollte jemand Euch anhalten und fragen, wohin Ihr geht, so sagt, Ihr holt Master Roger More, einen Gelehrten, wohlbewandert in den Gesetzen. Nun verliert keine Zeit!«
»Ich will die Sporen nicht sparen, mein Lord«, versetzte Blawket und ging. Hugh de Monthermer blieb in trüben Betrachtungen zurück, obwohl er sich selbst einzureden suchte, daß ihm keine wirkliche Gefahr drohe.
XXVIII
DER WIND WEHTE von Süden und säuselte mild durch die Bäume, die Sonne war vor einer halben Stunde untergegangen, und der Mond stieg empor; doch war er dem Auge der im Walde Befindlichen noch nicht sichtbar. Die Nacht war so warm wie mitten im Sommer, obgleich das Jahr schon nahe am Ersterben war, und am Himmel hingen nur leichte, dünne Wolken, die kaum das ferne Glitzern der Sterne dämpften.
Unter den braunen Ästen des Waldes, gelbes Laub über sich und langes Farnkraut um sich her, saß eine Gesellschaft von sechs tüchtigen Männern in der grünen Waidmannstracht. Ihre Bogen lehnten an den nahen Bäumen, ihre Schwerter hingen von den Gürteln an ihrer Seite, einige Pferde hörte man in geringer Entfernung schnauben und kauen, und ein großer Sack lag in der Mitte, aus dem der langarmige Tangel verschiedene kalte Speisen nebst zwei großen Lederflaschen und einem Trinkbecher von Horn hervorzog. Neben dem kühnen Anführer der Geächteten, Robin Hood, saß, die Beine bequem von sich gestreckt, der alte Graf von Monthermer, jetzt ebenfalls ein Geächteter. Obgleich seine Wunden schwer gewesen und er viel gelitten an Leib und Seele, schien doch des alten Ritters Geist ungebeugt. Denn jetzt, wo das Schicksal anderer, ja seines Landes selbst, nicht mehr von seinem Rat abhing, war es, als ob eine Bürde von seiner Brust gewälzt wäre, und wie er jetzt auf dem Rasen lag, konnte er mit den Männern um sich her fröhlicher scherzen als in den Stunden seiner Macht und seines Einflusses.
»Eine schlechte Jagd, Robin!« sagte er. »Ich möchte nicht, daß man davon spricht, was wir heute erbeutet haben. Es wäre eine Schande für uns als echte Waidmänner!«
»Es ist nicht der Mangel an Geschicklichkeit, mein Lord«, versetzte Robin. »Die Nähe des Hofes ist es, die alle ehrlichen Tiere verscheucht. Wir hätten Böcke genug haben können, aber sie sind jetzt gerade sehr schlecht.«
»Wie die Zeit, Robin!« antwortete der Graf. »Indessen, wir müssen sie hinnehmen, so gut wir können, und in den Sack stecken, was uns das Schicksal zusenden mag. Hier sind Hasen genug und eine schöne Damgeiß, obgleich Ihr sie nicht gern erlegt.«
»Ich schieße nicht gern einen Pfeil auf eine Damgeiß ab", sagte Robin Hood. »Ich weiß nicht warum, aber sie kommen mir immer wie hübsche Mädchen vor, und oft hege ich in der Frühlingszeit da und sehe sie mit ihren zierlichen Schritten dahintrippeln, ihre anmutigen Köpfe hin und her bewegend und mit ihren glänzenden schwarzen Augen so bewußt und klug spähend. Ich glaube, es hegt einige Wahrheit in der alten Sage, daß Menschenseelen manchmal Besitz nehmen von einem Tierleib.«
»Nicht so oft, Robin«, erwiderte der Graf, »wie eine Tierseele Besitz nimmt von einem Menschenleib. Ich könnte Euch eine so stattliche Herde zusammenlesen am Hofe von England, als je im Schatten des Sherwood trabte oder von dem pfeifenden Schweinehirten ausgetrieben wurde, um Eicheln zu fressen auf den grünen Plätzen bei Southwell.«
»Ohne Zweifel, mein Lord«, versetzte Robin. »Die Menschen pflegen sich oft gerade am Hofe zu Bestien zu erniedrigen. - Aber komm, Tangel, was hast du da gebracht? Es ist so finster, daß ich es nicht erkennen kann.«
»Eine gewaltige Hasenpastete«, sagte Tangel, »und Flaschen mit Getränk, sie hinunterzuschwemmen. Aber die Kruste ist so hart wie eine Schuhsohle, und wenn nicht dein Messer etwas schärfer ist als dein Witz, wirst du ohne Nachtessen bleiben. Aber ich will eine Fackel anzünden, Robin, damit du dich nicht in deinen unschätzbaren Daumen schneidest und für den nächsten Monat zum Schießen untüchtig bist.«
Bald war eine Fackel angezündet, und Robin Hood und seine Freunde begannen ihre Abendmahlzeit. Als der Hornbecher einmal herumgegangen war, unterbrach plötzlich der Geächtete das Gelächter, das durch Tangeis derbe Späße soeben hervorgerufen worden war. Die kleine Gesellschaft schwieg sofort, aber kein Laut war zu hören. Robin Hood wollte die Unterhaltung schon wieder beginnen, als die Töne sich wiederholten, wenn auch noch in großer Ferne.
»Das ist Yorkley vom zweiten Grenzposten«, sagte aufspringend der Geächtete. »Es wird Euer Neffe sein, mein Lord, der zuerst geblasen hat. Ich muß antworten, damit Yorkley ihn hierherbringt.«
Er setzte sein Horn an den Mund und blies einen langgezogenen Ton darauf, sehr verschieden von dem eben gehörten, aber wohlverstanden von allen Waidmännern als Zeichen, wo ihr Anführer zu finden sei.
»Ist das nicht gefährlich, Robin?« fragte der Graf besorgt. »Ich erwarte meinen Neffen nicht, und wir sind nur sechs.«
»Wir können schnell Hilfe herbeirufen«, sagte Robin. »Zudem sind unsere Pferde in der Nähe. Aber wenn von den Nahenden irgendeine Gefahr droht, wird Yorkley sie ohnehin nicht hierherführen. Jetzt genießt noch etwas, mein Lord, und laßt den Becher wieder herumgehen. Es muß Lord Hugh sein, der sich von den Lustbarkeiten des Hofes zurückgezogen hat, um beim Mondenschein einen Ritt in den Sherwood zu machen.«
Es wurde über das Hornsignal nicht weiter gesprochen, und wieder begann der muntere Scherz um den grünen Tisch herum, auf dem ihre Mahlzeit aufgetragen war. Die Fackel, in ein Loch im Boden gesteckt, ergoß ihr Licht über die Gesichter im Kreise, und ein Lied, gesungen von einem der Waidmänner, verkürzte fröhlich die Minuten, bis endlich wieder das Horn viel näher ertönte, worauf Robin seine Antwort gab. Nach etwa drei Minuten sah man die Gestalten eines Mannes zu Pferd und eines anderen zu Fuß neben ihm durch die Bäume daherkommen, und die Blicke der um die Fackel Sitzenden richteten sich auf sie.
»Wer ist das?« rief der Graf. »Mein guter Yeoman Tom Blawket, so wahr ich lebe! Er hat seinen alten Lord aufgefunden, sogar im Sherwood!«