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Aber sie rechtfertigten das von ihnen eingeschlagene ungesetzliche Verfahren mit der Behauptung, er sei über der Tat des Hochverrats ergriffen worden. Jede Verbindung mit der Welt draußen ward ihm verweigert, und selbst Schreibmaterialien wurden ihm vorenthalten. Ein Priester war ihm für den Morgen versprochen, aber bis dahin blieb er ganz allein. Er hörte, wie sein guter Yeoman Blawket von den Wachen vor der Tür zurückgewiesen wurde, und ohne einen Trost und Zuspruch saß er einsam.

Wie oft war er dem Tod auf dem Schlachtfeld entgegengetreten! Wie oft schon hatte er sein Leben an die ungewisse Entscheidung einer Stunde gesetzt! Aber niemals war ihm der Tod so furchtbar erschienen wie jetzt, wo er die ewig lange Nacht durchwachte, mit der Gewißheit, am Morgen ohne Widerstand ermordet zu werden.

Der junge Ritter rang männlich und kräftig, aller Schwäche sich zu erwehren; aber er konnte schmerzliche Wehmut nicht unterdrücken. Kaum zwölf Stunden waren verstrichen, seit er im Stolz des glücklichen Erfolges die Geliebte in seine Arme geschlossen -und jetzt sollte er sie für immer verlieren. Ob sie ihn wohl vergessen würde, ob sie wohl ihre Hand einem anderen geben würde? Es lag für ihn ein Trost in dem Gedanken, daß Lucy versprochen hatte, die Seinige zu bleiben selbst nach seinem Tode.

Bei solchen Betrachtungen weilten seine Gedanken, wie er in die Nacht hinausschaute. Aber plötzlich riß ihn etwas aus seinem trüben Sinnen. Er schaute von dem Fenster des Gemachs hinab auf die Zinne der Mauer. Die Entfernung betrug etwa dreißig Fuß, die Nacht war dunkel - denn der Mond war früh untergegangen; aber trotz der dämmrigen Finsternis glaubte er doch etwas wie einen Menschenkopf über der Zinne auftaudien zu sehen.

Gleich darauf sprang mit einem Satz, wie mit einer Wurfmaschine herübergeworfen, eine menschliche Gestalt auf die Mauer herauf, lief zu dem Turm hin, wo er eingesperrt war, und griff in das Steinwerk. Im nächsten Augenblick konnte er sehen, wie, scheinbar ohne eine Stütze für den Fuß, ein Bein sich emporreckte, während die Hand an der Mauer einen Halt gefunden zuhaben schien. Dann hob sich der ganze übrige Körper etwa vier Fuß über den Boden empor, ein langer, dünner Arm streckte sich hoch über den Kopf hin nach einem Fenster aus, das gerade unter dem, an welchem der junge Ritter stand, gelegen war, und an dem Arm zog sich der ganze Leib hoch in die Maueröffnung, während eine Schildwache mit langsamen, gemessenen Schritten vorüberzog. Sobald der Soldat fort war, wurde der Arm wieder heraus- und emporgestreckt, und die Hand schlug ein- oder zweimal an verschiedene Punkte der Mauer, wobei ein leiser, kratzender Ton vernehmbar wurde, als wäre sie mit einem metallenen Werkzeug bewaffnet. Endlich blieb sie fest haften, und dann schoben sich Kopf und Schulter aus der Fensteröffnung heraus, und die Füße ruhten auf dem Sims.

Jetzt folgte eines jener außerordentlichen Wunderstücke von Gewandtheit und Gelenkigkeit, wie sie Hugh nur bei einem Geschöpf auf der Welt gesehen hatte. Mittels des schwachen Halts, den die Finger an der Mauer gefunden zu haben schienen, wurde wieder der Körper hinaufgezogen, bis Knie und Hand sich berührten, und der linke Arm streckte sich nach der Fensterbrüstung aus, hinter der Hugh de Monthermer stand.

Obgleich die Gestalt einen Buckel zu haben schien und daher dem Knaben Tangel nicht glich, konnte der Gefangene doch nicht zweifeln, daß er es war, und so weit als möglich sich hinausbeugend, flüsterte er: »Nimm meine Hand, Tangel!«

Sofort umklammerten die dünnen Finger des Knaben die seinigen wie eiserne Zangen, und mit einem Sprung, der beinahe den jungen Ritter das Gleichgewicht verlieren machte, schwang sich Tangel durch das Fenster in das Zimmer.

»Haha!« sagte er mit leisem Lachen. »Wer vermag es, Tangel auszuschließen?«

»Kein Mensch, scheint es, mein guter Knabe«, antwortete Hugh ebenso leise. »Aber warum kommst du hierher? Ich fürchte, ich kann nicht so hinuntersteigen wie du herauf!«

»Hilf mir nur von meiner Bürde«, versetzte der Knabe flüsternd. »Du wirst bald sehen, warum ich komme. Aber wir müssen so leise wispern wie die Mäuse; denn Tyrannen haben feinere Ohren als die Hasen und schärfere Augen als die Katzen. Da sind ein Priesterrock und eine Kapuze für dich und ein Chorknabenkleid für Tangel. Du hast gerade die Größe von des Königs Beichtiger, und ich werde für seinen Brevierträger gelten. Hier ist auch eine Strickleiter, nicht viel dicker als ein Spinngewebe, aber stark genug, um selbst den fetten Mönch von Barnesdale zu tragen.«

Hugh de Monthermer wurde einen Augenblick von einem grenzenlosen Dankbarkeitsgefühl übermannt. Leben und Freiheit lagen wieder vor ihm. Er schloß den Knaben in seine Arme und sagte: »Wenn ich leben bleibe, Knabe, werde ich dich belohnen.«

»Keinen Dank mir, guter Ritter«, versetzte Tangel leise. »Es ist alles Robins Werk, obgleich ich sehr vergnügt bin, auch eine Hand im Spiel zu haben. Er, der große Karrengaul, könnte freilich sowenig diese Mauer erklimmen wie über die Lincolnkirche springen. Aber kommt jetzt! Befestigt diese Haken am Fenster, werft den Priesterrock über, und dann wollen wir nach der Schildwache sehen. Sie wird wieder vorbeikommen, ehe wir alles fertig haben.«

»Es sind auch im äußeren Hof Schildwachen«, gab Hugh de Monthermer zu bedenken. »Was sollen wir anfangen, wenn wir einer davon begegnen?«

»Gebt ihnen das Losungswort«, sagte Tangel. »Ich habe, mich so dicht an die Mauer schmiegend wie Efeu an einen alten Turm, gewartet, bis ich die Runde passieren und die Losung geben hörte. Sie heißt: ,Die drei Leoparden'. Aber da kommt der Posten. Nun fort - schnell! Er wird bald wieder zurück sein!«

Sie ließen die Leiter sacht vom Fenster hinunter, und Hugh hieß den Zwerg zuerst hinabsteigen. Aber Tangel erwiderte: »Nein, nein, ich will nachkommen und die Leiter mitbringen. Ich habe mir meine eigene Treppe gemacht an den vier Stiften, die ich in die Ritzen hineingebohrt habe. Steigt hinunter, heiliger Vater, steigt hinunter! Und wenn dies Buch ein Brevier ist, nehmt es mit Euch.«

»Es kann als solches dienen«, sagte Hugh, der trotz des Ernstes der Situation lächeln mußte. »Aber ehe ich gehe, muß ich ihnen eine Botschaft zurücklassen.« Ein Stück halbverkohltes Holz aus dem Kamin nehmend, schrieb er damit einige Worte an die Wand. Dann trat er ans Fenster, stieg hinaus und klomm rasch und gewandt hinunter auf den Wall.

Der Zwerg schien einige Mühe zu haben, die Haken der Leiter loszumachen; denn er folgte nicht so schnell, wie Hugh es erwartet hatte. Sei es nun, daß der wachthabende Soldat umkehrte, bevor er ganz bis ans Ende seiner Runde gekommen war, oder daß sein Schritt rascher war als zuvor - ehe noch der Knabe herunterzuklimmen begann, hörte man schon den Soldaten von der andern Seite des Walles her kommen. Hugh warf rasch einen Blick zu dem Turmfenster hinauf und war sicher, daß der Knabe das Nahen der Schildwache gemerkt hatte; denn er war nicht zu sehen. Auch die Leiter hing so nahe an dem Gebäude, daß man sie ohne genaue Untersuchung nicht wahrnehmen konnte. Sein Entschluß war in einem Augenblick gefaßt: Er zog die Kapuze weiter über das Gesicht, kreuzte die Arme über der Brust und schritt der Schildwache mit langsamen Schritten, die Augen zu Boden geheftet, entgegen.

Sobald der Soldat um die Ecke bog und ihn erblickte, rief er: »Wer da? Halt! Gebt die Losung!«

»Die drei Leoparden«, entgegnete Hugh mit ruhiger, fast schleppender Stimme.

»Passiert!« rief die Schildwache. »Euern Segen, heiliger Vater. Das ist eine dunkle Nacht!«