»Dominus vobiscum!« versetzte Hugh salbungsvoll. »In der Tat, sie ist dunkel, mein Sohn. Aber keine Nächte sind dunkel für das Auge Gottes.« Mit der Schildwache auf ihrer Runde umkehrend, fuhr er, als sie unmittelbar unter dem Fenster vorbeikamen, hinter dem Tangel hockte, laut fort: »Habt Ihr meinen Knaben auf Eurer Runde nicht gesehen? Er sollte mit den Büchern nachkommen. Aber wahrhaftig, er ist ein träger Schlingel und plaudert ohne Zweifel noch mit den Pagen in des Königs Vorzimmer.«
»Ich habe ihn nicht gesehen, heiliger Vater«, sagte der Soldat. »Ist der König noch auf?«
»Ja«, antwortete Hugh, »und wird noch die nächste Stunde aufbleiben.« Und er schritt an der Seite der Schildwache langsam weiter, bis sie das Fenster nicht mehr sehen konnten.
»Der Knabe läßt entsetzlich lange auf sich warten«, vermerkte schließlich der vermeintliche Priester und blieb stehen.
»Wollen wir umkehren und nach ihm sehen, guter Vater?« fragte der Soldat.
»O nein!« versetzte Hugh. »Er muß hierherkommen; denn er hat um den Hof herumzugehen, wenn anders er nicht etwa die Treppe auf der anderen Seite benutzt.« Während er noch sprach, hörte man den Laut von rasch folgenden Schritten, und die Schildwache wandte sich hastig um mit dem Ruf: »Wer da?«
»Die drei Leoparden«, antwortete eine kindliche Stimme, ganz unähnlich der Tangeis. Aber es war Tangel in seinem weißen Chorknabenrock und der Kapuze, ein kleines Bündel unter dem Arm tragend.
»Du hast dich unnötig und leichtfertig umgetrieben«, rief der Ritter, »und wirst dafür Büßung erleiden!«
Aber er wagte es nicht, seine erheuchelte Rüge weiterzutreiben, damit nicht ein Mißgriff im Gespräch zwischen ihm und Tangel sie verriet. An der Seite der Schildwache schritten sie weiter bis an die Treppe, die in den großen Hof hinabführte. Hier wünschte er dem Soldaten gute Nacht und erteilte ihm feierlich den Segen,
Die Wache, die unten an der steinernen Treppe stand, hatte das Gespräch zwischen ihrem Kameraden und dem vorgeblichen Priester oben gehört und geleitete, ohne auch nur nach dem Losungswort zu fragen, den jungen Ritter und Tangel bis zu der Torwache.
Das große, hölzerne Tor unter dem Bogengang stand offen, während mehrere Soldaten draußen herumlungerten, ihre wachfreie Zeit in verliebten Unterhaltungen mit einigen hübschen jungen Mädchen von Nottingham verbringend, die sich noch zu dieser späten Stunde auf die Zugbrücke gewagt hatten, ihren guten Ruf (falls sie ihn noch besaßen) in der Gesellschaft der Gewappneten zu verlieren. Die am Ende der Zugbrücke postierte Schildwache nahm an der Kurzweil der anderen so viel Anteil, daß sie erschrocken auffuhr beim Laut von Schritten und ihre Wachsamkeit dadurch beweisen wollte, daß sie die Waffe senkte und barsch nach der Losung fragte. Hugh gab sie sogleich und setzte mit mildem Tadel hinzu:
»Solltet Ihr, mein Sohn, nicht mehr auf der Hut sein gegen die Hereinkommenden als gegen die Hinausgehenden?«
»Geht Eures Weges und kümmert Euch um Eure Angelegenheiten, Herr Priester!« versetzte der Soldat. »Diese Schelme in ihren schwarzen Röcken«, murmelte er, »möchten, daß niemand mit einem hübschen Mädchen plaudere, außer ihnen selbst.«
Hugh war immer zugeschritten; denn er hatte gar keine Lust, sich aufzuhalten, um mit dem Soldaten das Kapitel der Pflicht zu erörtern. So eilten sie durch die finsteren Straßen von Nottingham, rasch den Hügel hinabsteigend und mit jedem Schritt leichter atmend.
»Horch!« sagte Hugh endlich leise zu dem Knaben. »Hörst du nicht, daß uns Leute folgen?«
»Das ist ganz wahrscheinlich«, versetzte Tangel. »Ich bin nicht allein in Nottingham. Wir stoßen jedoch vielleicht auf Schwierigkeiten am Stadttor; denn der Wächter ist dort so grimmig und mürrisch wie ein Bär. Obgleich wir ihn alle wohl kennen, ist doch zu wetten, daß er nicht wird aufstehen und den Schlüssel umdrehen wollen.«
Binnen kurzem waren sie am Stadttor angelangt, und der Knabe pochte an das niedere Pförtchen unter dem Bogen. Anfangs erfolgte gar keine Antwort. Aber Tangel, nachdem er noch einmal gepocht, schrie laut: »Ho, Matthew Pole! Matthew Pole! öffnet das Tor für einen ehrwürdigen Vater, der hinaus muß, einem Kranken die Beichte zu hören.«
»Um Beichte zu hören bei einem leichtsinnigen Mädchen oder einem Fäßchen Sekt!« brummte eine zornige Stimme drinnen. »Ich stehe euretwegen nicht auf! Und wenn ich es täte, ich könnte zu dieser späten Nachtstunde das Tor nicht weit genug aufmachen für den fetten Mönch von Barnesdale, daß er seinen Bauch hinauswälzen kann!«
»Es ist weder der von Barnesdale noch auch Tuck«, rief der Knabe, »sondern ein heiliger Priester, der vom Schloß kommt!«
»Dann täte er besser, wieder dahin zu gehen, woher er gekommen ist«, ließ sich der Torwächter ungerührt vernehmen. »Pack dich fort, oder ich schütte dir etwas über den Kopf, was deine Kleider auf viele Tage verunzieren soll! Pack dich fort, sage ich, und laß mich schlafen, bis die heillosen, schwärmenden Lords vom Schloß herunterkommen, die alle Nacht hinausziehen zu ihrem Quartier in Lamley.«
In diesem Augenblick hörte man das Geräusch von Pferdehufen und lebhaft redenden Stimmen, die sich rasch näherten. Hugh de Monthermer, die Hand unter den schwarzen Rock steckend, faßte den Griff des großen, scharfen Messers, das man ihm zufällig noch gelassen hatte. »Ich werde mein Leben teuer verkaufen«, sagte er zu Tangel.
»Tretet ins Dunkel«, flüsterte dieser, »so werden sie Euch nicht sehen. Es sind sicher die Lords, die außerhalb der Stadt schlafen.«
Hugh de Monthermer hatte kaum Zeit, sich zurückzuziehen, als schon ein Trupp Reiter auftauchte.
»Heda!« rief einer von ihnen, als sie am Tor ankamen, »öffnet das Tor! - Seid Ihr des Torwächters Gehilfe?«
»Nein, mit Verlaub, edler Lord«, versetzte Tangel. »Ich kann den alten sauertöpfischen Matthew Pole nicht dahin bringen, einen Riegel wegzuschieben oder einen Schlüssel umzudrehen, obgleich er weiß, daß wir Eile haben.«
»Heda! öffnet das Tor«, wiederholte der Sprecher lauter. »Und wie wißt Ihr, daß ich ein edler Lord bin, mein Freund?« fragte er den Knaben.
»Weil Ihr auf Eurem Roß sitzt wie der Graf von Mortimer«, antwortete Tangel.
»Das könnt Ihr schon so sagen«, versetzte der andere mit einem selbstgefälligen Lachen. »Aber wer ist das unter dem Torbogen?«
»Das ist mein Oheim, der gute Priester von Pierrepont. Er geht, um dem Mann die Beichte zu hören, der, wie Euer Lordschaft weiß, vom Felsen herabstürzte, gerade um Sonnenuntergang.«
»Ich weiß nichts von ihm«, rief Mortimer. »Aber ich weiß, daß, wenn dieser Torwächter nicht bald kommt, er es bereuen soll. - Geh hinein, Jenkin, und schlitz ihm die Ohren auf mit deinem Messer, daß sie wie die eines Köters aussehen! - Ha, da kommt er endlich! Ei wie, Torwächter? Ihr untersteht Euch, mich warten zu lassen? Beim Himmel, ich habe Lust, Euch über dem Tore hängen zu sehen!«
Der mürrische Alte brummte etwas, daß ihm seine Laterne ausgegangen, und fuhr dann laut fort: »Ich erwartete Euch nicht so bald heute nacht, mein Lord. Ihr pflegt sonst eine Stunde später zu kommen.«
»Ja, aber wir haben morgen mit Tagesanbruch ein wichtiges Geschäft«, rief Mortimer. »So müssen wir beizeiten zu Bett.«
Langsam und mit Widerstreben zog der Torwächter die große eichene Schranke weg und sagte: »Ihr müßt die Losung geben, mein Lord.«
»Die drei Leoparden«, erwiderte Mortimer. »Kommt, öffnet nun endlich das Tor, oder es soll Euch übel ergehen!«
Mit herausfordernder Gemächlichkeit schob der Alte Riegel um Riegel zurück und tat die schweren hölzernen Torflügel weit auf. Ohne ein weiteres Wort ritt Mortimer mit seinem Gefolge hinaus, und seine Kleider streiften im Vorbeireiten Hugh de Monthermer. Der junge Ritter und der Knabe folgten langsam, und ehe das Tor wieder geschlossen werden konnte, schritten verschiedene andere Männer, die eilig von den benachbarten Straßen herbeikamen, schweigend hinaus, ohne dem Torwart die Losung zu geben.