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»Ha, Ihr Diebe!« sagte der Torwart zu dem letzten derselben. »Wenn ich Euch einschließen wollte, gäbe es morgen ein schönes Hängen!«

»Nicht doch«, versetzte der Mann gemütlich. »Dann würde nur einer gehangen heut nacht, guter Matthew, und der wärt Ihr. Oder glaubt Ihr etwa, daß wir das Hängen anfangen ließen, ohne zuerst Hand anzulegen dabei?«

Die beiden Flüchtlinge hatten in wenigen Minuten einen unter Bäumen hinlaufenden Pfad erreicht. Kaum, daß sie ihn betreten, faßte plötzlich eine Hand Hugh de Monthermers Arm, und eine Stimme rief: »Frei, mein guter Lord! Meiner Treu, wir werden, wenn es so weitergeht, binnen kurzem alles, was ehrlich und redlich ist am Hof, unter den grünen Ästen des Sherwood haben. Ich denke, des Königs Wildbret wird der einzige rechtmäßige Unterhalt für ehrliche Leute sein; denn wenn sie nicht seine Hirsche nehmen, nimmt er ihnen den Kopf.« 

»Robin«, sagte Hugh, mit Wärme des Geächteten Hand fassend, »das ist alles dein Werk, ich weiß, und dir verdanke ich mein Leben.«

»Nicht mein Werk ist es«, entgegnete Robin Hood abweisend, »sondern das des Knaben! Das Beste, was ich ersinnen konnte, war der Anschlag, morgen gewaltsam in den Schloßhof zu dringen, des Tores mich zu bemächtigen, einen Pfeil in Mortimers Herz und einen zweiten in des Henkers Auge zu senden, ein allgemeines Gefecht anzufangen, während Ihr in Freiheit gesetzt würdet, und dann so schnell wie möglich zu fliehen. Es war ein schlechter Anschlag, aber zu so früher Morgenstunde hätten wir ihn vielleicht durchgeführt, weil dann die halbe Welt schläft und die andre Hälfte unbewaffnet ist. Aber Tangel erklärte, er könne die Mauer hinaufklettern wie eine Katze. So ließen wir es ihn denn versuchen und sorgten nur dafür, Leute und Leitern in Bereitschaft zu halten, um ihn sicher davonzubringen, falls er gefangen würde. So ist es sein Werk, mein Lord; denn es gelang Euch, des Knaben Liebe zu gewinnen.«

»Und er hat die meinige gewonnen für immer«, antwortete Hugh. »Aber das kann jetzt niemand viel nützen!«

»Glaubt das nicht!« versetzte der Geächtete. »Vielleicht sogar mehr als früher, mein guter Lord! Werft Eure höfischen Kleider ab, begebt Euch in den grünen Wald und verteidigt mit Eurer starken Rechten Euch und Eure Freunde, bietet Höfen und Königen mit kecker Stirn Trotz, und es werden Euch nie die Mittel fehlen, denen Wohltaten zu erweisen, die Euch dienen. Ich sollte mich vielleicht nicht rühmen; aber Robin Hood, der König vom Sherwood, besitzt nicht geringere Macht innerhalb seines Gebietes als der Dritte Heinrich auf dem Thron von England - aber, bei meiner Treu, ich hätte gehofft, die Heilige Jungfrau hälfe Scathelock und dem Müller mit ihrer Bande aus dem Tore herauskommen, denn sie bleiben lang aus, und es wird morgen früh ein schönes Jagen geben in allen Winkeln und Ecken von Nottingham. Ich selbst kam mit Hardy und Pell über die Mauer.«

»Sie sind sicher genug, rücksichtsloser Robin!« rief Tangel. »Ich hörte des Müllers lange Zunge Worte wechseln mit dem sauertöpfischen alten Torwächter Matthew Pole. Horch! Das sind ihre Schritte! Wir täten aber besser, endlich weiterzugehen; denn ich spüre eben jetzt das Bedürfnis zu schlafen.«

»Du sollst für deine guten Dienste schlafen, solange du willst«, entgegnete Robin. »Aber Ihr und ich, mein Lord, wir müssen noch heute nacht weiter; denn es ist notwendig, daß man in der Umgebung von Nottingham keine Spur von Euch findet. Ich habe starke Pferde ganz nahe bei der Hand, und wenn Ihr meinem Rat folgt, so werdet Ihr bei Tagesanbruch fünfundzwanzig Meilen von dem Ort entfernt sein, wo sie Euch zu finden glauben. Es wird für uns alle das beste sein, wenn wir nach und nach diese Gegend verlassen; meine Männer haben ihre Befehle, und ich bin bereit.«

Der Rat war klug, so daß Hugh de Monthermer ihn bereitwillig befolgte und binnen weniger Minuten ritten er und Robin Hood durch die dunklen, schattigen Wege des Sherwood, so schnell es die Finsternis der Nacht gestattete. 

XXX

IN DEM KLEINEN, am unteren Stadtrand gelegenen Holzhaus, das Richard de Ashby für seinen Aufenthalt in Nottingham gemietet hatte, saß die unglückliche Kate Greenly an einem Fenster und schaute über die Wiesen und Äcker hin. Ein schwacher Schimmer der Herbstsonne fiel auf das Mädchen und ließ es so schön wie je erscheinen, denn obgleich ihr Gesicht die Röte ländlicher Gesundheit verloren hatte, zeichneten sich ihre Züge doch durch einen eigentümlichen schwermütigen Ausdruck aus, der für sie einnahm.

Ihre Blicke waren auf die herbstlichen Felder geheftet, aber sie dachte nicht an die glücklichen Tage ihrer Kindheit, nicht an die Kurzweil und Freuden ihrer Jugend, sondern an Richard de Ashby, der sie mißhandelt und verraten hatte, den sie jetzt haßte und fürchtete und doch noch liebte, so seltsam dies scheinen mag. Plötzlich zuckte ein Ausdruck der Furcht über ihr Gesicht. Sie hatte Richards Schritte auf der Treppe vernommen und wußte, sie durfte ihn nicht merken lassen, daß sie nachdenklich gewesen war. Hastig holte sie den Rocken und das Spinnrad und beugte ihr Haupt über den Faden.

Er trat in das Zimmer, einen roten Fleck auf der Stirn, die Zähne fest zusammengebissen, die Lippen heruntergezogen. Leidenschaftlicher Zorn sprach aus jeder Linie seines Gesichts, und die Wut drückte sich sogar in jedem seiner Schritte aus. Er trat näher, als wolle er gerade auf Kate Greenly zugehen, blieb dann aber in der Mitte des Zimmers stehen, stampfte mit dem Fuß auf und rief: »Verflucht und nochmals verflucht!« Sich dann zu dem unglücklichen Mädchen wendend, schrie er: »Pack dich in dein Zimmer! Was treibst du dich hier herum, Dirne? Schick dich an, in wenigen Tagen zu deinem Vater zurückzukehren oder - wenn dir das besser gefällt —«, fuhr er mit einem zynischen Lächeln fort, »zu deinem Liebhaber, dem Freisassen. Er wird ein herrliches Schätzchen an dir finden.«

Kate stand auf und starrte ihn einen Augenblick fassungslos an. Dann sagte sie ganz ruhig: »Ich bin bereit, zu meinem Vater zurückzukehren. Ich habe mich schon selber dazu entschlossen; denn ich will nicht mehr mit dir leben, Richard de Ashby. Am besten gehe ich sogleich fort.« 

»Nein, zum Teufel, das sollst du nicht!« schrie er, entschlossen, das Opfer seiner Tyrannei nicht freizugeben. »Pack dich in dein Zimmer, sag' ich. Ich werde dich zurückschicken, wenn es mir paßt. Fort! Ich erwarte andere Leute hier!« Ohne Antwort schritt Kate Greenly an ihm vorbei der Tür zu. 

Er hätte sie am liebsten geschlagen; denn der Zorn, der in diesem Augenblick in seinem Herzen tobte, forderte gewaltig einen Gegenstand, an dem er sich auslassen konnte. Sie sah ihn aber nicht einmal an, und so hatte er keinen Vorwand.

Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, faltete Richard de Ashby seine Hände ineinander und schritt im Zimmer auf und ab, indem er murmelte: »Dieser Dummkopf von Mortimer! Hatte ihn in der Hand und läßt ihn in seinem Zimmer, das jedes Kind erklettern konnte! - Pfui über den Narren! Dabei gibt es dort Kerker, so tief wie ein Brunnen! Aber er kümmert sich um nichts, sondern denkt nur an die Ländereien, die er gewinnt. Wie ist nun über die Schwierigkeit wegzukommen?«

Während er sinnend am Fenster stand, wurde hinter ihm die Zimmertür geöffnet, und vier Männer traten herein. Zwei waren gekleidet wie Höflinge und zwei wie Personen geringeren Standes. Diejenigen jedoch, deren Anzug vornehmes und höfisches Betragen erwarten ließ, besaßen nichts weniger als gefällige Anmut oder männliche Würde. Statt dessen zeigten sie ein anmaßendes, affektiertes Wesen und warfen ängstliche und verstohlene Blicke umher.

»Nun, Dickon«, rief der zuerst Eingetretene, »wir haben reiflich über die Sache nachgedacht! - Aber was siehst du so verdattert drein? Hat der Prior von St. Peter deinem Schatz den Hof gemacht? Oder der König dir im Spiel dein Geld abgenommen. Oder hat womöglich ...«